Aus: Ausgabe vom 01.12.2018, Seite 8 / Inland

»Um Fakten zu schaffen, wird weitergebaggert«

Anwohner wehren sich gegen Kohletagebau. Großdemos am Sonnabend in Berlin und Köln. Ein Gespräch mit David Dresen

Interview: Gitta Düperthal
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Der Braunkohletagebau in Garzweiler, dahinter das Braunkohlekraftwerk Neurath (12.5.2015)

Mit dem Slogan »Alle Dörfer bleiben!« haben sich Anwohner der vom Braunkohletagebau bedrohten Ortschaften zum Protestbündnis zusammengeschlossen. Sie wehren sich gegen Zwangsumsiedlungen und Klimazerstörung. Warum tun Sie das erst jetzt?

Unsere Gegenwehr gibt es schon lange, bislang haben fast ausschließlich lokale Medien über uns berichtet. Jetzt aber findet der geplante Kohleausstieg überregional Beachtung, weil Tausende bundesweit für eine schnelle Umsetzung demonstrieren. Bereits seit 1953 müssen Menschen im Rheinischen Braunkohlerevier in Nordrhein-Westfalen ihr Zuhause für den Kohleabbau verlassen. Die letzten Umsiedlungen am Tagebau Garzweiler sollen in den Erkelenzer Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich und Berverath stattfinden. Gegen diese Entwicklung gehen auch betroffene Einwohner an diesem Sonnabend in Köln und Berlin auf die Straße, etwa aus dem nordrhein-westfälischen Kuckum, aus Pödelwitz bei Leipzig und Proschim in der Niederlausitz.

Seit wann ist Kuckum – der Ort, in dem Sie leben und arbeiten – bedroht?

Spätestens seit 2016 war klar, dass unser Dorf mit seinen 450 Einwohnern dem Kohleabbau weichen muss. Damals ging es mit den Verhandlungen los: Wieviel Geld bietet die RWE AG einem Grundstückseigentümer, wenn er umziehen muss? Ich persönlich würde gern dort bleiben. Wir haben Hühner, ich betreibe Gartenbau. Halbtags bin ich Lehrer, um mich abzusichern.

2027 soll dann die sogenannte Inanspruchnahme des Gebiets erfolgen – so nennt das RWE, wenn der Konzern ganze Dörfer für den Tagebau zerstören will. Im Moment macht er viel Druck. Solange die Kohlekommission nichts entschieden hat, wird in enormem Tempo weitergebaggert, um Fakten zu schaffen. Bei RWE geht man davon aus, dass man dem Konzern die Nutzung dann schon nicht verwehren wird.

Wie übt der Konzern Druck aus?

Das möchte ich am Beispiel einer Familie erklären, die dort ein Gut mit Pferden hat und aus dem Ort nicht weg will. RWE rief bei ihnen an. Motto: »Sie sind doch sowieso schon so alt, Ihr Gut ist nicht lukrativ. Wer weiß, ob Ihre Kinder nicht lieber wegziehen würden?«

Zudem macht der Konzern gezielte Kampagnen, verteilt etwa Flyer mit der Aufschrift »Wir von hier sind dafür«. Zitiert werden Leute aus der Region Bergheim, die sich positiv gegenüber dem Konzern äußern. Von Umsiedlung sind sie nicht betroffen, sondern wollen nur ihre Arbeitsplätze behalten. Sie jubeln, wie toll die Kohle sei und wieviel Wirtschaftswachstum geschaffen werden könne. Dabei ist es falsch, jungen Menschen so zu suggerieren, sie könnten eine langfristige berufliche Zukunft im Kohleabbau haben. Die Zeiten sind vorbei. Der Konzern versucht bereits Umgesiedelte als Claqueure für sich zu nutzen.

Wieso soll Kuckum im Zeitplan bis 2027 überhaupt noch zerstört werden? Die Kohlekommission soll den Ausstieg bis spätestens 2022 beschließen …

Schön wäre das ja. Aber nach dem, was zuletzt aus der geheim tagenden Kommission herausgedrungen war, ist es anders einzustufen. Selbst ein Ausstieg bis 2027 ist nicht sicher. Bislang sind weder Zahlen bekannt, noch wieviel Energie genau eingespart werden oder bis wann es geschehen soll.

Was plant das Bündnis?

Die meisten Leute würden gern bleiben – sie verhandeln aber zugleich, um nicht am Ende enteignet zu werden. Sie haben weder Vertrauen in die Bundesregierung noch in die von ihr eingesetzte Kommission. In Kuckum ist eine Begegnungsstätte geplant, etwa um sich dort mit Umsiedlern und RWE-Mitarbeitern auseinanderzusetzen. In Keyenberg, dem nächsten Ort, der abgebaggert werden soll, wird eine Mahnwache errichtet.

Wir werden uns außerdem besser über unsere Rechte informieren. Erst jetzt haben wir erfahren, dass RWE Grundstückseignern konkret nachweisen muss, weshalb etwa eine Grundwasserpumpe zu dieser Zeit an diesem Ort notwendig ist. Tut der Konzern das nicht, muss niemand von seinem Grundstück weichen.

David Dresen wohnt in Kuckum, nahe dem Garzweiler Tagebau und dem Hambacher Wald, und ist aktiv in der Initiative »Alle Dörfer bleiben«

zukunft-statt-braunkohle.de


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