Aus: Ausgabe vom 06.12.2018, Seite 8 / Ansichten

Abwäger des Tages: Bernd Riexinger

Von Michael Merz
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Sowohl als auch: Linke-Chef Bernd Riexinger

Bernd Riexinger hat sich vom Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch eine steile These zu den »Gelbwesten«-Protesten in Frankreich entlocken lassen: »Das Potential Ultrarechter in den Reihen der Bewegung ist besorgniserregend«, sagte der Linke-Vorsitzende. »In Deutschland wäre eine solche Verbrüderung linker und rechter Gesinnung nicht denkbar.« Beides ist falsch. Zum einem lassen sich die Demonstranten gegen die neoliberale Politik des selbstherrlichen Emmanuel Macron keiner Partei oder Gewerkschaft zuordnen. Und nach rechts offene »Mahnwachen« einiger deutscher Protagonisten, die als Feigenblatt die Friedenstaube missbrauchten, sind gar nicht so lang her. Sicher, französische Neonazis versuchen, aus dem Aufstand Kapital zu schlagen. Und ihre deutschen Komplizen streifen sich peinlicherweise auch gelbe Leibchen über. Riexingers Bemerkungen zeugen jedoch nicht gerade von der Kampfeslust, die von einem Linke-Chef zu erwarten wäre. Auch wenn er nachschickt, dass die Menschen »soziale Gerechtigkeit« forderten.

Es kam, wie es kommen musste. Kaum war Riexingers Statement in der Welt, konstruierten bürgerliche Medien einen Bruch des Burgfriedens zwischen Partei- und Fraktionsführung, der erst Ende vergangener Woche besiegelt worden war. »Riexinger vs. Wagenknecht: Die Linke streitet über Haltung zu ›Gelbwesten‹«, titelte Spiegel online genüsslich. Dabei hatten sich die Aussagen der Fraktionschefin zu den Protesten nicht gänzlich von denen Riexingers unterschieden, auch sie »bedauerte« Marine Le Pens Vereinnahmungsversuche. Ein ehemaliges Playboy-Model wird da erstaunlicherweise konkreter als die deutsche Linkspartei: »Was ist die Gewalt all dieser Menschen, und was sind brennende Luxusautos, verglichen mit der strukturellen Gewalt der französischen – und globalen – Eliten?«, schrieb Pamela Anderson jüngst auf Twitter.


Debatte

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  • Beitrag von Thomas P. aus B. ( 6. Dezember 2018 um 02:01 Uhr)

    jW kann es nicht lassen, Wagenknecht wieder eine »reinzuhauen«! Wagenknecht hatte »die Gelbwesten als Vorbild auch für Deutschland« bezeichnet. Ihr weiteres Statement: »Das Anliegen der Gelben Westen ist absolut gerechtfertigt.« jW bedauert – ist hier voll berechtigt –, dass »Kräfte um Marine Le Pen versuchen den Protest zu vereinnahmen«. On the contrary – aus letzterer Äußerung eine Nähe zum Riexinger-Statement zu konstruieren, ist mehr als voll daneben!
    Die Kritik von jW an den piefigen, miefigen Riexinger-Bemerkungen zu den Massendemonstrationen/Protesten in Frankreich erschöpft sich quasi in einer milden Rüge (»... zeugen nicht gerade von der Kampfeslust, die von einem Linke-Chef zu erwarten wäre ...). Riexinger – das erinnert mich irgendwie daran, dass in Deutschland bei einer Revolution der Rasen nicht betreten werden darf bzw. beim Sturm auf den Bahnhof eine Fahrkarte gelöst werden muss.
    a) Das permanente Gemaule über »Aufstehen« sowie das undifferenzierte Querfront-Gekläff à la Augstein (progressive Kräfte werden gleich mit diffamiert) an den Montagsmahnwachen/Friedensbewegung in der »marxistischen«, »revolutionären« (macht’s mal ein bisschen bescheidener) jW geht einem Onlineabonnenten erneut auf den Keks.
    b) Auf eine kritische Analyse des Kipping-Riexinger-Flügels (Open borders – da freut sich das Finanzkapital) warte ich vergebens;
    c) Leserkommentare/Debatten finden leider nur marginal statt – das ist mehr als bedauerlich; kann ich mir auch nicht erklären. Fände es nicht schlecht, wenn mir Kontra gegeben wird!
    c) Keine Zensur in Leserbriefen (Kürzungen, Auslassungen, Korrekturen etc.)!
    d) AP-, Reuters-, dpa-, AFP-Artikel braucht man m. E. nicht; kann ich in den Mainstreammedien lesen.

