Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kein Ende der Krise

Zwischenbilanz nach drei Monaten Wirtschaftsreform: Venezuela steckt weiter in der Inflation fest

Von Ainarú Añez, Caracas
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Wegen der Bargeldknappheit monatelang ein seltener Anblick: der venezolanische Bolivar

In Venezuela wächst auch bei Angestellten des öffentlichen Dienstes der Unmut über die anhaltende Hyperinflation. Am Dienstag gingen Beschäftigte des Außenministeriums in Caracas auf die Straße, um dagegen zu protestieren, dass ihre Vorgesetzten abgeschlossene Tarifverträge missachten. Der Gewerkschafter José Patines sagte dem Onlineportal Aporrea, die Angestellten hätten für ein Jahr Arbeit nur 7.000 bis 8.000 Bolívares erhalten. Nach dem offiziellen Wechselkurs wären das zwischen 85 und 97 Euro. Auch dem Nahverkehr in Caracas droht der Kollaps. Rund 1.000 Angestellte haben nach offiziell nicht bestätigten Berichten in den vergangenen Tagen ihre Kündigung eingereicht. Der Unmut entzündete sich demnach daran, dass die übliche Gewinnbeteiligung in diesem Jahr so gering ausgefallen sei, dass sie durch die Inflation wertlos sei. Anfang der Woche kam es bereits zu tagelangen Ausfällen bei U-Bahn und Bus, so dass Tausende Caraqueños zu stundenlangen Fußmärschen gezwungen waren, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.

Rund drei Monate nach der von Präsident Nicolás Maduro verkündeten »radikalen Umwandlung der Währungs- und Finanzpolitik« in dem südamerikanischen Land zeichnet sich also kein Ende der Krise ab. Mitte August hatte Maduro ein umfangreiches Maßnahmenpaket angekündigt, um der 2014 durch den dramatischen Preisverfall beim Erdöl ausgelösten Wirtschaftskrise zu begegnen. In den Monaten zuvor waren die Reformen, die ursprünglich lediglich das Streichen von drei Nullen der entwerteten Landeswährung Bolívar umfassen sollten, immer wieder verschoben worden.

Im September wurden dann fünf Nullen gestrichen, 100.000 »Bolívares Fuertes« (Starke Bolívares, Bs.F) durch einen »Bolívar Soberano« (Souveräner Bolívar, Bs.S) ersetzt. Zudem setzte die Regierung in großem Umfang auf die zu Jahresbeginn initiierte Kryptowährung »Petro«, die als Devise für Handels- und Finanzgeschäfte eingesetzt wird und nach offiziellen Ankündigungen auch für Sonderzahlungen beispielsweise am Jahresende benutzt werden soll.

In den ersten Tagen und Wochen führte dies zu einer Atempause für die Bevölkerung. Mit dem auf 1.600 Bs.S angehobenen Mindestlohn konnten endlich wieder Fleisch, Eier und andere Waren des Grundbedarfs erworben werden. Zwar herrschte Verwirrung über die jeweilige Umrechnung und die aktuell gültigen Preise, doch die Umstellung verlief für venezolanische Verhältnisse relativ reibungslos.

Bereits zwei Wochen nachdem die Reform in Kraft getreten war, nahm die Inflation jedoch wieder Fahrt auf, Preise für Waren und Dienstleistungen verteuerten sich um 150 bis 200 Prozent. Eduardo Contreras, ein 24jähriger Händler aus Los Teques, einem Vorort der Millionenmetropole Caracas, beklagte im Gespräch mit junge Welt, dass es sehr schwer sei, sein Geschäft weiterzubetreiben. Mit Einführung der neuen Währung hätten sich die Händler verschulden müssen, weil die Preise der Großhändler gestiegen seien. Die Maßnahmen der Regierung gegen die Inflation seien planlos vorgenommen worden und hätten deshalb auch nicht die versprochene Lösung gebracht. »Langfristig wird die Umstellung nichts bringen, die Preise steigen weiter. Das Land schlittert wieder in die Hyperinflation, es gibt keine Besserung.«

Eines immerhin ist der Regierung durch die Währungsreform gelungen: Die monatelange Bargeldknappheit ist weitgehend behoben. Über Monate hatte es auf den Straßen kaum noch Banknoten gegeben, so dass Schwarzhändler sogar begannen, Geldscheine zu höheren Preisen als dem Nennwert zu verkaufen – bezahlt wurde von den Kunden mit Kreditkarten. Dass dieses Problem gelöst werden konnte, sei ein wichtiger Erfolg der Reformen, betonte die Politikwissenschaftlerin Katiuska Aguiar gegenüber jW. Es sei zumindest vorübergehend gelungen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die erneut erhältlichen Medikamente würden jedoch zu überhöhten Preisen angeboten, so dass sie für viele Menschen unerschwinglich seien. Auch der weitere schnelle Preisanstieg beeinträchtige das Leben der Venezolaner.

Auf die Parteien der Opposition setzt die Politikwissenschaftlerin Aguiar jedoch keine Hoffnung. Sie schienen mit der Lage zufrieden zu sein und täten nichts anderes, als in den Medien Erklärungen abzugeben. Sie würden keine ernstzunehmenden Vorschläge machen und seien keine Alternative. Wichtig sei dennoch, dass die Regierung und die hinter ihr stehenden Parteien ihre Führungsrolle wiederaufnehmen. Sie hätten eine Haltung »permanenten Wahlkampfs« entwickelt, das würde die vom 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez gelegten Grundlagen erschüttern. »Wichtig ist eine Stärkung der sozialen Bewegungen, der Kommunalen Räte, die am unmittelbarsten an den Problemen dran sind und für Lösungen sorgen können.«


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