Aus: Ausgabe vom 30.11.2018, Seite 1 / Titel

Mord? Kein Interesse

Akte geschlossen: Feuertod von Oury Jalloh im Polizeirevier Dessau wird nicht neu aufgerollt. Hinterbliebene wollen Klage erzwingen

Von Susan Bonath
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Auf einer Pressekonferenz der Initiative zur Aufklärung des Falls Oury Jalloh im Oktober in Berlin (23.10.2018)

Die Skandalkette im Fall Oury Jalloh reißt nicht ab. Knapp 14 Jahre nach dessen Feuertod im Polizeirevier Dessau hat Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad die Akte geschlossen. »Das Ermittlungsverfahren wegen des Todes von Oury Jalloh bleibt eingestellt«, informierte er am Donnerstag. Die Beschwerde der Familie habe er als »unbegründet« zurückgewiesen. »Ein Tatverdacht gegen benannte Polizeibeamte aus Dessau oder sonstige Dritte besteht nicht«, so Konrad. Und: Es gebe zu viele Möglichkeiten des Ablaufs, um einen Selbstmord auszuschließen. Anwältin Beate Böhler, Vertreterin der Familie Jalloh, sieht das anders. Mindestens ein Fakt sei nicht berücksichtigt worden, sagte sie am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. »Es ist nachgewiesen, dass das Feuerzeug, das bei den Asservaten aufgetaucht sein soll, nicht in der Zelle war.« Sie werde einen Klageerzwingungsantrag stellen.

Die Staatsanwaltschaft Halle hatte die Ermittlungen wegen Mordverdachts im Oktober 2017 überraschend eingestellt, weil sie »keine weitere Aufklärung« erwarte. Zuvor war durch journalistische Recherchen bekanntgeworden, dass Konrad das Verfahren von der Dessauer Staatsanwaltschaft abgezogen und nach Halle verlegt hatte. Der Grund ist brisant: Der damalige Chefermittler, Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, hatte nach einem Brandversuch die Selbsttötung des in der Zelle gefesselten Flüchtlings ausgeschlossen.

In dem entsprechenden Vermerk, der jW vorliegt, berief sich Bittmann auf acht Experten aus den Bereichen Brandforensik, Chemie, Medizin und Kriminaltechnik. Deren Befund war eindeutig: Jalloh muss beim Ausbruch des Feuers bewusstlos gewesen sein. Zweitens sei das Brandbild ohne Brandbeschleuniger nicht erklärbar. Drittens könne das von der Polizei Tage nach Jallohs Tod präsentierte Feuerzeug mangels Spuren »nur theoretisch« in der Zelle gewesen sein. Es wurde offenbar manipuliert. Bittmann: »Deshalb und weil er in der letzten Minute seines Lebens nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das Feuer zu entfachen, setzen die denkbaren Todesalternativen das Verursachen des Brandes von dritter Hand voraus.« Bittmann benannte auch tatverdächtige Polizeibeamte und legte ein Motiv dar: Vertuschen von Misshandlungen oder Unterlassung.

Zwei weitere ungeklärte Todesfälle nahm er ebenso ins Visier: 1997 war Hans-Jürgen Rose nach seinem Aufenthalt im Dessauer Revier seinen schweren inneren Verletzungen erlegen. Es hatte zahlreiche Hinweise auf Gewalt durch Beamte gegeben. 2002 war Mario Bichtemann in einer Gewahrsamszelle an einem Schädelbruch gestorben. Auch seine Leiche war übel zugerichtet.

Im Jahr 2015 erklärte der gerichtlich bestellte Brandgutachter Henry Portz gegenüber jW, er habe im Fall Oury Jalloh gar nicht unabhängig prüfen dürfen. Das Landgericht Magdeburg habe ihn angewiesen, einen Selbstmord plausibel zu erklären.

Die Einstellung des Verfahrens in Halle im Oktober 2017 war seinerzeit auch Thema im Magdeburger Landtag. Die Fraktionen der Linkspartei und der in Koalition mit CDU und SPD regierenden Grünen hatten Akteneinsicht beantragt, um »Versäumnisse bei den Ermittlungen politisch zu prüfen«. Nach langem Prozedere wies Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) Konrad an, den Fall zu untersuchen. Im Februar 2018 trafen die Ermittlungsakten in der Geheimschutzstelle des Landtags ein. Vier Monate später präsentierte die Landesregierung die Juristen Manfred Nötzel und Jerzy Montag als Sonderermittler. Sie sollten mit der Einsicht erst nach der Einstellung beginnen. Näheres dazu war am Donnerstag noch nicht zu erfahren.


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Verdacht auf Mord Wurde Oury Jalloh das Opfer eines Verbrechens?

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