Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 12 / Thema

Unter Panzern und Patrioten

Alles eine Frage der Klasse – Herr Groll und der österreichische Nationalfeiertag

Von Erwin Riess
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Einmal im Jahr präsentiert sich das Österreichische Bundesheer dem Volk – Nationalfeiertag in Wien (26.10.2011)

Der Dozent traf seinen Freund Groll am 26. Oktober 2018 vor dem Wiener Burgtheater. Mehrere Panzer des Bundesheers hatten dort Aufstellung genommen, scheu drückten die Menschen sich an den stählernen Kolossen entlang.

»Geschätzter Groll! Jetzt kenne ich Sie schon so lange, aber dass Sie als Floridsdorfer¹ Restlinker den Nationalfeiertag begehen, ist mir bisher verborgen geblieben. Immerhin wurde um die Floridsdorfer Gemeindebauten während des Bürgerkriegs von 1934 am heftigsten gegen das austrofaschistische Bundesheer gerungen. Warum sollten Sie dann dem Bundesheer bei dessen Leistungsschau ihre Reverenz erweisen? Der Schlinger-Hof² war tagelang Kriegsschauplatz. Als die Maschinengewehrschützen der aufständischen Arbeiter durch Granaten aus Bundesheerkanonen ausgeschaltet waren, brachten Frauen und Jugendliche die MGs in Sicherheit und feuerten von anderen Punkten auf den Dächern auf das mutige Militär, das mit schweren Kanonen von Panzerzügen in Gemeindebauten schießen ließ, vier Jahre später, als die Deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschierte, aber keinen einzigen Schuss zur Verteidigung der Republik abgab.«

Die beiden schüttelten einander die Hände.

»Auch gegen den NS-Faschismus waren es Floridsdorfer Kommunisten und linke Sozis, die an führender Stelle gegen den Terror kämpften«, setzte der Dozent fort. »Auf einer schäbigen Grünfläche vor einem Möbelhaus an der Brünner Straße sind auf einem Gedenkstein die Namen etlicher Widerstandskämpfer verewigt, die von den Nazis hingerichtet wurden. Schließlich tragen nicht wenige Floridsdorfer Straßen und Gassen die Namen von Kämpfern gegen das Deutsche Reich und seine österreichischen Handlanger.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen«, erwiderte Groll. »Ein Millionärserbe aus dem Nobelbezirk Hietzing mit Schloss Schönbrunn, dem Café Dommayer, in dem der Walzerkönig Johann Strauß Heimvorteil genoss, und den Hügeln des Wienerwalds braucht einen Bewohner des Donauschwemmlandes in einem Bezirk, der, wäre er selbständig, die viertgrößte österreichische Stadt bilden würde, nicht zu belehren. Was mich anlangt, bin ich eine Instanz, und was Floridsdorf anlangt, erst recht. Die Donau stellt zwischen uns nicht nur eine nautische, sondern auch eine zivilisatorische Wasserscheide dar.«

Ein Panzerfahrer startete den Motor des Kettenfahrzeugs. Eine schwarze Rußwolke hüllte Groll und den Dozenten ein. Die beiden versuchten, Abstand von den Uniformierten zu gewinnen, wurden aber von der Menschenmenge, die in Hochrufe auf das Bundesheer ausbrach, zurückgeworfen.

»Immerhin gibt es auch im bergigen Hietzing eine Reihe von Heurigen«, erwiderte der Dozent. »Der dort ausgeschenkte Wein hat zwar eine hügelige Note und einen bewaldeten Abgang, aber der Hietzinger Wein trinkt sich, zumal mit Wasser aus den Wäldern verdünnt, durchaus anständig.«

Primzahlenbezirke

»Der Weinbau ist auch das einzige, was unsere beiden Bezirke verbindet«, versetzte Groll, als sie sich an dem Panzer vorbeigekämpft hatten. »Aber diese Gemeinsamkeit ist nur oberflächlich«, fuhr er fort. »Der Floridsdorfer Wein mit seinen weltberühmten Grand-Cru-Lagen braucht vor dem Verzehr nicht verdünnt zu werden.«

»Bitte«, sagte der Dozent zornig. »Dann gibt es eben noch eine zweite Gemeinsamkeit, die Zahlen dreizehn für meinen Bezirk und einundzwanzig für Ihr Floridsdorf sind Primzahlen.«

Die patriotische Menge drückte die beiden wieder in Richtung der Panzer zurück.

»Dreizehn sehr wohl«, sagte Groll. »Aber zwischen 19 und 23 gibt es keine Primzahl. Einundzwanzig ist jedenfalls keine.«

»Sagen Sie bloß, Sie kennen die Primzahlen!« rief der Dozent erbost.

