Aus: Ausgabe vom 03.12.2018, Seite 1 / Titel

Signal nach Katowice

Auftakt der Weltklimakonferenz in Polen: Zehntausende demonstrieren in Köln und Berlin für Ausstieg aus der Kohleförderung

Von Manuela Bechert
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»Es selber in die Hand nehmen«: Teilnehmer der Demo »Kohle stoppen – Klimaschutz jetzt« in Köln

Am Sonntag begann in Katowice, dem Zen­trum der Kohleförderregion Polens, die 24. Weltklimakonferenz. Dabei sollen Diplomaten unter anderem ein Regelwerk für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015 erarbeiten, das die nationalen Beiträge vergleichbar macht. Unter dem Motto »Kohle stoppen – Klimaschutz jetzt« hatten bereits am Samstag mehrere zehntausend Menschen in Deutschland demonstriert. Die Veranstalter werteten die nach ihren Angaben etwa 36.000 Teilnehmer als »starkes Zeichen an die Politik und nach Polen«.

Mehrere Bündnisse, darunter BUND, Greenpeace und Nabu, hatten dazu aufgerufen, in Berlin und Köln parallel zu protestieren, um den Unmut über die derzeitige Klimapolitik auf die Straße zu bringen. In Köln kamen rund 20.000 Menschen, in Berlin noch einmal 16.000 Aktivisten zu einem bunten, friedlichen Protest zusammen. Im Rheinland startete der Demonstrationszug an der Deutzer Werft und durchquerte die Altstadt Kölns. Schließlich ging es wieder zur Werft zurück, wo eine Abschlusskundgebung stattfand. Hier machte Antje Grothus, Mitglied der Kohlekommission, ihre Empörung über die aufgeschobene Einigung zum Ausstieg aus der Kohleförderung deutlich: »Da verliert man als Mitglied in dieser Kommission so langsam das Vertrauen in diesen Prozess und steht einigermaßen ratlos da, fassungslos und auch enttäuscht«, rief sie. »Deshalb ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, dass wir hier und heute ein deutliches Zeichen setzen. Wenn die Politik zögert und zaudert beim Klimaschutz, dann müssen wir es eben selber in die Hand nehmen.« Auf Druck vor allem der Kohleförderländer Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt war die Arbeit der Kommission zum Kohleausstieg in der vergangenen Woche bis in den Januar verlängert worden.

Im Aufruf der Veranstalter der beiden Demonstrationen der Veranstalter hieß es: »Wir müssen jetzt handeln! Der Hitzesommer 2018 hat uns erneut bewusst gemacht: Der Klimawandel erhöht die Zahl extremer Wetterereignisse schon heute.« Viele der Teilnehmer hatten sich kostümiert, und so liefen Bäume, Fledermäuse und viele weitere bunte Gestalten im Zug. Dem Block der Hambacher-Forst-Besetzer in Köln schlossen sich besonders viele Menschen an, von denen einige als Affen verkleidet waren und ein entsprechendes Kinderlied – »Die ganze Affenbande brüllt« – zum besten gaben.

Ein paar Aktivisten nutzten Laternenmasten auf der Köln-Deutzer Rheinbrücke, an denen sie ihre Klettergurte befestigten, um auf die erneute Besetzung und den Bau von Baumhäusern im Hambacher Wald hinzuweisen. Zu der Großdemo am Hambacher Forst Anfang Oktober waren bereits 50.000 Menschen gekommen, um für den Erhalt des durch den RWE-Braunkohletagebau bedrohten Waldes zu protestieren. »Hambi bleibt« war in Köln überall zu hören. Für viele Tausende ist der Wald das Symbol für die deutsche Klimapolitik, entsprechend lautstark verlief der Protest. Die Demonstration verlief weitgehend ohne Zwischenfälle, doch ließ es die Polizei auch am Samstag nicht aus, die Staatsgewalt durch offenbar willkürliche Repressionen spürbar zu machen. Immer wieder wurden Menschen im gesamten Stadtgebiet Identitätskontrollen unterzogen, durchsucht und festgehalten. Als der Zug zum Ende wieder an der Werft eintraf, wurde ein Mensch wegen Vermummung aus der Masse gezogen, zu Boden geworfen und festgehalten. Daraufhin entstand eine spontane Tanzdemo vor dem Gelände der Werft.


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