Aus: Ausgabe vom 03.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wie die Marchfeldbauern die Republik erkämpften

Von Erwin Riess
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Weil die Habsburger sich in solchen Gebäuden aufzuwärmen pflegten, gilt das Marchfeld als Kulturland: Jagdschloss Eckartsau

Weil die Habsburger dort auf die Jagd gingen und sich im Anschluss in ihren Jagdschlössern aufzuwärmen pflegten, gilt das Marchfeld als Kulturland. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dass die Habsburger mangels Schießfertigkeit im Laufe der Zeit von der Schnepfenjagd abkamen und statt dessen die hundegroße, weithin sichtbare Großtrappe bejagten und ausrotteten.

Der letzte Habsburger, Karl, zog sich nach dem Thronverzicht im November 1918 auf das Jagdschloss Eckartsau zurück. Als der abgedankte Kaiser, von Schönbrunn kommend, durch das Dorf fuhr, jubelten ihm die Bauern zu. Als er das Dorf verließ, durchtrennten sie die Stromleitungen, die zum Schloss führten. Wenige Tage später schoss Karl, der auf eine Großtrappe angelegt hatte, einen Hirsch. Als ein Schlossdiener sich anschickte, das Tier auszuweiden, verprügelten ihn aufgebrachte Waldarbeiter. Die Meute machte auch vor Karl nicht halt; er musste den Arbeitern beim Holzsammeln zur Hand gehen, was er auch bereitwillig, aber reichlich ungeschickt tat. Als er sich nach getaner Arbeit ein Herz fasste und bei den Waldarbeitern wegen des Hirschen vorstellig wurde, verprügelten diese auch ihn und schickten ihn, nicht ohne ihn vorher seiner Kleider beraubt zu haben, auf das Schloss zurück.

Zita, die Gattin Karls, machte sich am nächsten Tag auf, den Pfarrer um Beistand zu bitten. Der ließ sich verleugnen, worauf Zita das Dorfgasthaus aufsuchte und die dort versammelten Männer zur Rede stellte. Der genaue Hergang der folgenden Stunden konnte bis heute nicht vollständig rekonstruiert werden; fest steht nur, dass Zita spätabends im volltrunkenen Zustand und obszöne Lieder grölend auf der Landstraße nach Orth aufgegriffen wurde. Ein Dorfgendarm überstellte sie ins Schloss, wo sie alsbald dem religiösen Wahn anheimfiel. In der Arbeiterzeitung wurde die republikanische Gesinnung der Marchfeldbauern wohlwollend kommentiert, Friedrich Adler erwog kurze Zeit sogar eine Reise nach Eckartsau, schreckte aber dann doch vor den Strapazen der Reise zurück.

Als Karl im März 1919 im »Feldkircher Manifest« seinen Thronverzicht widerrief, griffen die Marchfelder zu den Waffen und rüsteten zu einem Marsch auf Wien. Die Regierung sah sich genötigt, den Besitz der Habsburger zu enteignen und den Adel abzuschaffen. Weitere Restaurationsversuche des Kaiserpaars in Ungarn endeten mit dem bekannten Fiasko, weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass es Freiwillige aus dem Marchfeld waren, die dem ungarischen Reichsverweser Horthy die Nachricht von den nach Budapest vorrückenden kaisertreuen Truppen überbrachten.

Karl, der den Verfolgungen seiner ehemaligen Untertanen hilflos gegenüberstand, suchte bei den Siegermächten um Hilfe nach. Sie wurde ihm gewährt. Auf einem englischen Flussmonitor namens »Glowworm« (Glühwürmchen) wurde das Kaiserpaar auf der Donau an die Küste des Schwarzen Meeres verschifft, von dort mit dem ebenfalls britischen Kreuzer Cardiff über Gibraltar nach Madeira.

Karl sollte nie wieder nach Eckartsau zurückkehren, seine ehemaligen Untertanen wissen dies zu schätzen. So kommt es, dass sich auf dem Grab Karls auf Madeira immer ein frischer Strauß Trockenblumen aus Eckartsau befindet.


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