    • Beitrag von Jörg U. aus L. ( 6. Dezember 2018 um 09:08 Uhr)

      Ja, das Anliegen der Gelbwesten ist gerechtfertigt, und mir als Arbeiter und Online-WE-Abonnementen der jW geht das Wagenknecht-Bashing auch auf den Keks. Und zu den No-border-no-nation-Idiots ist auch schon alles gesagt, und dass einer der besten Kenner der NATO-Materie in der jW nicht mehr publiziert (Rainer Rupp), ist auch zum Kotzen. Da wird auf Rubikon, im Krokodil und anderswo viel näher an Marx argumentiert. Der Gipfel ist dann immer wieder die Querfront-Debatte. Da hat »man« wohl vom Nationalkomitee Freies Deutschland noch nie etwas mitbekommen. Und dann noch das »bedingungslose Grundeinkommen«, die Einführung der Esoterik in die volkswirtschaftlichen Analysen, ein Projekt der Oligarchen auch in Deutschland mit den »linken« Spinnern vom Institut der Solidarischen Moderne, den Anhimmlern von Tsipras, der das Streikrecht in Griechenland geschliffen hat, ich könnte endlos weitermachen – bei den Zionisten in der Linkspartei, den offenen Antikommunisten und den Russland-Hassern und Europa-über-alles-Chauvinisten, aber ich belasse es für heute mal ...

  • Beitrag von Thomas P. aus B. ( 6. Dezember 2018 um 02:02 Uhr)

    jW kann es nicht lassen, Wagenknecht wieder eine »reinzuhauen«! Wagenknecht hatte »die Gelbwesten als Vorbild auch für Deutschland« bezeichnet. Ihr weiteres Statement: »Das Anliegen der Gelben Westen ist absolut gerechtfertigt.« jW bedauert – ist hier voll berechtigt –, dass »Kräfte um Marine Le Pen versuchen den Protest zu vereinnahmen«. On the contrary – aus letzterer Äußerung eine Nähe zum Riexinger-Statement zu konstruieren, ist mehr als voll daneben!
    Die Kritik von jW an den piefigen, miefigen Riexinger-Bemerkungen zu den Massendemonstrationen/Protesten in Frankreich erschöpft sich quasi in einer milden Rüge (»... zeugen nicht gerade von der Kampfeslust, die von einem Linke-Chef zu erwarten wäre ...). Riexinger – das erinnert mich irgendwie daran, dass in Deutschland bei einer Revolution der Rasen nicht betreten werden darf bzw. beim Sturm auf den Bahnhof eine Fahrkarte gelöst werden muss.
    a) Das permanente Gemaule über »Aufstehen« sowie das undifferenzierte Querfront-Gekläff à la Augstein (progressive Kräfte werden gleich mit diffamiert) an den Montagsmahnwachen/Friedensbewegung in der »marxistischen«, »revolutionären« (macht’s mal ein bisschen bescheidener) jW geht einem Onlineabonnenten erneut auf den Keks.
    b) Auf eine kritische Analyse des Kipping-Riexinger-Flügels (Open borders – da freut sich das Finanzkapital) warte ich vergebens;
    c) Leserkommentare/Debatten finden leider nur marginal statt – das ist mehr als bedauerlich; kann ich mir auch nicht erklären. Fände es nicht schlecht, wenn mir Kontra gegeben wird!
    c) Keine Zensur in Leserbriefen (Kürzungen, Auslassungen, Korrekturen etc.)!
    d) AP-, Reuters-, dpa-, AFP-Artikel braucht man m. E. nicht; kann ich in den Mainstreammedien lesen.

  • Beitrag von Jürgen G. aus B. ( 6. Dezember 2018 um 14:37 Uhr)

    Merkt Michael Merz nicht, dass er mit seiner wiederholten Denunziation der Montagsmahnwachen sehr nahe am Riexinger-Urteil über die »Gelbwesten« steht?

    Wenn die junge Welt als linke Zeitung wirklich weiterexistieren will, dann sollte sie sich stärker einer offenen Blattkritik stellen. Damit kann einiges offengelegt werden, was in dieser Zeitung subtil eine affirmative und transatlantisch orientierte »Linke« stützt.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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