Aus: Ausgabe vom 30.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Unterschätzte 68erinnen

Zwei Bücher werfen einen anderen Blick auf das Jahr der Revolte und betonen die feministischen Erfolge jener Zeit

Von Johanna Montanari
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Festnahme einer Demonstrantin im Dezember 1966, als sich die Revolte bereits anbahnte, in Westberlin

Wenn sich Bilder erst einmal in den Medien etabliert haben, ist es schwierig zu sehen, dass sie nicht die einzig möglichen sind. Dieser Herausforderung nimmt sich die Historikerin Christina von Hodenberg mit ihrem Buch »Das andere Achtundsechzig« an. Sie prüft weitverbreitete Annahmen über die 1968er Revolte in der Bundesrepublik Deutschland und verdeutlicht, dass diese Annahmen durch eine männliche und bildungsbürgerliche Brille zustande gekommen sind. Von Hodenberg kritisiert insbesondere den Fokus auf einzelne prominente Männer wie Rudi Dutschke oder Rainer Langhans und die Darstellung der politischen Kämpfe von 1968 als Generationenkonflikt, bei dem die Jungen ihre Eltern nach deren Nazivergangenheit fragten und sich darüber politisierten.

Die Autorin, die heute als Professorin an der Queen Mary University of London lehrt und das Deutsche Historische Institut in London leitet, war 1968 selbst noch ein Kleinkind. Im Zentrum ihres Buches stehen Tonbänder einer Bonner Langzeitstudie aus der Zeit, für die 222 ältere Probanden, darunter viele Frauen und viele wenig gebildete Personen, allesamt aus dem Bonner Umkreis, im Psychologischen Institut der dortigen Universität befragt wurden. Zudem verwendet von Hodenberg für ihre Analyse eine weitere Studie mit 180 Personen mittleren Alters, die ebenfalls in Bonn durchgeführt wurde, und 16 Interviews mit Personen, die 1968 jung und in Bonn als Studenten politisch engagiert waren. Den Fokus auf Bonn und Umgebung sieht sie als Korrektiv, als Ausgleich zur Fixierung auf Westberlin und Frankfurt, der in der Darstellung von 1968 ansonsten vorherrscht.

»Politisch gescheitert, aber kulturell erfolgreich« – so werden die »68er« häufig rezipiert. Von Hodenberg bestätigt diese These, fordert aber, den Blick auf die medial sehr wenig beachteten Akteurinnen zu richten. Es waren Frauen, die erfolgreich antiautoritäre und antipatriarchale Proteste anstießen, ganz nach dem Motto »Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!« Die These der Autorin: Der Geschlechterkonflikt war für 1968 in der Bundesrepublik wichtiger als der Generationenkonflikt. Die Auseinandersetzungen, die im Privaten und über »private Angelegenheiten« wie Kinderbetreuung oder Haushalt geführt wurden, waren der eigentlich erfolgreiche Teil der 68er Revolte.

Den Generationenkonflikt entlarvt die Autorin als lange nicht für alle 68er zutreffend. Politisiert wurde die große Mehrheit nicht etwa durch Familienkonflikte, sondern durch die Polizeigewalt bei den Studentenprotesten und durch die bekannte Nazivergangenheit von öffentlichen Personen – bis hin zum damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke.

Privat wollte man normalerweise nicht an der familiären Harmonie rühren. Einzelfälle, in denen sich Protagonisten der Bewegung mit ihren Nazivätern überworfen hatten, wurden stark rezipiert, so dass eine Heldenerzählung entstand. Von Hodenberg beschreibt 1968 außerdem als eine Situation, in der sich nicht etwa zwei, sondern tatsächlich drei Generationen gegenüberstanden: Großeltern, Eltern und die jungen 68er, wobei die Eltern häufig eine vermittelnde Position einnahmen.

In Anspielung auf die Tonbandaufnahmen der Bonner Langzeitstudie plädiert von Hodenberg dafür, mehr den Ohren zu trauen als den Augen. Wie erlebte ein Rentnerehepaar aus dem Bonner Umland den Schah-Besuch, bei dem 1967 der protestierende Student Benno Ohnesorg erschossen wurde? Wie thematisierten die älteren Menschen Sexualität? Ein Proband der Studie beschreibt sein Leiden als »175er«, also als Homosexueller, der wegen des entsprechenden Strafrechtsparagraphen seinerzeit Repression befürchten musste. Die Autorin versteht es, ganz konkrete Beispiele zu liefern, um ihre Thesen anschaulich zu untermauern. So ermöglicht das Buch es auch, sich 1968 alltagsrelevant vorstellen zu können.

In einer erweiterten Neuauflage ihres 2006 erschienenen Buchs mit dem Titel »Warum flog die Tomate?« kritisiert auch Gisela Notz, dass im Zuge von 1968 viel mehr von den »Revolutionären« als von den »Revolutionärinnen« die Rede sei. Informativ und übersichtlich stellt sie die autonome Frauenbewegung in Deutschland, ihre inhaltlichen Schwerpunkte und politischen Konzepte dar. Als Startpunkt der Frauenbewegung gilt der berüchtigte Tomatenwurf. Als nach einer Rede der SDS-Genossin Helke Sander am 13. September 1968 in Frankfurt am Main die männlichen Genossen den Anliegen der Frauen keine Aufmerksamkeit schenken wollten, wurde der SDS-Vorstand mit Tomaten beworfen. Das Buch beschreibt die Institutionalisierung der Frauenbewegung in den 1990er Jahren und endet mit einigen Gedanken zur heutigen Situation. Das hier zusammengestellte Wissen inspiriert dazu, heutige feministische Themen historisch einzuordnen und vielleicht auch mehr Verständnis aufzubringen für eine Zeit, in der das Subjekt »Frau« noch ein »wir« zusammenbringen konnte und damit revolutionäre Politik betrieben wurde.

Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. Verlag C.H. Beck, München 2018, 250 Seiten, 24,95 Euro

Gisela Notz: Warum flog die Tomate? Die autonomen Frauenbewegungen der siebziger Jahre. Überarbeitete und aktualisierte Neuauflage. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2018, 77 Seiten, 10 Euro


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