»Bis ins fünftausendste Glied. Soll ich Sie aufzählen?« rief Groll zurück. Der abgestorbene Motor des Panzers wurde wieder gestartet.

»Es scheint, Sie sind stolz darauf, in einem Bezirk zu wohnen, der …«

Die Worte des Dozenten gingen im Lärm unter.

»So ist es, verehrter Freund, ich bin froh, dass der einundzwanzigste Bezirk kein Primzahlenbezirk ist«, sagte Groll keuchend. Karateschläge austeilend, widerstand er der anwogenden patriotischen Menge. Der Motor des Panzers wollte nicht anspringen.

»Was können die armen Primzahlen dafür, dass Sie in einem Arbeiterbezirk wohnen und ich in einem, sagen wir, gehobenen Bezirk.«

»Einem Primzahlenbezirk. Dreizehn ist eine Primzahl, und zwar eine besonders hässliche«, versetzte Groll.

»Was für ein Unsinn!« rief der Dozent. Der Motor des Panzers stotterte, sprang kurz an, starb aber wieder ab.

»Als zukunftsfroher Restlinker kämpfe ich unermüdlich gegen Obskurantismus, Dunkelmännertum und Standesdünkel.«

»Um Himmelswillen!« rief der Dozent. »Was haben die Primzahlen mit Standesdünkel zu tun?«

»Rufen Sie nicht die Himmel an, Sie indifferenter Hobbyatheist«, fuhr Groll seinem Bekannten übers Maul. »Ich führe den Kampf dort, wo man mich hinstellt. Jeder Revolutionär macht das so. Der Kampf um Gleichheit und Menschenwürde darf vor der Mathematik nicht halt machen. Die Primzahlen sind die Herrenreiter der Zahlenwelt. Ein übles Gesocks.«

»Was für ein unglaublicher Unsinn!« rief der Dozent und wedelte mit den Armen, um die schwarzen Russwolken zu vertreiben, die vom Panzer, dessen Motor jetzt mit einem tiefen Rasseln angesprungen war, Richtung Parlament zogen.

Groll verschränkte die Arme vor der Brust und sagte im Tonfall eines k .u. k. Truppeninspizienten: »Verehrter Dozent, das ist kein Unsinn. Das ist der Klassenstandpunkt. Unverrückbar, unwiderlegbar und unverständlich für alle Privatschulabsolventen aus der herrschenden Klasse.«

»Der Panzerdiesel scheint Ihre Gedanken zu vernebeln, geschätzter Freund. Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurückkehren, dem Nationalfeiertag. Ich dachte, Sie würden eher den Siegestag über den Faschismus am 8. Mai feiern.«

»Da haben Sie nicht unrecht, verehrter Dozent«, stimmte Groll bei. »Am Staatsfeiertag des 26. Oktober 1955, so hieß es in der Schule, feiern wir den Abzug des letzten Besatzungssoldaten. Insofern bin ich hier tatsächlich fehl am Platz.«

»Wir haben im Theresianum gelernt, dass an diesem Tag die Proklamation der immerwährenden Neutralität gefeiert wird«, sagte der Dozent verunsichert.

»Da sehen Sie wieder, dass die bürgerliche Klasse und ihr proletarisches Pendant beziehungsweise deren Devantgarde, als deren herausragendes Produkt ich mich verstehe, durchaus verschiedenen Sichtweisen der Geschichte anhängen«, erwiderte Groll. »Im übrigen weise ich darauf hin, dass Österreich in geheimen Zusatzdokumenten zu Staatsvertrag und Neutralität die Sowjetunion dafür entschädigen musste, dass sie den Anspruch auf österreichisches Erdöl aufgab. Auch mussten jene Teile der DDSG, der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft, die in den östlichen Donaustaaten verblieben waren, für immer abgeschrieben werden.«

»Ich wusste es doch!« rief der Dozent. »Keine Herleitung ist Ihnen zu entlegen, um nicht doch wieder bei Ihrer Obsession Binnenschiffahrt zu landen.«

»Die Binnenschiffahrt ist der Quell der Zivilisation«, erwiderte Groll. »Mark Twain vom Mississippi sagt das, die Herren Marx und Engels von Mosel, Wupper und Rhein sagen das, und das bescheidene Donaukind Groll sagt das auch.«

