Aus: Ausgabe vom 06.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Von Rot auf nichts

Nora Bossong findet in ihrem Gedichtband »Kreuzzug mit Hund« starke Bilder für Zeiten des Übergangs

Von Carsten Otte
Abschluss_CSU_Partei_51432988.jpg
»Ich zählte zweiundzwanzig Paradiese, müde vom Smog / und all den Mysterien: lauernden Meteoriten / Propheten, Belüftungsmaschinen, von all den Namen«

Wie politisch kann Lyrik sein, ohne die Dichtkunst an die Politik zu verraten? Die 1982 in Bremen geborene und mit zahlreichen Preisen bedachte Schriftstellerin Nora Bossong gibt in ihrem neuen Gedichtband, ihrem ersten im renommierten Suhrkamp-Verlag, eine beeindruckende Antwort auf diese Frage. »Kreuzzug mit Hund« heißt das vielseitige Werk, das einen großen Bogen spannt, vom Okzident zum Orient, das Sachbearbeiter zu Wort kommen lässt und Naturstimmungen im urbanen Umfeld nachspürt.

Das Buch enthält neun Gedichtzyklen, die auf den ersten Blick nur lose miteinander verbunden sind, die aber dennoch eine innere Verzahnung aufweisen, in thematischer, geographischer und sprachlicher Hinsicht. Es beginnt mit einem Zyklus, der mit »Kurzes Asyl« überschrieben ist, und wenn es ein politisches Reizwort in den vergangenen Jahren gegeben hat, dann eben jenes, das vom Schutz handelt, der Menschen zuteil wird, die auf der Flucht sind vor Krieg, Hunger und Repression. Bossong aber nimmt dem Asylbegriff die politische Schwere und lässt im gleichnamigen Gedicht eine kleine Herde verstörter Ziegen auftreten, die plötzlich vor der Tür stehen, dabei hatte sie niemand bestellt, so dass sie irgendwann wieder von einem Lieferwagen abtransportiert werden. Eine groteske Szene, die von einer allzu lebendigen und fehlgeleiteten Postsendung handelt und die auch von unserer Angst vor dem Fremden erzählt. »Ach, Europa« ist der Titel des ersten Gedichts in diesem ersten Zyklus, und Europa ist hier eine »verschreckte Zwergin am Ende der Welt«.

Dass man über die EU einen guten Roman schreiben kann, hat Robert Menasse im vergangenen Jahr bewiesen (»Die Hauptstadt«), jetzt also Brüsseler Bürokratie im Gedicht. »Ein Panoptikum aus Irren und Ehrenbürgern, Bagatellen und bösen Geistern«, heißt es bei Nora Bossong über das vergangene und gegenwärtige Europa. Aber den Optimismus möchte das lyrische Wir nicht verlieren, der verschreckten Zwergin wird Mut zugesprochen: »Wir muntern sie auf und beteuern, dass es einmal gut ausgeht mit ihr.«

Bossong schreibt sowohl Prosa als auch Lyrik, zuletzt hat sie eine Reportage übers Rotlichtmilieu veröffentlicht. Vielleicht ist diese Themen- und Formenvielfalt im Werk der noch jungen Autorin ein Vorteil, um die Grenzen der jeweiligen Genres auszuloten, um gleichzeitig aber auch die sprachlichen Verbindungslinien gekonnt zu bestimmen. So »erzählt« ihre Lyrik, wird dadurch sehr anschaulich, und ihre Prosa ist auf unbeschwerte Art poetisch.

Im zweiten Zyklus des neuen Gedichtbandes geht es dann auch um »bürgerliche Existenzen«, wobei das Bürgertum bei Bossong vor allem in der Bürokratie aufzugehen scheint. In diesen Versen werden Formulare und Formblätter zum poetischen Material, und durch die bürokratischen Strukturen weht ein milder Wind der Melancholie. Besonders stimmungsvoll sind jene Gedichte, die sich mit den Jahreszeiten des Übergangs und dem Jahreswechsel befassen. Der Herbst ist ein Dauerbrenner in der Geschichte der Dichtkunst, und dennoch vermag die Autorin ganz eigene Bilder zu entwerfen, auch weil sie die Naturstimmung ins Urbane verlegt – sehr eindrücklich beispielsweise in ihrem Gedicht »Im letzten Moment November«.

»An einem Wagen strahlt der Blinker

als letzter Lichtblick dieser leergeräumten

Stadt. Die Straßen ausstaffiert mit nassem Laub,

sie wollen mir wohl noch beweisen, dass Schönheit

nichts bewirkt, zu Hause nirgends ist. Erinnerungen

tauchen hier in einer Pfütze ab. Die Ampel vor mir

schaltet sich von Rot auf nichts, flammt kurz noch auf,

erlischt, ein scheuer Bruch mit der Routine toter Dinge.«

Nora Bossongs Gedichtband bietet eine große Breite poetischer Ausdrucksformen, mit denen mal die hiesige Provinz, dann große Städte im Süden, sowohl die bösen Geister der Vergangenheit als auch die Gespenster der Gegenwart sprachlich eingefangen werden. Zum Schluss landen wir im Iran, und in den Teheraner Gedichten ist auch das Poem zu finden, das dem Band den Titel gab: »Kreuzzug mit Hund« ist dabei nicht als Provokation zu verstehen, eher als Absage an die Heilsversprechen monotheistischer Religionen und die Propaganda politischer Demagogen: »Ich zählte zweiundzwanzig Paradiese, müde vom Smog / und all den Mysterien: lauernden Meteoriten / Propheten, Belüftungsmaschinen, von all den Namen / die wir selbst erfanden, Jagdszenen, Hellebarden, / verletzte Traumphantasien.«

Es könnte so einfach sein, hört man die Dichterin in ihren Zeilen denken, es wäre zumindest nicht allzuschwer, sich von diesem Smog der Geschichte zu befreien. Nora Bossong ist eine Lyrikerin, die sich auf Übergänge versteht. Sie hat einen sprachmächtigen und politischen Gedichtband geschrieben, ohne sich dabei einer politischen Agenda zu verschreiben. Im Grunde ist ihre Lyrik auch ein Gesprächsangebot für alle, die wegen ideologischer Diskrepanzen nicht mehr miteinander reden möchten. Warum nicht über Gedichte wieder ins Gespräch kommen, lautet eine unausgesprochene Botschaft dieses Bandes, die naiv wirken mag, aber nach der Lektüre der Gedichte um so plausibler wird. Ein Werk zum Vorlesen und Nachlesen; gut komponierte Zyklen mit sinnlichen Zeilen, die lange nachhallen. Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse im kommenden Frühjahr relevant ist. Womit wir schon wieder bei ganz anderen (lyrischen) Temperaturen und Bildern wären.

Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 101 Seiten, 20 Euro


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton