Aus: Ausgabe vom 28.11.2018, Seite 12 / Thema

Räuberischer Handel

Die Tauschverhältnisse der Frühen Neuzeit haben einzelne Kaufmannskrieger zwar sehr reich gemacht. Kapitalisten in spe wurde sie dennoch nicht. Anmerkungen zum vorkapitalistischen Weltmarkt

Von Heide Gerstenberger
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Im 16. und im 17. Jahrhundert haben sich europäische Fernhandelskaufleute gegenseitig überfallen, beraubt und bekämpft. Die Fürsten profitierten vom Erfolg dieser kriegerischen Konkurrenz (spanische und holländische Schiffe im Krieg 1607; das Gemälde »Die Explosion des spanischen Flaggschiffs während der Schlacht von Gibraltar« von Cornelis Claesz van Wieringen 1621)

Am 27. Oktober hielt Heide Gerstenberger im Rahmen der unter anderem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierten »Marx-Herbstschule« einen Vortrag unter dem Titel »Über Marx und über Bretton Woods«. Wir dokumentieren an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung der Autorin den ersten Teil des Referats. (jW)

Marx zufolge hat Kapitalismus zwei historische Voraussetzungen: Kapital, das zu Investitionszwecken genutzt werden kann und Menschen, die aus materiellen Gründen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft unter dem Diktat von Kapitaleignern einzusetzen. Dem Historiker Marcel van der Linden zufolge sollten wir der theoretischen Konzeption »ursprüngliche Akkumulation« ein drittes Element hinzufügen: Kapital und Arbeitskraft müssen tatsächlich zusammenkommen. Im Folgenden wird deutlich werden, dass diese Voraussetzung nicht ganz so selbstverständlich ist, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Was sich dazu im ersten Band des »Kapitals« in dem Kapitel findet, das Marx »Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation« überschrieben hat, unterscheidet sich zunächst nicht grundsätzlich von üblichen Darstellungen: Über Kolonialsystem und Sklavenhandel, die Entwicklung des Geldes und der Staatsschulden lässt sich auch andernorts lesen. Dass diese Prozesse Marx zufolge bewirkten, dass das Kapital »von Kopf bis Zeh, aus allen Poren blut- und schmutztriefend« zur Welt kam, hat ihn nicht daran gehindert, die im bewaffneten Welthandel praktizierte Aneignung als eine der grundlegenden Voraussetzungen für Kapitalismus zu behandeln. So sehr er deren gängige positive Beurteilung kritisiert, auch für Marx waren die von europäischen Regimen ausgehenden Handelskriege bis hin zum Opiumkrieg gegen China »Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation«.

Wenig lukrative Unternehmungen

Niemand wird bestreiten können, dass bewaffneter Handel, Sklavenhandel und Kolonialsystem die Welt auf eine Art und Weise veränderten, die bis heute nachwirkt. Allerdings resultierte dies nicht aus der Fortdauer, des von dem Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein und anderen unterstellten ungleichen Tauschs, sondern aus der langfristig wirksamen Zerstörung einheimischer Produktion und dem Raub von Menschen. Aber auch Marx hat sich geirrt. So unbestreitbar zutreffend er die Praktiken des bewaffneten Handels charakterisierte, die damit erzielte Ansammlung von Kapital hat für die Entwicklung des Kapitalismus in den zuerst kapitalistischen Ländern kaum eine Rolle gespielt. Entsprechende Annahmen – sie finden sich ja nicht nur bei Marx und den Weltsystemtheoretikern in der Nachfolge von Wallerstein – sind inzwischen in vielen Einzelheiten durch die Forschung widerlegt worden. Im Resultat ist deutlich, dass im weltweiten Handel und in den Kolonien zwar einzelne sehr reich werden konnten, dass alle diese Unternehmungen insgesamt aber wenig lukrativ waren.