»Fehlt noch, dass Sie Hegels Philosophie mit der Spree in Verbindung bringen!«

Margarinefreiheit

»Was heißt ›Verbindung‹?« sagte Groll. »Ohne Spree und Havel wäre Hegel ein trockener Provinzphilosoph geblieben. Er ist in Stuttgart am Neckar geboren und in Berlin gestorben. Eine makellose nautische Biographie. Aber ich möchte Sie auf eine weitere Besonderheit des österreichischen Staatsvertrages hinweisen. In den geheimen Zusatzprotokollen ist unter anderem das Verbot einer eigenen Margarineproduktion enthalten. Dieser Punkt wurde von den Amerikanern in den Vertrag reklamiert. Eine Margarineproduktion ist im Kriegsfall für die Ernährung der Bevölkerung essentiell, es handelt sich da um kein skurriles Detail. Das Verbot wurde erst in den frühen 1970er Jahren aufgehoben. Seither herrscht in Österreich Margarinefreiheit.«

»Erstaunlich, wie weitblickend die Alliierten damals waren«, sagte der Dozent.

»Von mir aus hätten sie ruhig dableiben können«, bekräftigte Groll. »So gefestigt war die österreichische Demokratie nicht, dass man die Exnazis und Exaustrofaschisten ohne Aufsicht lassen konnte. Und wie die Ereignisse der letzten Monate zeigen, könnte ich auch heute einer alliierten Präsenz durchaus etwas abgewinnen. Nur welcher Alliierten? Die Europäische Union ist viel zu schwach, taumelnde und abdriftende Mitglieder zur Ordnung zu rufen.«

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Patriotische Teletubbies – Kanzler Sebastian Kurz (l., ÖVP) und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) begrüßen auf dem Wiener Heldenplatz Soldaten des Jagdkommandos, die zuvor per Fallschirm mit einer großen Nationalfahne abgesprungen waren (26.10.2018)

»Immerhin, Robert Menasse und eine Hundertschaft von Gleichgesinnten sehen sich berufen, den Nationalstaat zu beenden und rufen aus diesem Grund die ›Europäische Republik‹ aus – von den Balkonen der Staatskanzleien und aus der Beletage herrschaftlicher Palais!« warf der Dozent ein.

»Sie bleiben auf den Balkonen, weil sie sich mit dem Mumpitz nicht unter die Leute trauen. Ich sagte ja, die Union ist zu schwach.«

Zwei Heeres-Lkw passierten die Szene, auch sie stießen schwarzen Russ aus. Groll und der Dozent verschwanden in einer Dieselwolke. Sie flüchteten zur Seite, kamen dadurch aber den Jagdpanzern wieder näher, die versuchten, ihre Motoren zum Laufen zu bringen.

