Aus: Ausgabe vom 20.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die dortige Landschaft

Die Duisburger Filmwoche war auch in diesem November wieder einzigartig. Jetzt hört der Leiter auf, und man muss um ihr Bestehen fürchten

Von Michael Girke
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Anstoß zu weniger hitzigen Kontroversen: »Becoming Animal«

Das Kino braucht Ereignisse wie die jährlich im November stattfindende Duisburger Filmwoche. Denn dort werden Filme nicht lediglich konsumiert, vielmehr ist das Publikum angehalten, das Gesehene nach jeder Vorstellung mit den Filmemachern ausgiebig zu diskutieren. Und weil es währenddessen keinerlei Parallelprogramm gibt, sind die Diskussionen in Duisburg stets gut besucht und mithin ebenso spannend wie die Filme selbst.

Dass dies so ist, geht wesentlich auf das Engagement des Festivalleiters Werner Ruzicka zurück. Seit 1985 im Amt, hat er es verstanden, Duisburg zu einem Ort zu machen, an dem auch in diesem Jahr – 5. bis 11. November – wieder Werke wie etwa Rainer Komers’ »Barstow California« in besonderer Weise aufblühten. Die Hauptfigur dieses Dokumentarfilms, der schwarze US-amerikanische Schriftsteller Spoon Jackson, ist nicht ein einziges Mal im Bild zu sehen. Statt dessen hat Komers jenen Flecken namens Barstow besucht, in welchem Jackson aufwuchs, und mit der Kamera sowohl die dortige Landschaft als auch Begegnungen mit Einwohnerinnen und Einwohnern festgehalten. Dazu ist im Off zu hören, wie Jackson einige Passagen aus seiner Autobiographie liest und auch über jene Gewalttat nachsinnt, deretwegen er seit Jahrzehnten im Knast sitzt.

Barstow liegt an einer bedeutenden Eisenbahnstrecke und hat davon lange ökonomisch profitieren können; heute rattern die Züge ohne Halt hindurch. Weil Komers seinen Film auch als akustisches Portrait von Barstow und Umgebung angelegt hat, sind immer wieder – zuweilen wie ein fernes Singen klingende – Eisenbahngeräusche zu hören. Erinnerungen werden geweckt an alte Blues- und Folksongs, die von der – rassistischen – Gewalt in Amerika erzählen, die das Land ja noch immer auf schlimmste Weise prägt.

Dass Komers’ Dokumentarfilm in Duisburg besonders zur Geltung kam, lag an besagter Diskussionskultur. Denn im Gespräch nach dem Film konnte der Regisseur aufgrund einiger Anwürfe erläutern, warum er seinen Protagonisten keinmal im Film zeigt. Das US-amerikanische Gefängnissystem, so Komers, sei menschenverachtend. Spoon Jackson im Knast zu filmen, hätte bedeutet, ihn gezeichnet von dem Einsitzen dort und um seine Würde gebracht zu präsentieren. Jacksons Texte von seiner eindrücklichen Stimme im Off dargeboten – das mache hingegen die ungebrochene Intelligenz und Vielschichtigkeit dieses Mannes deutlich.

Wie ein roter Faden zogen sich in diesem Jahr Filme durch das Duisburger Festival, die sich dem Erkunden von Landschaften widmeten. Rainer Komers’ Kalifornien-Film war ebenso davon angetrieben wie Volker Koepps wunderschöner und besorgter Ostseefilm »Seestück« oder auch Daniel Zimmermanns »Walden«. Ein besonderer Fall in dieser Hinsicht: »Becoming Animal« von Peter Mettler und Emma Davie. Es handelt sich hierbei um einen Versuch, des Menschen Verhältnis zur Natur neu und nicht zerstörerisch auszurichten – und zwar auf Grund der Theorien des im Film oft zu Worte kommenden Philosophen David Abram. In Teilen klug und provozierend war »Becoming Animal« dazu geeignet, eine jener hitzigen Kontroversen anzuzetteln, für die Duisburg berüchtigt ist. Doch debattieren die jungen Leute von heute weniger erregt als ihre Ahnen in jenen Tagen nach 1968, da es um das Verhältnis zwischen Film und Politik oder in den 1990ern um den Einfluss der Postmoderne aufs Kino ging.

Indes sind Raum und Zeit für derlei Dinge in Duisburg nach wie vor vorhanden. Wofür Festivalleiter Werner Ruzicka Dank gebührt, der trotz der sich verändernden Festivallandschaft und so mancher Anfeindung immer an dem ungewöhnlichen, den öffentlichen Diskurs über Film ins Zentrum rückenden Charakter der Filmwoche festgehalten hat. Jetzt geht der Mann aber aus Altersgründen in Rente. Dass es eine Nachfolgerin geben soll, wurde kolportiert, aber weder das Land NRW noch die Stadt Duisburg haben bislang ihren Namen genannt. Dass hier nun also eine Festivalleitung ohne feststehende Nachfolge aufhört, dürfte einmalig sein. Infolgedessen geht die Sorge um, es könne um Duisburg und das kollektive Nachgrübeln über das Kino und seine Formen geschehen sein. Es ginge ein Denkraum verloren, wie ihn unsere Gesellschaft und zumal der Kulturbetrieb sonst nicht bieten.


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