Jede einzelne der von europäischen Herrschern mit Privilegien ausgestatteten Handelsgesellschaften ging im Laufe der Zeit bankrott, die meisten bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Und am Ende des 19. Jahrhunderts fand zumindest in England die Auffassung zunehmende Verbreitung, dass es sich bei der Kolonialherrschaft ökonomisch gesehen um ein ziemliches Verlustgeschäft handelte. Kolonialherrschaft machte einzelne sehr reich, erlaubte vielen, sich als Herren aufzuführen, war für die Gesamtökonomie in den jeweiligen Mutterländern der hohen Kosten wegen aber ein Verlustgeschäft. Das sagt selbstverständlich nichts über den politischen Nutzen, den Regierungen aus Kolonialbesitz zu ziehen hofften und auch tatsächlich zogen.

Der allgemeine Niedergang des von Europa ausgehenden privilegierten Handels erklärt sich aus den Kosten der bewaffneten Konkurrenz. Zwar sicherten Kaufleute ihre Niederlassungen auch gegen potentiellen Widerstand von Einheimischen, vor allem aber mussten sie sich zu Land und zu Wasser der bewaffneten Konkurrenz anderer europäischer Kaufleute erwehren.

Privilegien und Fürstenherrschaft

Dass die Konkurrenz in dem von Europa ausgehenden Welthandel des 15., 16. und 17. Jahrhunderts mit Waffengewalt ausgetragen wurde, unterscheidet ihn – und das ist bislang viel zu wenig beachtet worden – von dem Welthandel, der ihm vorausgegangen war. Im 13. und im 14. Jahrhundert gab es ein System regelmäßiger Handelsbeziehungen zwischen städtischen Handelszentren in Asien, Arabien und an der Ostküste von Afrika. Europäische Kaufleute waren an diesen Handelsbeziehungen – wenn auch eher am Rande – ebenfalls beteiligt. Was diesen Weltmarkt von dem späteren unterschied, war sein vergleichsweise friedlicher Charakter. Dass er an verschiedenen Orten von dafür angestellten Wächtern gesichert wurde, hat nicht alle Überfälle auf Kaufleute verhindert, aber bewaffnete Konkurrenz war kein Merkmal dieses Weltmarktes. Es handelte sich um ein relativ stabiles System. Dass die Kunst der Seefahrt und Techniken des Geldverkehrs genutzt wurden, die so oft als Ursache für die rasche Entwicklung des von Europa ausgehenden Welthandels angeführt werden, hat seine Fortdauer nicht gesichert, als Seuchen im 14. Jahrhundert die weitere Urbanisierung unterbrachen und damit die Basis dieses Handelssystems erschütterten. Die Existenz dieses ersten Welthandelssystems ist theoretisch in Betracht zu ziehen, weil sie deutlich macht, dass nicht der Beginn des von Europa ausgehenden Weltmarktes zu erklären ist, sondern die Tatsache, dass er von allem Anfang an durch und durch gewalttätig war. Ich führe diese Tatsache auf den Zusammenhang zwischen Privilegien und Fürstenherrschaft zurück und sehe in der Verfestigung dieses Zusammenhangs den womöglich wichtigsten Beitrag des präkapitalistischen Weltmarktes für die Entwicklung des Kapitalismus.

Auch Marx erwähnt privilegierte Handelsgesellschaften. Er nennt sie »Gesellschaften Monopolia« und verweist darauf, dass er diesen Terminus von Luther übernommen hat. Für ihre Privilegien, genauer gesagt: für den herrschaftlich angeordneten Ausschluss von Konkurrenten, mussten Handelsgesellschaften die Privilegien verleihenden Fürsten bezahlen. Dieser Einnahmen wegen waren europäische Fürsten an erfolgreichem Fernhandel und damit auch an den Räubereien interessiert, die von den durch sie privilegierten Kaufmannskriegern praktiziert wurden. Und diese Räubereien betrafen nicht nur die Einheimischen in fernen Weltgegenden. Im 16. und im 17. Jahrhundert haben sich europäische Fernhandelskaufleute auch gegenseitig überfallen, beraubt und bekämpft. Weil Fürsten vom Erfolg dieses bewaffneten Handels profitierten, ist die Entwicklung ihrer Herrschaft sehr eng mit der Entwicklung bewaffneter Konkurrenz auf dem Weltmarkt verbunden.