Staatsstreich von innen

Als die beiden wieder Luft bekamen, fuhr Groll fort. »Der marxistische Historiker Hans Hautmann³, ein Floridsdorfer wie ich, wies mit Nachdruck auf eine Tiefenwurzel der gegenwärtigen politischen Entwicklung hin, die euphemistisch Rechtsruck genannt wird. Tatsächlich weist die gegenwärtige innenpolitische Situation in Österreich aber viele Elemente eines institutionellen Staatsstreichs der rechtsnationalistischen Volkspartei und der rechtsextremen FPÖ auf, die sich als völkische Bewegungspartei der ›kleinen Leute‹ verkauft. In der ÖVP sind alle innerparteilichen Korrektive zur Allmacht des Kanzlers unter dessen Kontrolle, da und dort aufkeimender Widerstand aus Teilen der Partei, die mit der Verschlechterung der Arbeits- und Sozialgesetze und der permanenten Verschärfung von Fremdenrecht und Asylwesen nicht einverstanden sind, wird von den engsten Vertrauten des Kanzlers, die dieser – mit Ausnahme des Sicherheitsbereichs – an die Stabsstellen der Macht setzte, kompromisslos niedergeschlagen. In diesem Sinne ist die neue, türkise ÖVP-Regierung mehr Kanzlerdiktatur als ein konservatives Regierungsbündnis alten Zuschnitts. Bislang war es ein ungeschriebenes Gesetz der Zweiten Republik, dass die jeweilig führende Klassenpartei zwar ihre Positionen in Gesellschaft und dem erweiterten Staat ausbaute, aber der anderen Seite immer genug Platz zum Überleben ließ. Nicht die Vernichtung des politischen Gegners war das Ziel, sondern dessen Zurückstufung zu einem Juniorpartner der eigenen Machtausübung. Aufgabe der Sozialdemokratie und der von ihr dominierten Gewerkschaft war es, die Arbeiter ruhig und bei Laune zu halten. Auf diese Weise entstand im Lauf der Jahrzehnte ein wenig flexibles aber stabiles Herrschaftssystem. Zentrale wirtschaftliche und politische Fragen wurden in einem Dickicht informeller Gremien und Beiräte vorgeformt, bevor sie in den offiziellen politischen Raum entlassen wurden. Im Parlament wurde durchgewinkt, was in den sozialpartnerschaftlichen Kreisen längst fixiert war. Die Funktionäre der Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie, Gewerkschaften und Arbeiterkammer, wähnten sich in einer Art Vorzimmer des Sozialismus. Sie verwechselten ihre Absorption in den Staatsapparat mit der Emanzipation der lohnabhängigen Klassen und Schichten. Ihre Spitzen waren hofierter Bestandteil von Regierung und vorgelagerten Apparaten. Der jahrzehntelange Paarlauf von Arbeiterbewegung und Bourgeoisie geriet aber seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts außer Balance. Die Verteilungsergebnisse für Unternehmer und Besitzbürger wurden – unter tatkräftiger Mithilfe sozialdemokratischer Finanzminister, die ein steuerschonendes Stiftungsrecht einführten und die Erbschaftssteuer abschafften – immer besser, Gewinne und Besitzvermögen stiegen rasant. Auf der anderen Seite stagnieren die Lohnquote und die Realeinkommen von Lohnabhängigen seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Immer wieder mahnte die OECD die Gewerkschaften, bei den Lohnforderungen nicht so zurückhaltend zu sein. Dazu kamen die Finanzkrise und die damit verbundene langjährige Entwertung von kleinen Sparguthaben sowie das Erbe der amerikanischen Voodoopolitik in Afghanistan, dem Irak, Syrien, Libyen und an anderen Orten, die ihren Teil zu den Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre beitrugen. Seit Herbst 2017, dem Beginn der Kanzlerschaft Kurz, werden die letzten Reste sozialpartnerschaftlicher Regelungen und Postenbesetzungen gekappt. Kurz und seine Hintermänner in Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer verweisen den altgewohnten Klassenkompromiss, der auch Gewerkschaften und Sozialdemokratie leben ließ, auf den Misthaufen der Geschichte. Das Kabinett Kurz agiert nach dem Muster der britischen Tories und des tschechischen ›Wendekanzlers‹ Vaclav Klaus: The winner takes it all. Ziel ist die ganze, ungeteilte Macht, die Eliminierung der ›Roten‹ aus der Staatsspitze ist da nur ein Zusatzbonus.«

Der Dozent folgte Groll zur Seite und hockte sich neben Grolls Rollstuhl Joseph auf die Fersen.

Schockstarre der Reformisten

»Könnte es sein, dass die Untätigkeit und Unfähigkeit der SPÖ in der Opposition darin ihren Grund hat? Dass der Ausschluss von der Macht und der drohende Absturz in die Bedeutungslosigkeit die einst stärkste reformistische Arbeiterbewegung Europas in eine Schockstarre versetzt? Und dass diese politische Lähmung von den rechten Kräften, die nach dem Abgang des einflussreichen Wiener Bürgermeisters Häupl das Sagen haben, dazu benutzt wird, die Sozialdemokratie noch weiter nach rechts zu rücken? So weit, dass künftig Koalitionen mit der rechtsextremen FPÖ möglich werden. Und auf diese Weise die Hoffnung der Funktionäre auf eine Rückkehr zumindest in die Vorzimmer der Macht in fernen Zeiten weiterlebt?«

Groll wollte antworten, wurde aber von einem Hustenanfall geschüttelt.

Der Dozent nützte die Gelegenheit und fuhr fort: »Ist es nicht seltsam, dass die Panzer um das Burgtheater Aufstellung nehmen? Die Kultur und der Krieg, das passt doch nicht zusammen«, sagte der Dozent.

Zuerst krächzend, dann mit sich festigender Stimme erwiderte Groll. »Irrtum, werter Freund! Die beiden sind je eine Seite derselben Medaille, die ›Österreich zuerst‹ heißt. Die Kultur bereitet den Boden, die Panzer rollen auf ihm zu neuen Zielen.«

»Sie gehen doch nicht allen Ernstes davon aus, dass Österreichs Panzer eine Bedrohung für die Nachbarstaaten darstellen!?«

Groll schüttelte den Kopf. »Es reicht, wenn sie ihre Motoren starten und die Schaulustigen vergiften. Schlimmer wird es, wenn sie zu den Grenzübergängen rasseln und sich wegen drei Flüchtlingen im Quartal in Weingärten auf die Lauer legen und immer wieder ihre Motoren starten.«

»Und dabei die Landarbeiter, die in den Weingärten schuften, vergiften«, ergänzte der Dozent.

