Aus: Ausgabe vom 29.11.2018, Seite 8 / Ansichten

Rote Linien

Krim-Krise

Von Jörg Kronauer
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Die Brücke über die Meerenge von Kertsch (26. November 2018)

Kommt jetzt die nächste Runde westlicher Kanonenbootpolitik, diesmal vor der russischen Küste? Wenn’s nach dem Botschafter der Ukraine in Deutschland ginge: Aber ja, so schnell wie möglich! Die Bundesrepublik und andere NATO-Staaten sollen Kriegsschiffe vor die Krim entsenden, verlangt Andrij Melnyk schon seit Montag. Am Mittwoch hat er die Forderung wiederholt. Nicht genug, dass die NATO-Marine regelmäßig Kriegsübungen im Schwarzen Meer veranstaltet; erst im August probte ein deutsch geführter NATO-Verband vor Odessa gemeinsame Operationen mit der ukrainischen Flotte. Nein, das reicht Kiew offenkundig nicht. Die Krim soll jetzt direkt militärisch unter Druck gesetzt werden. Vielleicht schwebt den Hardlinern, die vor annähernd fünf Jahren in der Ukraine das Ruder an sich gerissen haben, etwas Vergleichbares wie die NATO-Stützpunkte in Polen und im Baltikum vor.

Für die NATO öffnen sich mit dem Appell neue, vielleicht strategisch willkommene Türen. Denn im Schwarzen Meer hat sie zuletzt Rückschläge hinnehmen müssen. Vor rund zwei Jahrzehnten, als Zbigniew Brzezinski seinen Strategieklassiker »The Grand Chessboard« schrieb, war Russlands Position desolat. Hatte es die Krim bis 1991, wie der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter in seinem Buch festhielt, als Basis für die Machtprojektion seiner Marine ins Mittelmeer nutzen können, so hatte es jetzt einen Großteil der Küste verloren und musste in Kiew betteln gehen, um den Flottenstützpunkt auf der Krim zumindest pachten zu dürfen. Es war, konstatierte Brzezinski, erheblich geschwächt. Seit 2014 hat sich die Lage nun aber spürbar geändert. Moskau kontrolliert die Krim wieder zur Gänze, ist dabei, seine Marine zu konsolidieren – und die NATO hat, seit die Türkei im Bündnis zum Wackelkandidaten wurde, auch im Schwarzen Meer eine ungewisse Position.

Kann die NATO nun einfach das ukrainische Angebot annehmen, vor der Krim aufmarschieren und Russland so in die Schranken weisen? Nun, Russland hat rote Linien. Dass es die um jeden Preis verteidigt, sah man zum ersten Mal im August 2008, als die russischen Streitkräfte nach dem georgischen Angriff auf Südossetien in das Nachbarland einmarschierten. Die Krim ist ein ebensolcher Fall für Moskau. Das weiß man seit März 2014, und die knallharte russische Antwort auf die ukrainische Provokation an der Straße von Kertsch bestätigt das einmal mehr. Am Mittwoch hat Moskau nun angekündigt, eine weitere Einheit seines hochmodernen Luftabwehrraketensystems S-400 auf der Krim zu stationieren. Das lässt keine Fragen mehr offen. Wer auch immer jetzt noch im Schwarzen Meer zündelt, tut dies – gänzlich unabhängig davon, was man vom russischen Vorgehen hält – an einer Stelle, an der Moskau kein Nachgeben kennt. Dass dies im Westen bereits zweimal falsch eingeschätzt wurde – 2008 und 2014 –, gibt Anlass zu Pessimismus.


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