Nichtsdestotrotz ging Wallerstein in die Irre, als er die Herausbildung der modernen europäischen Staaten als einen Effekt der von Europa ausgehenden Dynamik der Expansion bezeichnete. Sie habe dazu geführt, dass in Europa nicht mehr Fürsten herrschten, sondern Staatsgewalt entstanden sei. Ebenso irrig war seine Annahme, seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert sei im Fernhandel auf kapitalistische Art und Weise akkumuliert worden. So verständlich es ist, dass im ausgehenden 20. Jahrhundert viele in Südamerika und in anderen Regionen der »Dritten Welt« geneigt waren, diese Ausführungen als Erklärung für die fortdauernden Nachteile zu akzeptieren, mit denen sie konfrontiert waren, sie basiert auf einer theoretischen Konstruktion des vorkapitalistischen Handels, die seiner tatsächlichen historischen Ausprägung nicht gerecht wird.

Historisches Kaufmannskapital

Marx wusste es schon besser. In dem kleinen Fragment über das Kaufmannskapital, das sich im 3. Band des »Kapitals« findet, stellt Marx fest, dass Handel zwar meist Veränderungen bewirkt, ihm aber keine autonome entwicklungsbestimmende Kraft zukommt. Vielmehr sei die Wirkung des Handels von der Art und Weise der in einer Region dominanten Produktionsweise abhängig. Anders gesagt: Die Entwicklung kapitalistischer Formen der Produktion lässt sich nicht zureichend aus den Einflüssen des Handelskapitals erklären. Zwar sieht auch Marx im Handelskapital »die erste freie Existenzweise des Kapitals«, das ist aber weit entfernt von der Annahme, der Beginn des Kapitalismus sei auf die Entwicklung von Handelshäusern samt Wechseln und anderen Hilfsmittelns des internationalen Handels zu datieren.

In diesem Text jedenfalls erläutert Marx den Unterschied zwischen Kaufmannskapital und kapitalistischem Handelskapital. Das letztere, so führt Marx aus, ist ein Kapital unter anderen und muss nicht nur mit anderen Handelskapitalen konkurrieren, sondern auch – und dies ist entscheidend – mit der Möglichkeit von Industriekapitalisten rechnen, den Vertrieb ihrer Produkte selbst zu organisieren. Daraus erklärt sich, dass mit der Verallgemeinerung kapitalistischer Verhältnisse die im Vorkapitalismus gängige Differenz der Gewinnspannen zwischen Kaufleuten auf der einen, Handwerkern und Manufakturbesitzern auf der anderen Seite beseitigt wurde. Vor der Verbreitung des Kapitalismus war nicht nur im Fernhandel, sondern auch im regionalen Handel mit besonderen Risiken zu rechnen gewesen. Eine der Erklärungen für die Herkunft des Terminus Risiko gibt das vulgärlateinische Wort »resecum«, »Klippe« an, es deutet also auf die Gefahr hin, die im Seehandel immer präsent war. Sofern Kaufleute aber weder durch Räuber noch durch Felsenriffe oder Naturgewalten um den Besitz der von ihnen auf die eine oder andere Weise erworbenen Waren gebracht worden waren, konnten sie davon profitieren, dass weder Handwerker, noch Gutsbesitzer oder Manufakturunternehmer in der Lage gewesen wären, sich selbst um den Vertrieb ihrer Produkte zu kümmern, weshalb es Marx denn auch gewagt hat, ein Gesetz zu formulieren: Die selbständige Entwicklung des Kaufmannskapitals, stehe im umgekehrten Verhältnis zum Entwicklungsgrad der kapitalistischen Produktion. Und noch deutlicher: Solange das Handelskapital den Produktentausch zwischen unentwickelten Gemeinwesen vermittelt, erscheint der kommerzielle Profit nicht nur als Übervorteilung und Prellerei, sondern entspringt größtenteils aus ihr.

Unbestreitbar hat der Fernhandel einzelne Kaufleute sowie einzelne Aktienbesitzer und auch einzelne Angestellte der großen Handelsgesellschaften sehr reich gemacht, dadurch wurden sie aber nicht zu Kapitalisten in spe. Sie nutzten die Möglichkeiten, die ihnen Monopole boten, verteidigten diese politisch mit Zähnen und Klauen und auch mit Waffengewalt, waren im allgemeinen aber kaum bestrebt, ihre Geschäftsbeziehungen auszuweiten. Der US-amerikanische Historiker Robert Brenner hat in seinem Buch »Merchants and Revolution« nachgewiesen, dass führende Londoner Kaufleute selbst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts noch keineswegs dauernd bestrebt waren, den geographischen Aktionsradius ihrer Geschäfte auszuweiten. Und ganz sicher träumten die fürstlich privilegierten Kaufleute nicht von einer Wirtschaftsform, in der solche Begünstigung nicht mehr vorgesehen war. Vor allem aber: Von Ausnahmen abgesehen investierten europäische Kaufleute des 16., des 17. und auch noch des 18. Jahrhunderts ihre Gewinne nicht in den Aufbau neuer Produktionsformen. Vorherrschend waren eher Investitionen in Land und in Amtsgewalt, in Anlagen also, die den aktuellen und zukünftigen sozialen Aufstieg der Familie sichern sollten. Kaufleute, so Marx, hätten zwar gelegentlich in die Luxusindustrie investiert oder seien zu Verlegern geworden, die kleine Produzenten (»Selbstproduzenten«) ausbeuteten, nicht aber zu Industriellen.

Inzwischen herrscht unter Historikerinnen und Historikern weitgehende Einigkeit, dass das Ausmaß des im Welthandel akkumulierten Kapitals keinen Einfluss auf die Entwicklung des Industriekapitalismus hatte. Neuerdings ist diese Argumentation noch dadurch untermauert worden, dass der US-amerikanische Historiker Kenneth Pomeranz in seiner Monographie »The Great Divergence« dargelegt hat, wie vergleichsweise wenig Kapital für den Beginn der industriellen Produktion erforderlich war. Das gelte auch für die Dampfmaschine, deren Bedeutung für die Entwicklung der Industrialisierung in England zu Recht hervorgehoben werde. Ihre Verbreitung habe aber vor allem darauf basiert, dass zuvor die Produktion der für ihren Betrieb erforderlichen Kohle ausgeweitet worden war.

Anders als für den Welthandel insgesamt, hat die neuere Forschung für einzelne Produktionszweige allerdings durchaus einen Einfluss des Weltmarktes konstatiert. Die in Liverpool produzierten Ketten und Halseisen wurden von Sklavenhaltern in Übersee nachgefragt, der Beschlag von Schiffsrümpfen mit Kupfer verlängerte die Lebensdauer von Schiffen, und in England stieg nicht nur die Nachfrage nach Kaffee, Kakao und Tee, sondern auch nach Zucker. Das zeitweise dominante Erklärungsmodell des sogenannten atlantischen Dreieckshandels ist inzwischen zwar in mehrfacher Hinsicht relativiert worden, unbestreitbar aber ist, dass der Handel mit Menschen, die zu Sklaven gemacht wurden, und der ihm nachfolgende Handel mit den Arbeitsverträgen, die Coolies in Asien angeboten oder aufgezwungen wurden, in vielen Regionen der Welt zur Voraussetzung kapitalistischer Produktion wurden. Die Märkte für den Handel mit Arbeitskraft entwickelten sich von Anfang an im globalen Zusammenhang.

