Aus: Ausgabe vom 06.12.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Ohrfeige für die Saudis

Mit Katar verlässt eines der langjährigsten Mitglieder die OPEC

Von Knut Mellenthin
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Katars Energieminister Saad Scherida Al-Kaabi

Vom 1. Januar 2019 an wird Katar nicht mehr Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) sein, der es seit 1961 angehört. Das gab der Energieminister des kleinen Fürstentums, Saad Scherida Al-Kaabi, am Montag bekannt. Es war eine Überraschung und ein medialer Paukenschlag. Katar gehört zwar nicht zu den fünf Staaten, die die Organisation am 14. September 1960 gründeten. Das waren Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und als einziger Staat außerhalb der Region Venezuela. Katar war zu jener Zeit noch ein britisches Protektorat, also praktisch nicht viel mehr als eine Kolonie. Trotzdem trat es 1961 als erstes Land nach den Gründungsmitgliedern der OPEC bei. Mit welchem Status und mit welcher rechtlichen Autorität das geschah, ist unklar. Schließlich war Katars Außenpolitik zu diesem Zeitpunkt noch Privileg der Regierung in London. Dem Fürstentum wurde seine staatliche Unabhängigkeit von der britischen Krone erst 1971 gewährt.

Wie auch immer: Katar ist quasi ein Gründungsmitglied der OPEC, und die Ankündigung seines Austritts wird weltweit mit guten Gründen ganz anders betrachtet und kommentiert als beispielsweise die wechselnde Mitgliedschaft Indonesiens in der Organisation.

Das ist in erster Linie eine politische Frage, keine rein ökonomische. Katar steht zur Zeit mit einer Erdölförderung von kaum mehr als 600.000 Barrel pro Tag nur auf dem 17. Platz der Weltrangliste. Das entspricht ungefähr 1,8 Prozent der gesamten Gewinnung innerhalb der OPEC. Katars Fördermenge des strategischen Rohstoffs ist in den letzten Jahren ständig gesunken. Vor fünf Jahren lag sie noch bei 730.000 Barrel pro Tag. Aber der auf einer langgestreckten Halbinsel liegende Kleinstaat spielt, politisch gesehen, seit mehreren Jahrzehnten eine unabhängige, vermittelnde Rolle. Seine Sonderstellung erscheint dadurch als gesichert, dass er die wichtigsten Kommandozentralen der US-Streitkräfte in der Region beherbergt. Zugleich pflegt das Fürstentum außergewöhnlich gute Beziehungen zum Iran, von dem es nur durch den Persischen Golf getrennt ist. Die zwei Staaten sind zur Zusammenarbeit mehr oder weniger gezwungen, weil sie sich das größte Erdgasvorkommen der Welt teilen, das zu zwei Dritteln unter dem Seegebiet Katars liegt.

Der Kleinstaat ist zur Zeit der weltweit größte Exporteur von verflüssigtem Erdgas, LNG, weil er dabei technisch mit Hilfe internationaler Investoren frühzeitig »die Nase vorn« hatte. In der offiziellen Begründung zum Austritt Katars aus der OPEC heißt es explizit, dass man in der Erdölförderung ohnehin keine erhebliche Rolle spiele und sich deshalb lieber ganz auf die eigene Stärke, das Erdgas, konzentrieren wolle. Das Fürstentum will dessen Ausbeutung bis 2011 von derzeit 77 auf 110 Millionen Tonnen pro Jahr steigern.

Aber dass Katars ohnehin nur mittelmäßige Ölförderung schrumpft, während die von Gas und dessen Vermarktung expandiert, ist zumindest seit einigen Jahren bekannt. Die Konzentration auf das Hauptgeschäft, nämlich Gas, wäre, allein genommen, kein vernünftiger Grund, die Einflussmöglichkeiten innerhalb der OPEC völlig aufzugeben. Es liegt daher nahe, Katars überraschenden und spektakulären Schritt mit den feindlichen Aktionen Saudi-Arabiens in Verbindung zu bringen. Das Regime in Riad hat im Juni 2017 einen allgemeinen Boykott gegen den Kleinstaat verhängt, dessen einzige Landgrenze die zu Saudi-­Arabien ist. Der Inselstaat Bahrain, dessen sunnitisches Königshaus sich gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit nur durch militärische Unterstützung der Saudis an der Macht hält, das stark von saudischer Finanzhilfe abhängige Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate sind die einzigen Staaten, die sich der Koalition gegen Katar angeschlossen haben. Der Austritt des Fürstentums aus der immer offener von Riad dominierten OPEC wird deshalb auch als politische »Ohrfeige« für das Regime in Saudi-Arabien interpretiert.


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