Aus: Ausgabe vom 21.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Angemessene Einstellungen

Er galt noch als Talent und war schon Meister: Zum Tod des DEFA-Regisseurs Günter Stahnke

Von Detlef Kannapin
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Nur das Unwesentliche wird nicht vermisst: Günter Stahnke 2002

Noch am 10. Oktober 2018 feierte Günter Stahnke seinen 90. Geburtstag. Auf Hinweis seiner Partnerin, der Schauspielerin Helga Piur, überlegte sich die DEFA-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Kino in der Brotfabrik in Berlin-Prenzlauer-Berg eine Ehrung für den Jubilar. Es sollte noch einmal sein Spielfilm »Der Frühling braucht Zeit« von 1965 gezeigt werden, in dem ausgewiesene DDR-Stars wie Eberhard Mellies, Günther Simon, Karla Runkehl und (in einer beeindruckenden frühen Rolle) Rolf Hoppe spielen. Tatsächlich kam Stahnke am 21. Oktober, einem Sonntag, ins Kino, sah seinen Film und erzählte die Geschichte. Wie er im Fernsehen mit seinen Beiträgen »Fetzers Flucht« und »Monolog für einen Taxifahrer« 1962 aneckte, wie er sich bewähren sollte mit einem Filmstoff aus der Industrie, wie er danach für die Verfilmung des Romans »Die Entscheidung« von Anna Seghers vorgesehen war – und wie dann alles doch ganz anders kam, mit ihm, seinen Fähigkeiten und seinem Werdegang. Das Publikum erlebte einen klaren, aufgeräumten, interessierten Menschen, und es war dankbar für einen Film, der weit über sein ursprüngliches Produktionskennziffernthema hinausweist: »Der Frühling braucht Zeit« behandelt nicht weniger als die Frage nach einer vernünftigen und angemessenen Lebensweise, kurz: Es geht darin um die Herstellung der Bedingungen für eine menschliche Gesellschaft, denkbar nur im Sozialismus.

Diese brennenden Fragen hatte Stahnke filmisch zu lösen versucht. Für alle Konflikte und Konstellationen waren dem Medium angemessene Einstellungen zu finden. Alles Überflüssige war zu vermeiden: Großaufnahmen nur bei Übermittlung anderweitig nicht sichtbarer Details, Musikeinsatz nicht illustrativ, Handlung und Dialoge auf unentbehrliche Informationen verknappen, die Rationalität der Botschaft ist möglichen bildmäßigen Pointen unbedingt vorzuziehen, ansonsten hat die Kamera volle Freiheit. In Stahnkes Film- und Fernsehwerken der ersten Hälfte der 60er Jahre kommt man sich immer noch vor wie in einem gelungenen Proseminar für Regiearbeit – das Wesentliche ist da, das Unwesentliche fehlt und wird nicht vermisst. Auch das ist eine Haltung zur Welt.

In der Arbeitsbiographie des Regisseurs spiegelt sich die Tragik der sozialistischen Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts. Stahnke, ursprünglich Schauspieler, Autor und Filmkritiker, kam zur Regie ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde. Dann allerdings überzeugte er bei den Vorarbeiten zur Fernsehoper »Fetzers Flucht« die zuständigen Redakteure mit gelungenen Probeaufnahmen einer unverfilmbar scheinenden Szene und erhielt sofort den ganzen Auftrag. Schon die zweite Arbeit »Monolog für einen Taxifahrer«, ursprünglich für eine Ausstrahlung Weihnachten 1962 vorgesehen, wurde nicht gesendet, weil die Verantwortlichen beim Fernsehen offenbar auf Intervention von Lotte Ulbricht die Darstellung einer zwiegespaltenen, wenn auch keineswegs negativen Hauptfigur (gespielt von Fred Düren) fürchteten. Es folgten der Kinderfilm »Vom König Midas« (1963), die Regie der Spielfilmpassagen im Dokumentarfilm »Revolution am Telefon« über den 20. Juli 1944 und der TV-Krimi »Doppelt oder nichts« (beide 1964), schließlich »Der Frühling braucht Zeit«.

Im November 1965 uraufgeführt, geriet dieser Film ins Fahrwasser des XI. Plenums des ZK der SED und führte zur fristlosen Entlassung Stahnkes aus dem DEFA-Spielfilmstudio. Fortan inszenierte er ausschließlich heitere Filmkomödien, Fernsehschwänke und Musicals. Künstlerischen Anschluss an seine frühen Filme suchte er nicht wieder, aber auch ein Weggang aus der DDR kam nicht in Frage. So bleibt als ein Ergebnis dieses ereignisreichen Lebens festzuhalten, dass Stahnke Anfang, Mitte der 60er noch als Regietalent galt, aber zugleich schon Meister war. Und das in einem Alter, in dem andere Künstler ihre Zielvorgaben noch suchen und viele dabei insgeheim schon ahnen, dass sie solche niemals finden werden. Im Alter zwischen 34 und 37 Jahren legte Stahnke eine Reihe von Filmen vor, die aufgrund ihrer Substanz, Konsequenz, ihrer Geradlinigkeit und ihres Bewusstseins einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte haben.

Dies konnte erst ab 1990 angemessen gewürdigt werden. In diesem Fall aber nicht als Bestandteil einer Denunziation, sondern von seiner Seite aus, bei aller auch von ihm formulierten Kritik am Umgang mit ihm und seiner Arbeit in der DDR, stets im Sinne der Wahrheit und der Sache. Es ging ihm um bessere Filme für eine bessere Welt. In der Nacht zum 12. November ist Günter Stahnke verstorben, sein Vermächtnis könnte lauten: Konzen­triert euch aufs Wesentliche!


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