Aus: Ausgabe vom 03.12.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»›Housing First‹ könnte die Lösung sein«

Politischer Wille, Wohnraum zu vermitteln, fehlt. Ein Gespräch mit Julia von Lindern

Von Markus Bernhardt
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Obdachlose in einem Zelt unter einer Berliner Brücke (Februar 2018)

Mit Beginn des Wintereinbruchs kommt es in allen größeren bundesdeutschen Städten jedes Jahr aufs neue zu Diskussionen, wie Obdachlose vor dem Erfrierungstod geschützt werden könnten. Warum wird die Politik ihrer Verantwortung nicht gerecht?

Die Politik wird nicht nur ihrer Verantwortung nicht gerecht, sie kriminalisiert und schikaniert bundesweit wohnungslose Menschen. In Dortmund etwa wurden allein in einem Jahr 265 Ordnungsgelder gegen Wohnungslose wegen »Campierens im Freien« verhängt. Nach scharfer öffentlicher Kritik hat Oberbürgermeister Ullrich Sierau, SPD, nun das Ende der Knöllchen erklärt, allerdings mit der Begründung, die Wohnungslosen würden eh nicht zahlen, das Vorgehen sei wirkungslos. In München wurde Ende November unter Protest von Wohnungslosen eine »Platte« von rund 30 Menschen mit dem Hinweis geräumt, dass die Stadt München keine »wohnungsähnlichen Lager« dulde. In Düsseldorf soll ein Camp hinter dem Amtsgericht Mitte Dezember erneut geräumt werden.

Dabei haben die Städte wohnungslosen Menschen nichts anzubieten – bezahlbarer Wohnraum fehlt, oftmals werden die letzten kommunalen Bestände verhökert. In der Vorweihnachtszeit stört Wohnungslosigkeit dann offenbar noch mal besonders, die Städte verweisen auf ihre Winternothilfen, die in der Regel jedoch nur ab den Abendstunden bis zum nächsten Morgen geöffnet sind, ein Tagesaufenthalt ist nicht möglich.

Die Stadt Köln geht nun mit einem neuen Projekt einen mutigen Weg: Sie haben die erste ganzjährig geöffnete Notschlafstelle mit angeschlossenem Tagesaufenthalt für wohnungslose EU-Bürger eröffnet – und das, obwohl diese Menschen eigentlich keinen Anspruch auf Hilfe haben.

Was schlagen Sie vor, um das Problem der Wohnungslosigkeit zu lösen?

Es gibt einen vielversprechenden Ansatz in der Wohnungslosenhilfe: »Housing First«.

Was bedeutet das?

Wohnungslose werden direkt und unmittelbar in ein eigenes Quartier vermittelt, ohne Vorbedingung. Alle Probleme werden dann in den eigenen vier Wänden geklärt. Dieser Ansatz ist in Deutschland noch relativ neu. Bislang kennen Wohnungslose den Weg über Notschlafstellen, Obdachlosenheime und Trainingswohnungen, bis sie vielleicht und mit viel Glück eine eigene Wohnung finden – vielleicht aber auch nicht. Dann geht es zurück auf die Straße. Wir sprechen von Drehtürwohnungslosen. Housing First beendet Wohnungslosigkeit hingegen im ersten Schritt. Studien im europäischen Ausland, in den USA und in Kanada belegen, dass 78 bis 90 Prozent der Menschen, die an Housing-First-Projekten teilgenommen haben, langfristig ihre Wohnung erhalten konnten. Finnland hat Housing First bereits vor zehn Jahren zur nationalen Strategie ausgerufen und konnte die Straßenobdachlosigkeit in dieser Zeit auf faktisch null senken. Das sind ehrgeizige Ziele, und die Beispiele machen Mut.

Was wäre in Deutschland zu tun?

Um Housing First auch in Deutschland umzusetzen, braucht es einen Paradigmenwechsel. Wir dürfen Wohnungslose nicht länger als unfähige Personen verstehen, die nicht alleine wohnen könnten. Neben dem Paradigmenwechsel brauchen wir zudem den politischen Willen, um auch Wohnungen anbieten zu können. Eine feste Quote von Wohnungen jährlich, ein geschützter Bereich, der sich nicht im ohnehin absurden Kampf am Immobilienmarkt behaupten muss, wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Über wie viele Wohnungslose bundesweit reden wir eigentlich?

Seit Jahrzehnten weigern sich alle Bundesregierungen, eine Statistik über Wohnungslose einzuführen. Wenn allerdings keine verlässlichen Daten über reale Bedarfe erfasst werden, kann auch keine langfristige und vernünftige Politik geplant werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, BAGW, gibt jährliche Schätzungen heraus, sie rechnet mit 1,2 Millionen Menschen im Jahr 2018, die keine eigene Wohnung haben, bei Freunden leben, in Frauenhäusern oder Sonderwohnformen untergebracht sind oder tatsächlich draußen schlafen.

Und warum wird die Zahl der Obdachlosen nicht erfasst?

Es drängt sich der Eindruck auf, dass das, was nicht zählt, auch nicht gezählt wird. Um den unhaltbaren Zustand zu ändern, hat der Diakonie-Verband eine Studie in Auftrag gegeben, und die Alice-Salomon-Hochschule hat bundesweit Daten erhoben. Wir sehen also, dass es machbar ist, wenn die Politik denn wollte.

www.fiftyfifty-galerie.de

Julia von Lindern ist Diplomsozial­pädagogin beim Düsseldorfer ­Straßenmagazin Fiftyfifty


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