Aus: Ausgabe vom 29.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die kleine Kruke mit den großen Gedanken

Unter dem Titel »Sagen, was ist« präsentierten Gina Pietsch und Tochter Frauke ihr Bühnenprogramm zu Rosa Luxemburg

Von Anja Röhl
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Frauke (am Klavier, l.) und Gina Pietsch

Unter dem Titel »Sagen, was ist« präsentiert die Schauspielerin Gina Pietsch ihr mit Tochter Frauke erstelltes Bühnenprogramm zu Rosa Luxemburg. Das Potpourri aus Zitaten, Brecht-Liedern und Geschichten aus dem Leben der großen Revolutionärin kommt mit einem geschärften Blick auf deutsche und europäische Geschichte daher und ist so zu einem mitreißenden wie überaus lehrreichen Abend geworden. Passt hervorragend zum Anlass, nämlich der Erinnerung an die Zeit der von Noske und Ebert so schändlich verratenen Revolution.

Dass es ausgerechnet die »seit 50 Jahren unablässig gewachsene SPD« ist, die sich zu Beginn des Krieges nicht zu schade ist, einer Propaganda aufzusitzen, die Millionen junge Männer zu Kanonenfutter macht und damit eine »Jugend der Verwesung in schlammigen Gräben« preisgibt, das war nur der erste Akt einer sich auflösenden Arbeiterpartei. Der zweite Akt bestand darin, die Arbeit der Reaktion zu übernehmen, die endlich gegen den Krieg sich erhebenden Aufständischen erst zu disziplinieren, um dann die Revolution im eigenen Blut ertrinken zu lassen.

Gina Pietsch zitiert aus der »Junius-­Broschüre«, aus Briefen, aus der »Akkumulation des Kapitals«, sie erzählt von Liebe und anderen Beziehungen, sie singt wunderbar passende Lieder von Zeitgenossen der Luxemburg, natürlich vor allem von Bertolt Brecht. So schafft sie es, die Zeit und die Luxemburg nicht nur lebendig zu machen, sondern direkt auf die Bühne, in unsere Zeit hineinzuzaubern. Wie hat eine mit ihr im Gefängnis redende Arbeiterin gesagt: So eine kleine Kruke sagt so große Worte?

Premiere feierte das Programm am 22. November in der jW-Ladengalerie. Das Publikum konnte anfangs nicht ahnen, dass es noch etwas geben könnte, was noch unbekannt geblieben war; etwas Neues von Rosa Luxemburg. Und doch haben die Pietschs genau das gezeigt. Eine Kombination aus Zitaten, aus eindringlichem Sprechen und Gesang, aus Rhythmen und Melodien, die Frauke Pietsch auf dem Piano spielte, aus vorgelesenen Briefen, die Rosa Luxemburg als Freundin, Geliebte, Ratgeberin, Verwandte sichtbar und spürbar machte. Dazu Zeitzeugenaussagen, Lieder der internationalen Bewegung bis hinein in die 60er Jahre. Ein ungeheuer abwechslungsreicher Abend!

Begonnen wurde das Programm mit dem so oft zitierten Satz von der Freiheit der Andersdenkenden. Dazu, sagte Gina Pietsch, müsse man wissen, dass es nicht um die Freiheit der Feinde der Freiheit gegangen sei. Und zitierte Brechts »Lied – Im Gefängnis zu singen«: »Müssen sie denn die Wahrheit so fürchten?«

Schon als Schülerin im nahe der polnischen Grenze gelegenen, russisch besetzten Geburtsort Zamosc fiel Rosa Luxemburg mit Aufmüpfigkeit, Klugheit und Aufmerksamkeit für die Ungerechtigkeiten ihrer Umgebung auf. Auch daher gab es keinen Glückwunsch ihrer Direktorin zum Abitur. Danach floh sie aus dem zaristischen Machtbereich in die Schweiz, promovierte in Wirtschaft, entschloss sich, nach Berlin zu gehen, um zu lernen, und war dort schon nach wenigen Stunden bedient.

Gina und Frauke Pietsch schaffen es, das Programm so zu gestalten, dass man erfrischt, nachdenklich und aufgerüttelt aufsteht, und gleichsam traurig, dass diese große Frau der deutschen Geschichte so früh verlorenging. Oder wie Brecht schrieb: Sie ist tot, Aufenthaltsort unbekannt, weil sie den Armen die Wahrheit gesagt hat.

Doch Gina und Frauke Pietsch machen sie wieder lebendig. Das hat der Premierenabend gezeigt. Glücklicherweise kann man noch zu vielen weiteren Aufführungen gehen. Sagen wir, wie es ist: Es lohnt sich sehr! »Sagen, was ist« – das macht nach Rosa Luxemburg den Revolutionär aus, so kann Kunst die Welt verändern. Sagen, was ist!

»Sagen, was ist«. Nächste Aufführungen: 29.11. Galerie 100, 30.11. Wilma, 7.12. ND-Gebäude, alle Berlin; 14.12. VHS, Murnau-Saal, Bielefeld. 2019: am 12.1. bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz, Berlin; 18.1. Bestehornhaus, Aschersleben; 21.1. Café Sibylle, Berlin


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