Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Kampf um ein Kulturgut

An allen Fronten wird an der Abschaffung gedruckter Tageszeitungen gearbeitet

Von Dietmar Koschmieder
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Noch sind nicht alle Bereiche des Landes dem totalen Diktat des Marktes unterworfen. So sorgt das Presse-Grosso-System dafür, dass den Bürgerinnen und Bürgern ein reichhaltiges Presseangebot am Kiosk zur Auswahl steht. Natürlich wird auf Rentabilität geachtet – aber um Pressevielfalt und damit auch Pressefreiheit zu gewährleisten, zählen eben nicht nur Kostenfaktoren. Auch Institutionen wie die Deutsche Post haben laut Grundgesetz Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge zu übernehmen und nicht nur nach Maximalprofiten zu gieren. So war das zumindest einmal. Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Post AG, Frank Appel, lässt keinen Zweifel aufkommen: Er peilt mit seinem Konzern einen jährlichen operativen Gewinn von fünf Milliarden Euro an – das lässt er andere was kosten. Die Verlag 8. Mai GmbH soll, statt der vom Konzern langfristig bestätigten 2,8 Prozent Preissteigerung, nun auf einen Schlag 28,5 Prozent mehr für die Zustellung der jungen Welt bezahlen, also zusätzliche 90.000 Euro im Jahr. Ob er denn nicht befürchte, dass durch die steigenden Presseversandkosten das Geschäft weiter dezimiert würde, fragte das Handelsblatt den Konzernchef schon im September. »Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Das Verschwinden von Zeitungstiteln liegt aber kaum daran, dass wir unser Porto erhöhen. Denn das ist sicherlich nur ein geringer Bestandteil der Kosten«, antwortete Appel (Handelsblatt, 20.9.18). Da irrt der Vorstandsvorsitzende gleich doppelt: Bei neuen, zusätzlich gewonnenen Abonnenten ist die Zustellung der mit Abstand größte Kostenfaktor. Und wenn an dem zu stark gedreht wird, können Zeitungstitel verschwinden. Es ist zu vermuten, dass Herr Appel dies bewusst in Kauf nimmt.

Denn vieles spricht dafür, dass der Konzernchef das Tageszeitungsgeschäft nicht nur dezimieren, sondern gleich ganz abschaffen will. Die Zustellpreise können gar nicht so schnell steigen, wie die Auflagen sinken. Regelmäßig hört man aus den Verlagshäusern, dass es mit dem Tagesgeschäft sowieso bald zu Ende geht: Der Springer-Konzern hat mit Ausnahme von Bild und Welt alle Printprodukte abgeschoben, im Dezember wird die tägliche Fußball-Bild eingestellt. Und die angeblich alternative Taz tönte noch im Sommer lautstark, dass sie in vier Jahren keine Tageszeitung mehr zustellen lässt, das Neue Deutschland wird wohl nicht so lange brauchen, bis nur noch die Wochenendausgabe gedruckt wird. Nach konsequentem Kampf für das Kulturgut Tageszeitung sieht das jedenfalls nicht aus. Herr Appel und die Deutsche Post beschleunigen diesen Prozess nur noch, wenn sie kräftig an der Preisspirale drehen. Sie können es sich sogar erlauben, den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) auszutricksen, indem sie entgegen allen Absprachen zunächst kräftig bei den kleinen und dünnen Zeitungen zulangen.

Die Folgen sind absehbar: Die Zustellung von Tageszeitungen über die Post ist bald nicht mehr bezahlbar, weitere Tageszeitungen werden eingestellt, die Post kann irgendwann das Produkt »Tagestitel« aus dem Angebot nehmen. Womit endlich der Weg frei wäre, den lästigen Grundversorgungsauftrag der Post für sechs Zustelltage in der Woche ganz abzuschaffen.

Die junge Welt wird auch nach den Angriffen der Post den Kampf für den Erhalt der gedruckten Tageszeitung fortführen. Sie wird diesen aber auf Dauer ohne Verbündete in Politik, Gewerkschaften und anderen Verlagen nicht gewinnen können.


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