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Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 4 / Inland
Mieterproteste

Arm durch Modernisierungen

In Stuttgart wächst Wut von Mietern auf Vonovia. Protest vor Regionalbüro des Immobilienunternehmens
Von Tilman Baur, Stuttgart
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Drinnen wird debattiert, draußen protestiert: Demo gegen Wohnungsnot vor dem Rathaus (Stuttgart, 14.6.2018)

In einem schmucklosen Gebäude am Rande des Stuttgarter Rotlichtbezirks hat der Immobilienkonzern Vonovia sein Regionalbüro untergebracht. Ein denkbar unscheinbarer Ort für ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 3,6 Milliarden Euro (Stand: 2017).

Mehr als 100 Menschen haben am Donnerstag vor jenem Büro gegen die Methoden des Konzerns protestiert. Seit Monaten leistet eine Mieterini­tiaive Widerstand gegen das öffentlichkeitsscheue Bochumer Unternehmen. Die Demonstranten werfen Vonovia vor, Wohnungen gegen den Willen der Mieter zu modernisieren und dadurch die Mietkosten exorbitant zu erhöhen. In der Landeshauptstadt gehören dem Konzern 4.600 Wohnungen, bundesweit sind es 346.000.

Eine besonders perfide Strategie besteht darin, Profite durch oft fehlerhafte Betriebskostenabrechnungen zu machen. Dafür gründet Vonovia Tochterfirmen, welche Aufträge für Dienstleistungen erhalten, die zuvor von externen Firmen verrichtet wurden (Hausmeisterservice, Winterdienst, Gartenpflege oder Handwerksarbeiten). Der Haken dabei: In den Ab­rechnungen führt das Unternehmen oft nie erbrachte Leistungen auf und rechnet hohe Kosten ab.

Vordergründig argumentiere Vonovia, durch derlei Leistungen die Zufriedenheit der Mieter verbessern zu wollen, sagte Brigitte Schulz von der Mieterinitiative am Donnerstag. Wer Einspruch erhebe, werde vertröstet, und wer hartnäckig bleibe, bekomme Drohungen von der konzerneigenen Inkassogesellschaft. Der Landesvorsitzende des Mietervereins, Rolf Gaßmann, rechnete exemplarisch vor, wie rasant der Konzern Menschen in finanzielle Notlagen bringt. So habe eine Mieterin noch vor wenigen Jahren 400 Euro Kaltmiete bezahlt. Zunächst hatte Vonovia die Miete nach einer Modernisierung auf 600 Euro angehoben. Vor kurzem folgte die Ankündigung einer weiteren Erhöhung um 280 Euro. »Trotz einer guten Rente von 1.500 Euro kann diese Frau bald nicht mehr davon leben«, sagte Gaßmann. Die Mietervereinigung plädiert vor allem für die Abschaffung der Modernisierungsumlage. Diese führt dazu, dass Mieter auf hohen Kosten für ungewollte Modernisierungen sitzenbleiben.

Der überhitzte Immobilienmarkt treibt unterdessen zunehmend bizarre Blüten. Wie die Stuttgarter Nachrichten am Donnerstag berichteten, hat ein Eigentümer für ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer im teuersten Bezirk Stuttgart-West jüngst eine Kaltmiete von 450 Euro verlangt. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt in der Landeshauptstadt derzeit bei 13,94 Euro.

Auch die Stuttgarter Justiz ist derzeit mit Mietkonflikten beschäftigt. Im Rahmen des im Frühsommer besetzten Hauses in der Wilhelm-Raabe-Straße sind gleich vier Prozesse anhängig. Die britischen Eigentümer des Gebäudes versuchen die verbliebenen Mieterfamilien durch verschiedene Schikanen zum Auszug zu bewegen, zum Beispiel dadurch, dass sie ihnen den Zugang zum Dachboden verwehren, wo die Familien persönliche Gegenstände lagern. »Der Anwalt der Eigentümer hat offen gesagt, dass er die Mieter raushaben will«, sagte Paul von Pokrzy­wnicki, Sprecher des Aktionsbündnisses »Recht auf Wohnen«, im Gespräch mit jW. Eine Entscheidung vor dem Amtsgericht in einem der Fälle wurde am Mittwoch vertagt.

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