Aus: Ausgabe vom 05.12.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Gut organisiert

Gemeinden und Kleinbauern in Kolumbien wehren sich gegen Bergbaukonzerne. Bericht über einen Volksentscheid

Von Ani Dießelmann
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Aufforderung, an der Abstimmung teilzunehmen: San Lorenzo am 25. November 2018

Die Panamericana schlängelt sich nach zehn Stunden Fahrt von Cali Richtung Süden abenteuerlich an steilen Berghängen entlang durch den Südwesten Kolumbiens. Immer wieder muss der Busfahrer Felsbrocken ausweichen, die wegen des Regens mitten auf der Straße liegen. »Ein Glück, dass kein Erdrutsch die Straße versperrt«, sagt der junge Fahrer. Es wird gerade hell, aber die Sonne versteckt sich hinter dichtem Regen und Nebelschleiern. Dann deutet er auf ein Schild an der Landstraße, das den Hang hinunter in den dichten Nebel zeigt: »Hier geht es ab nach San Lorenzo. Aber ich lasse euch weiter oben raus, denn hier gibt es nicht mal was zum Unterstellen, und ihr werdet klitschnass.«

Weiter oben meint in diesem Fall eine Ansiedlung von ein paar Häusern, in der wir erfahren, dass erst in sechs Stunden ein Bus nach San Lorenzo fährt. Also setzen wir uns auf zwei Motorradtaxis, die uns für rund zehn Euro die eineinhalb Stunden hoch in die Berge fahren. Es regnet Bindfäden, und uns eröffnet sich ein Naturspektakel. Wir schliddern den ungepflasterten Pfad zunächst hinunter ins Tal des Flusses Juanambú, überqueren ihn und kämpfen uns den Schlammpfad auf der gegenüberliegenden Seite in die Berge hinauf. Über den Wolken klart es auf und erlaubt den Blick auf atemberaubende Schluchten und bewirtschaftete Felshänge.

Endlich angekommen, begrüßt uns eine ältere Dame mit Kittelschürze, die am Platz frittierte Teigtaschen und süßen schwarzen Kaffee verkauft: »Willkommen im Himmel.« Sie erklärt, dass San Lorenzo in den Wolken feststecke. Das erkläre die Feuchtigkeit in der Luft. In diesem Dörfchen im südlichen Bundesstaat Nariño sind für den folgenden Tag, den 25. November, 12.800 Wähler aufgerufen, über Bergbauprojekte in ihrer Region abzustimmen. Wir sind als Beobachter eingeladen. Nach einer Einweisung, der Übergabe der Wahlzettel an die Verantwortlichen, Überprüfungen der Siegel und des Wahlmaterials sowie ewig langen Treffen legen wir uns endlich hin, denn um fünf Uhr am Morgen werden wir vom Lärm geweckt werden.

Selbstorganisation

Sonntag ist nicht nur Wahl-, sondern auch Markttag. Die Gassen des gestern noch so verschlafenen Dorfes sind von Rufen, Hupen und Motorengeräuschen erfüllt. Dazu ein Jeep, auf dessen Ladefläche eine ganze Gruppe junger Leute zur Wahl auffordert. Sie winken uns zu und rufen: »Danke, dass ihr da seid! Heute schreiben wir Geschichte!«

Der Volksentscheid wurde selbstorganisiert, erklärt Camilo Delgado, der Vorsitzende des Organisationskomitees, den wir zum Wohllokal begleiten. »Nachdem einige Gemeinden solche Befragungen durchgeführt und alle mit über 90 Prozent gegen Bergbau gestimmt hatten, bekam die Regierung kalte Füße.« An den Abstimmungen sei deutlich geworden, dass man in Bogotá »gegen uns regiert«, so Camilo. Also ließ man am 11. Oktober das Verfassungsgericht auf Initiative des Konzerns Mansarovar Energy Colombia Ltd. urteilen, dass Volksbefragungen über Bergbauprojekte nicht mehr zugelassen werden dürften. In der Begründung heißt es, dass der Boden unterhalb der Erdoberfläche allein dem Zugriff des Staates vorbehalten sei und die dezentralen administrativen Verwaltungseinheiten deshalb nicht darüber entscheiden dürften.

Damit haben die obersten Richter Rechtsunsicherheit geschaffen, denn in ihrem Urteil »T 445« von 2016 hatten sie noch eindeutig Landkreise und Departamentos befugt, den Bergbau zu verbieten, um über die Nutzung des Bodens selbst zu bestimmen und die Umwelt zu schützen. Seither sind jedoch fünf von neun Richtern durch konservativere Juristen abgelöst worden, und prompt vertritt das Verfassungsgericht eine gegenteilige Position.

Camilo und das Organisationskomitee hatten also keine staatlichen Gelder zur Verfügung, sondern mussten alles selbst finanzieren. Wir erreichen das Wahllokal gegen sieben, eine Stunde vor Öffnung. Es herrscht reges Treiben, Urnen werden auf die Tische verteilt, die versiegelten Wahlzettel übergeben, Listen mit den Nummern der Personalausweise der Wahlberechtigten werden aufgehängt, auf denen die entsprechenden Wahltische verzeichnet sind.

