Aus: Ausgabe vom 30.11.2018, Seite 8 / Ansichten

Dominanz der Krisen

Von Jörg Kronauer
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Ein Banner in Buenos Aires kündet vom G-20-Gipfel

Das Wichtigste sind mal wieder die Nebensachen. Ursprünglich hat die Regierung Argentiniens, die zur Zeit den G-20-Vorsitz führt, für den heute in Buenos Aires beginnenden G-20-Gipfel Debatten zu drei Schwerpunktthemen vorbereitet: zu der Frage, welche Konsequenzen die nächste Welle der Automatisierung für die Arbeiter in den Fabriken der Welt bringt, wie man die Infrastruktur finanziert, die vor allem ärmere Länder für ihre Entwicklung brauchen, und wie die lebensnotwendige Nahrung für die ungebrochen wachsende Weltbevölkerung sichergestellt werden soll. Wichtige Themen, sollte man meinen. Und doch spielen sie in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle: Der Gipfel wird komplett von Krisendiplomatie dominiert.

Da wäre zum einen die neue Eskalation im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Angela Merkel will mit Wladimir Putin darüber sprechen. Berlin sähe sich gern als Vermittler, ganz so wie 2015, als es das Minsker Abkommen aushandelte. Moskau verweigert sich dem Ansinnen bislang. Gestern hat Recep Tayyip Erdogan mitgeteilt, er habe mit Putin sowie mit Petro Poroschenko telefoniert und werde sich während des Gipfels als Mittler betätigen. So wolle er mit Donald Trump über die Lage im Schwarzen Meer sprechen. Der türkische Staatspräsident als Mediator in einem gefährlichen weltpolitischen Konflikt, die deutsche Kanzlerin außen vor? Für die deutschen Machtambitionen wäre das ein herber Rückschlag. Dass Berlin sich kürzlich von Ankara einladen lassen musste, um an Verhandlungen über Syrien teilnehmen zu dürfen, war schon nicht ganz im Sinne der deutschen Möchtegern-Weltenlenker. Sollen sie jetzt auch in Osteuropa nur die zweite Geige spielen? Oder tönt Erdogan ein bisschen zu laut?

Dann wäre da noch der ebenfalls eskalierende Konflikt zwischen den USA und China. Trump hat angekündigt, in Buenos Aires mit seinem Kollegen Xi Jingping über den Handelskrieg gegen die Volksrepublik reden zu wollen. Im Kern fordert Washington weiter im wesentlichen Beijings wirtschaftspolitische Kapitulation. Für Xi kommt das nicht in Frage – umso weniger, als man inzwischen ja weiß, dass man sich auf Deals mit Trump nicht im geringsten verlassen kann.

Und ein Drittes: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat sich angekündigt. Wer wird mit dem mutmaßlichen Drahtzieher des Mordes in Istanbul reden, wer wird ihn schneiden? Auch das wird wohl mehr Aufmerksamkeit erhalten als die drei wirklich wichtigen Fragen, die Buenos Aires debattieren wollte. Die diplomatischen Krisen dominieren alles. Es riecht nach Vorkriegszeit.


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