Aus: Ausgabe vom 22.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Eine Muschi namens Lord Voldemort

Katja Klengel versucht, im Comic »Girlsplaining« wichtige Mädchenfragen mit Humor zu beantworten

Von Xenia Helms
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Was Mädchen so tun: Ausschnitt aus dem Comic »Girlsplaining«

»Girlsplaining« ist das autobiographische Debütcomicalbum der Wahlberlinerin, Zeichnerin und Drehbuchautorin Katja Klengel, erschienen im Berliner Verlag Reprodukt. Der Band enthält sieben Kapitel auf 160 Seiten, die nur lose miteinander im Zusammenhang stehen. Das mag damit zu tun haben, dass sechs Geschichten vorab als Kolumnen im Online-Magazin Broadly erschienen sind und nun in einer Art Best-Of in Buchform vorliegen.

Das Buch »Wenn Männer mir die Welt erklären« von Rebecca Solnit, in dem die Autorin sich an einem vornehmlich männlichen Verhalten abarbeitet, für das sie den Begriff »Mansplaining« populär machte, gab Klengel die Anregung dazu. Mansplaining ist ein aus dem Englischen übernommenes Kofferwort aus »man« und »explain« und bezeichnet kurz gesagt das Verhalten von Männern, die Frauen gern jegliche Kompetenz absprechen und ihnen die Welt erklären.

Für ihre Comics drehte sie diesen Begriff in einer von ihr als Selbstermächtigung verstandenen Aktion um, und gab ihnen die Überschrift »Girlsplaining – eine Frau erklärt«, als Titel der Kolumne. Der Gegenbegriff zu »Man« wäre ja eigentlich »Woman«. So lässt der Gebrauch des Wortes »Girl« darauf schließen, dass hier Dinge erläutert werden, die »Mädchen« tun: shoppen, Nägel lackieren – oder eben neuerdings über die Vulva reden, statt über Politik, Wissenschaft oder Weltverbesserung.

Der englische Titel der erstveröffentlichenden Website Broadly, die zur Vice-Gruppe gehört, bedeutet wiederum zwar »im großen und ganzen«. Doch lässt er, durch die Nähe zu dem Wort broad, auch an despektierliche Bezeichnungen wie Tussi, Schlampe oder Mieze denken, was durch den Untertitel dieser Plattform, »Für Frauen, die wissen, wo sie hingehören«, unterstrichen wird. Feministisch oder emanzipatorisch mutet das nicht unbedingt an.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf verwirrt das für einen Hartcover-Comicband eher kleine Format von 17x17 cm, das durch seine quadratische Form mehr an ein Kinderbuch erinnert. Auch Fragestellungen wie »Warum haben wir vor dem Wort ›Vulva‹ mehr Angst als vor ›Voldemort‹?« oder »Müssen wir uns wirklich für unsere Körperbehaarung schämen?« wenden sich offenbar an ein junges, also viel jüngeres ­Publikum, welches aus eigener, täglicher Erfahrung wissen möchte: »Wieso werden im Schulunterricht hauptsächlich männliche Autoren gelesen?« Katja Klengel arbeitet sich in »Girlsplaining« aber im wesentlichen an ihrer eigenen Kindheit und Jugend in den 1990er Jahren ab – und gibt selbst, anders als die geschmähten Mansplainer, leider nur wenig profunde Antworten. Es ist auffällig, dass gegenwärtig die Auskunft über Befindlichkeiten gerne mit Kritik an Geschlechterrollen gleichgesetzt wird. Hingegen mangelt es an Lösungsansätzen oder Orientierungspunkten gerade für junge Menschen.

Klengel hält Humor für den geeigneten Weg, um sich Themen wie mangelnde Gleichberechtigung, sexuelle Tabus oder gefährliche Körperbilder zu nähern. Für sie ist es ein Weg der offenen Kommunikation. Inwiefern ihre Selbstironie von heutigen von Selbstzweifeln befallenen Mädchen verstanden wird, bleibt indes fraglich.

Zeichnerisch orientiert sich der in Rosatönen gehaltene Band an japanischen Manga und Anime. Naoko Takeuchis Sailor Moon ist prägend für Klengels eigenen Zeichenstil; die Mädchen in ihren Bildern sind langbeinig, langhaarig und großäugig, die Jungs tragen ordentliche Kurzhaarschnitte. Erzählerisch fällt dagegen die große Nähe zu US-amerikanischen Realfilmserien auf. Die Komposition der Panels erinnert zuweilen an Szenen aus »Sex In The City«, »Girls« oder »General Hospital«. Die Protagonistin findet sich auch mal in den Kulissen von »Raumschiff Enterprise« oder »Harry Potter« wieder. Sie lebt in einer Fernsehwelt und träumt sich in ihre liebsten Filmszenen.

Klengels Abschlussdrehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, war der Fantasyserienpilot »Vesta«, 2018 für den Deutschen Nachwuchspreis »First Steps Award« nominiert. Die römische Göttin von Heim und Herd, Vesta, keusche Hüterin des heiligen Feuers, eignet sich aber wohl kaum zum Vorbild für Emanzipation und Selbstermächtigung. Um sie zur Kämpferin für die Anerkennung weiblicher Kompetenz und Führungsqualität zu stilisieren, braucht es Transformationsvermögen und Phantasie.

Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt-Verlag, Berlin 2018, 160 Seiten, farbig, 18 Euro

Broadly-Kolumne: broadly.vice.com/de/topic/girlsplaining

Blog von Katja Klengel: blattonisch-diary.blogspot.de


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