Erde bleibt in der Erde

In den letzten Monaten wurden die Vorbereitungen zur Wahl von lokalen Institutionen, Bildungseinrichtungen und der Kirche unterstützt. Sowohl der Bürgermeister Jader Gaviria Armero als auch der Gemeinderat hatten die Abstimmung befürwortet und einstimmig für die Durchführung votiert. Die Lehrerschaft der beiden Dorfschulen hatte Aktionstage zum Thema Bergbau und Umweltverschmutzung organisiert und eine symbolische Abstimmung unter den Schülern durchgeführt. Alle stimmten gegen »Extraktivismus«, also eine wirtschaftliche Orientierung an Raubbau und Rohstoffexporten. Als die Finanzierung seitens der Obersten Wahlbehörde abgelehnt wurde, hatten sich die Lehrer freiwillig als Wahlhelfer gemeldet. Sogar der katholische Priester der kleinen Gemeindehauptstadt hatte auf seinen Messen das Thema zur Sprache gebracht und die Gemeindemitglieder zur Abstimmung motiviert.

Als die Türen geöffnet werden, wartet bereits eine Schlange davor. Die ersten Wähler sind vor allem ältere Menschen, die den Markttag nutzen. »Ich muss diese Zitronen noch verkaufen, um die Rückfahrt zu meiner Finca zahlen zu können«, erzählt eine alte Dame ohne Schuhe. Sie hält einen grobmaschigen Sack mit einigen wenigen vollreifen, in der Region typischen Mandarinzitronen. An dem Wahltisch, den ich beobachte, kaufen wir ihr alle ab und erklären ihr die Wahl.

Auf dem Stimmzettel steht die Frage: »Sind Sie damit einverstanden, dass in der Gemeinde San Lorenzo (Nariño) die Förderung von Edelmetallen und Erdgas und Erdöl erlaubt wird?« Darunter kann Ja oder Nein angekreuzt werden. Die Dame fragt den Wahlhelfer etwas unsicher: »Also muss ich hier ankreuzen, oder? Nein. Oder?« Er erklärt, dass er als Wahlhelfer dazu nichts sagen darf. »Ach mein Junge, mach doch keinen Quatsch! Du weißt doch, dass ich gegen den Abbau bin! Jetzt sag mir doch, wo das Kreuz hin muss. Nein gegen die Förderung? Oder Ja für das Wasser, das Leben, die Natur?« Er deutet auf das Nein, und die Dame macht in der aus Pappe aufgebauten Wahlkabine ihr Kreuz, steckt das ordentlich zusammengefaltete Papier in die Urne und zwinkert mir zu. »Wir sind hier alle Bauern und Bäuerinnen. Wir wollen, dass die Erde in der Erde bleibt. Wir leben von dem, was auf ihr wächst. Wir sind nicht dumm, aber wir können nicht alle lesen und schreiben.«

San Lorenzo befindet sich in einem »Kleinbäuerlichen Selbstversorgungsgebiet« (Territorios Campesinos Agro­alimentarios, TCA), dem sich insgesamt 17 Gemeinden der Region in den Departamentos Nariño und Cauca angeschlossen haben. Die bäuerlich geprägten Gemeinden sind aufgrund ihrer Biodiversität und ihrer enormen Wasserquellen, die u. a. die größten Flüsse des Landes speisen, von enormer Bedeutung für Mensch und Umwelt. Das TCA wird von einer Autonomieregierung aus 51 Vertretern in Abstimmung mit den offiziellen Regierungsinstitutionen verwaltet. Nach eigener Gesetzgebung sind Chemiedünger, gentechnisch veränderte Samen sowie Zuchttiere verboten.

Insgesamt 6.764 von 12.800 regis­trieren Wahlberechtigten verneinen an diesem Tag die Frage, ob in ihrer Gemeinde Bergbau erlaubt werden soll. Mehr als 98 Prozent der Wähler stimmen gegen Extraktivismus. Mit einer Wahlbeteiligung von knapp 53 Prozent lag die Beteiligung sogar höher als bei den letzten Präsidentschaftswahlen. Camilo, der Vorsitzende des Organisationskomitees, sagt dazu: »Wir haben das notwendige Ziel von 4.000 Stimmen zur Rechtmäßigkeit der Abstimmung weit übertroffen. Die Bevölkerung von San Lorenzo hat mit der Abstimmung ein klares Zeichen gegen die Zerstörung der Natur und zur Verteidigung des Lebens und der Umwelt gesetzt.« Auch der Bürgermeister ist bei der Übergabe der Wahlzettel gerührt und spricht von einem »historischen Ereignis für unsere Gemeinde und für Kolumbien«. Er sagt mir nachher bei dem feierlichen Umzug durch das Dorf: »Hier sind wir gut organisiert.« Diese Anspielung verstehe ich erst später.

Territorium verteidigen

Nach der Auszählung und der Bekanntgabe der Ergebnisse berichtet mir eine Frau vom Organisationskomitee: »Mit dem Ergebnis haben wir etwas in der Hand, um unser Territorium weiterhin und auf legalem und politischem Weg gegen andere Akteure verteidigen zu können.« Seit 2008 wurden laut Bergbauministerium Konzessionen und Rechtstitel im Gebiet von San Lorenzo vergeben. Im Jahr 2010 hatte der Konzern Mazamorras Gold mit der Ausbeutung von Fördergebieten in den Gemeinden San Lorenzo und Arboleda begonnen. Nachdem die Bewohner durch Viehsterben und Wasserverschmutzung auf die negativen Folgen der Bergbauaktivitäten aufmerksam wurden, versuchten sie zunächst mit dem Konzern zu verhandeln. Dieser lehnte jedoch jedes Gespräch ab. Unbekannte zerstörten das Camp der Förderanlage. Erneute Versuche von Mazamorras Gold, auf dem Gebiet tätig zu werden, wurden von den Gemeindemitgliedern mit dem mehrmaligen Anzünden von deren Fahrzeugen erwidert. Seitdem liegen die Bergbauaktivitäten in San Lorenzo und Arboleda still. Nun hat dieser Widerstand politische Rückendeckung.


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