Mare librum

Wird die theoretische Konzeption einer zwar durch Krisen erschütterten, insgesamt aber kontinuierlichen Entwicklung des Weltmarktes vom 15. bis zum 21. Jahrhundert in Frage gestellt, so muss zumindest ansatzweise diskutiert werden, wann aus dem vorkapitalistischen Weltmarkt ein kapitalistischer wurde. Es sind vor allem zwei Veränderungen, die diesen Übergang markieren und damit auch zeitlich einordnen. Da war zunächst die revolutionäre Zerschlagung des vorherigen Regimes der Privilegien, die zur Begünstigung von Kaufleuten durch den herrschaftlichen Ausschluss von Konkurrenz auf der einen und zur Begünstigung von Fürsten durch die Zahlungen der Privilegierten auf der anderen Seite geführt hatten. Sofern es nach der Etablierung kapitalistischer Staatsgewalt weiterhin an Personen gebundene Begünstigungen gab, wie dies bei manchen Konzessionsgesellschaften in Kolonien durchaus der Fall sein konnte, galt dies ebenso als Korruption wie etwaige direkte Zahlungen an Politiker.¹

Die zweite Veränderung, an der ich das Ende des vorkapitalistischen Weltmarktes festmache, ist das Ende der Ansprüche auf Hoheit über Meeresregionen. Es lässt sich auf das Jahr 1848 datieren. Zuvor war mehr als drei Jahrhunderte lang die herrschaftliche Beschränkung von Konkurrenz nicht nur im Wege der Privilegierung von Handelsgesellschaften erfolgt, sondern auch durch den Versuch von Fürsten, sich die Hoheit über bestimmte Regionen der Weltmeere und damit auch über den Handel, der an den jeweiligen Küsten betrieben werden konnte, zu sichern. Rückblickend wurde diese Strategie als »Mare clausum« bezeichnet. Zunächst war sie vor allem von Portugal und Spanien verfolgt worden, aber auch die Hanse versuchte, den Zugang nicht-hansischer Konkurrenten zur Seefahrt auf Nord- und Ostsee militärisch zu unterbinden. In den folgenden Jahrhunderten forderten jeweils diejenigen Fürsten, deren Untertanen im Fernhandel unterlegen waren, dass das Meer nicht herrschaftlich geschlossen, sondern frei sein solle, ihre Untertanen also nicht daran gehindert werden sollten, alle sieben Meere zu befahren und überall Handel zu treiben.

Solange englischer Handel und englische Marine noch um ihre internationale Vormachtstellung kämpften, hat auch die englische Krone »Mare liberum«, also die weltweite Freigabe der Schiffahrt gefordert. 1651 aber, und damit zwei Jahre nach dem Ende vorbürgerlicher königlicher Herrschaft in England, beschloss das englische Parlament die sogenannten Navigationsgesetze. Während die Krone zuvor fremde Schiffe nur von den Seegebieten an den britischen Küsten hatte fernhalten wollen, wurde nun festgelegt, dass Waren aus und zu englischen Besitzungen nur auf englischen Schiffen transportiert werden durften und jeder Handel mit einer englischen Kolonie einen englischen Hafen als Zwischenhandelsplatz nutzen musste. Ähnliche Gesetze wurden auch andernorts erlassen², nirgends aber ebenso systematisch versucht, sie militärisch durchzusetzen.

Die Navigationsgesetze provozierten einen Aufschwung des Schmuggels zur See, und dies nicht zuletzt in den Küstenstädten englischer Kolonien in Nordamerika. Schmuggler praktizierten den vorläufig noch militärisch gebremsten freien Handel. Nach der Unabhängigkeit nordamerikanischer Kolonien galten die Navigationsgesetze zwar fort, ließen sich aber kaum noch durchsetzen. Was das für den internationalen Handel bedeutete, kann man daran ablesen, dass es Ende des 18. Jahrhunderts auch bremische Reeder wagen konnten, Schiffe nach Baltimore zu entsenden. Dass Bremen zu einem Zentrum des Imports von Baumwolle und Kaffee wurde – was bis heute nachwirkt –, geht auf eben diesen erfolgreichen Schmuggel nordamerikanischer Schiffseigner zurück. Er hat die seit dem Niedergang der Hanse wirksame Beschränkung der deutschen Handelsschiffahrt auf Küstenschiffahrt beendet.

