Aus: Ausgabe vom 29.11.2018, Seite 5 / Inland

Arm trotz Arbeit

Beschäftigtenquote der BRD bei 79 Prozent. Linke kritisiert prekäre Verhältnisse

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Die BRD hat eine vergleichsweise hohe Erwerbstätigenquote, aber jeder fünfte ist prekär beschäftigt

Deutschland hat EU-weit die zweithöchste Erwerbstätigenquote nach Schweden. 79 Prozent der 20- bis 64jährigen gehen einer bezahlten Tätigkeit nach, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. 2007 waren es noch 73 Prozent. Im EU-Durchschnitt stieg die Quote binnen zehn Jahren nur um zwei Punkte auf 72 Prozent. Spitzenreiter ist Schweden mit aktuell 82 Prozent. »Vor allem die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat in den vergangenen Jahren zugenommen«, erklärten die Statistiker. In Deutschland erhöhte sie sich von 67 auf 75 Prozent.

Im EU-Durchschnitt gehen rund 78 Prozent der Männer, aber nur 66 Prozent der Frauen einer Arbeit nach. Am häufigsten berufstätig waren Frauen in Schweden (80 Prozent) und Litauen (76 Prozent). Deutschland lag mit 75 Prozent an dritter Stelle. Dabei war hierzulande fast jede zweite erwerbstätige Frau teilzeitbeschäftigt.

Die Industriestaaten-Organisation OECD sieht Handlungsbedarf in Deutschland, um mehr Frauen zu einem Arbeitsplatz zu verhelfen. »Durch den Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung für Kleinkinder aus ungünstigeren sozioökonomischen Verhältnissen und die Ausweitung des Ganztagsangebots an Grundschulen wird das Kompetenzniveau der Bevölkerung auf lange Sicht angehoben«, heißt es im aktuellen Wirtschaftsausblick (Siehe jW vom 22. November). Gleichzeitig könnte dadurch insbesondere Müttern erleichtert werden, Familie und längere Arbeitszeiten miteinander zu vereinbaren.

Die Beamten der Bundesagentur für Arbeit sind zufrieden: »Die Arbeitsagenturen sehen weiter einen kräftigen Aufwärtstrend bei der Beschäftigung«, erklärte am Dienstag das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Arbeitslosigkeit sinke vor allem, weil immer weniger entlassen werde. Weil sie zu wenig Arbeitskräfte fänden, würden die Betriebe sich Beschäftigte sichern, Jobwechsel fänden immer öfter direkt ohne den Weg über die Arbeitslosigkeit statt. »Der starke Arbeitsmarkt ist gerade bei weltwirtschaftlichen Turbulenzen die wichtigste Stütze der Binnenkonjunktur«, erklärte IAB-Forscher Enzo Weber.

Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Susanne Ferschl, kritisierte am Mittwoch dagegen: »Die Bundesrepublik hat die zweithöchste Erwerbstätigenquote in der EU, lautet die vermeintliche Erfolgsmeldung. Schaut man genauer hin, bröckelt die Fassade: Jeder fünfte Erwerbstätige in Deutschland ist prekär beschäftigt und arbeitet im Niedriglohnbereich«, so Ferschl. Die »Agenda-Reformen« Anfang der 2000er Jahre hätten den Arbeitsmarkt großflächig dereguliert, aber nicht mehr Arbeit geschaffen. Durch Mini- und Midijobs sowie unfreiwillige Teilzeitarbeit werde das vorhandene Arbeitsvolumen lediglich auf mehr Köpfe verteilt und die Beschäftigten unter Lohndruck gesetzt. »Wer nicht mitspielt, wird im Hartz-IV-System sanktioniert.« Im Resultat seien viele Menschen »arm trotz Arbeit«, so Ferschl. (dpa/Reuters/jW)


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