»Erstens sind die Landarbeiter aus dem Osten und können damit in Umsetzung der fremdenfeindlichen Generallinie der Regierung bedenkenlos eingenebelt werden, zweitens erhält der Grenzwein durch die Abgase eine rauchige Note, was von den Weinkennern in Hietzing und der Wiener City sicherlich geschätzt wird.«

»Dennoch glaube ich, dass Sie übertreiben, Freund Groll! Österreichs glorreiche Panzerwaffe muss doch froh sein, wenn sie zehn Stück auf die Ringstraße bringt, ohne dass fünf auf der Anfahrt liegenbleiben.«

»Mit dem freiheitlichen Verteidigungsminister wird alles besser«, entgegnete Groll.

»So wie im freiheitlich geführten Innenministerium, meinen Sie? Mit rechtsextremen Beamten, die den Geheimdienst stürmen, um an die Daten verdeckter Ermittler zu gelangen, die in burschenschaftlichen Extremistenkreisen ermitteln?«

»Alles wird besser«, bekräftigte Groll.

»Und im freiheitlichen Außenministerium?«

»Auch dort. Österreich wird immer mehr geliebt. Das Staatsfernsehen und die Zeitungen quellen förmlich über vor Heimatliebe. Seitdem der heimische Multimillionär Benko, der deutsche Kaufhauskonzerne und die halbe Möbelindustrie Österreichs aufkaufte, sich anschickt, zwei führende österreichische Zeitungen, Kronenzeitung und Kurier, zu übernehmen, wird auch in den Medien alles besser.«

»Und im freiheitlichen Beamtenministerium?«

»Eine nachhaltige Besserung auch dort! Die Bleistifte sind gespitzt wie nie zuvor, die Beamten buckeln wie nie, und die Festplatten rotieren so schnell wie nie.«

»Seit kurzem werden Festplatten durch Chips ersetzt«, warf der Dozent ein.

»Ein freiheitlicher Technologieschub. Wie das aufgehobene Rauchverbot.«

Der Dozent hockte sich neben seinen Freund. »Wie darf ich das verstehen?«

»Die Menschen sollen sich an dicke Luft, also an Panzereinsätze, gewöhnen.«

»Und die Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen durch den freiheitlichen Verkehrsminister?« Der Dozent schrieb in sein Notizbuch.

»Dient demselben Zweck. Oder glauben Sie, die Heimatliebe lässt sich auf die Kriechspur verbannen?«

Wieder startete ein Panzermotor, eine schwarzbraune Wolke hüllte Groll und den Dozenten ein. Sie flüchteten auf die Ringstraße, wurden aber von einer polizeilichen Sondereinheit zurückgewiesen.

»Was für eine konsequente Umsetzung des Staatsvertrags«, sagte Groll. In der Zusatzbestimmung VI des Vertrages wird Österreich die Erzeugung von erstickenden, giftigen oder lähmenden Stoffen für Kriegszwecke verboten. Vom Einsatz dieser Stoffe wird im Vertrag nichts gesagt. Das Bundesheer feiert den Staatsvertrag zu Recht.«

Der Dozent setzte zu einer Antwort an. Da senkte sich eine neuerliche Dieselwolke eines startenden Panzers auf die beiden Freunde.

Anmerkungen:

1 Wiener Arbeiterbezirk nördlich der Donau, 160.000 Einwohner. Bei den Gemeinderatswahlen von 2015 waren FPÖ und SPÖ gleichauf, wenige Stimmen sicherten der SPÖ das Amt des Bezirksbürgermeisters.

2 Bastion des Roten Wien, 1924–26 erbaut, 478 Wohnungen

3 Hans Hautmann war der Doyen der marxistischen Geschichtswissenschaft in Österreich, seine Arbeiten zur Geschichte der Arbeiterbewegung und des Faschismus sind Standardwerke. Seine Habilitationsschrift über die »Verlorene Räterepublik 1918« ist nach wie vor unübertroffen. Hautmann begründete eine »Wiener Schule« marxistischer Historiker, zu der unter anderen Winfried Garscha, Claudia Kuretsidis-Haider, Willi Weinert, Gerhard Oberkofler, Manfred Mugrauer und andere zählen. Hans Hautmann verstarb im Sommer 2018.

Erwin Riess schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. August 2018 über die österreichische Koaltion aus ÖVP und FPÖ. Sein neuester Groll-Roman ist im vergangenen Jahr unter dem Titel »Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber« im Salzburger ­Otto-Müller-Verlag erschienen.


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