1848 wurden die Navigationsgesetze abgeschafft. Marx kommentierte wenige Jahre später, die Manchesterschule wolle auf dem Weltmarkt jetzt mit Baumwollballen kämpfen.³ Wir können ergänzen: Angesichts zunehmender ökonomischer Dominanz erschien der Einsatz der Navy zur Sicherung der Vormachtstellung im internationalen Handel nicht mehr nötig und womöglich sogar eher hinderlich. Die Freiheit der Hohen See von aller nationalen Gebietshoheit ist zwar erst 1982 durch das von der UNO beschlossene »Seerechtsübereinkommen« formalisiert worden, seit 1848 wird sie international aber anerkannt.

Die Aufhebung der Navigationsgesetze machte es möglich, dass sich auch ausländische Schiffe am Handel zwischen England und englischen Kolonien in Asien beteiligten. Weil die Heuern auf preußischen Schiffen extrem niedrig waren, konnten auch ihre Eigner jetzt in englischen Häfen erfolgreich um Frachten für ferne Ziele konkurrieren. Und dies, obwohl es in Preußen vorläufig noch keine Schiffe gab, die so gebaut gewesen wären, dass sie sich an der seit den 1830er Jahren einsetzenden Konkurrenz um besonders schnelle Fahrten hätten beteiligen können.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte dann in einem der damals führenden seefahrenden Staaten nach dem anderen die Umwandlung von Seeleuten in Arbeitskräfte, die mittels gesonderter Strafgesetze zu reinen Befehlsempfängern gemacht wurden. Der Beginn der freien Konkurrenz um Schiffsladungen korrespondiert mit der Industrialisierung der Schiffahrt, worunter nicht die Einführung der Dampftechnik zu verstehen ist, sondern die Unterordnung seemännischer Arbeit unter das Kommando von Schiffsführern. Ihnen wurden jetzt – ganz ähnlich wie in den Kriegsmarinen – staatliche Kompetenzen übertragen. Damit wurde gesichert, was Ricardo in seiner Theorie der komparativen Vorteile des internationalen Handels bereits unterstellt hatte: Für die theoretische Aussage, dass internationaler Handel allen Ländern nutzt, wenn sie jeweils diejenigen Güter exportieren, bei deren Produktion sie über einen komparativen Vorteil verfügen, mussten Kosten des Transports nicht in Rechnung gestellt werden. Schon zu Ricardos Zeiten waren sie außerordentlich gering. Seither sind sie im Verhältnis zu den Produktionskosten weiterhin gesunken.

Anmerkungen

1 Die »East India Company« aber hatte sich durch die Eroberung von Bengalen bereits 1661 zu einem Kolonialstaat in Privatbesitz entwickelt. Nach einem Aufstand einheimischen Militärs verstaatlichte das Britische Parlament diesen Privatbesitz. Leopold II. sah sich gezwungen, seine private Kolonie dem belgischen Staat zu verkaufen, nachdem Berichte über die im Kongo verübten Greueltaten internationale Empörung hervorgerufen hatten.

2 In Frankreich hießen die entsprechenden Gesetze »Exclusif«.

3 »Die große parlamentarische Debatte«, in: Marx-Engels-Werke, Band 11, S. 283

Heide Gerstenberger ist Professorin für Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates an der Universität Bremen. Zuletzt erschien von ihr 2017 im Münsteraner Verlag Westfälisches Dampfboot das Buch »Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus«.


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