Aus: Ausgabe vom 26.11.2018, Seite 2 / Inland

»Keiner anderen Lobby wird roter Teppich ausgerollt«

Bundeswehr umwirbt im großen Stil Jugendliche. Kritische Diskussion auf Kasseler Friedensratschlag im Dezember. Ein Gespräch mit Tony Schwarz

Interview: Milan Nowak
56._Hessentag_in_Her_49371338.jpg
Ein Leopard-Panzer der Bundeswehr wird auf dem Festgelände im hessischen Herborn zur Schau gestellt (20.5.16)

Am 2. Dezember leiten Sie auf dem Friedensratschlag in Kassel einen Workshop zu dem Thema »Schulen und Universitäten ohne Bundeswehr«. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?

Als Lehrer hatte ich bereits früh Kontakt mit Bundeswehr-Offizieren in der Schule. Einige brachten sogar ihre Gewehre mit. Ich fand das ungewöhnlich, stieß aber mit meiner Kritik bei der Schulleitung auf taube Ohren. Heute arbeiten Kräfte wie die AfD mit Meldeplattformen für Lehrer, die ihnen nicht opportun sind. Sie berufen sich auf den »Beutelsbacher Konsens«. Dabei handelt es sich um einen Beschluss aus den 1970er Jahren, der besagt, dass Schüler nicht mit Meinungen überwältigt werden dürfen und dass gesellschaftliche Kontroversen auch als solche dargestellt werden müssen. Für Lehrer selbstverständlich – nicht aber für Offiziere. Sie sind Vertreter von Akteuren in Kriegs- und Friedensfragen. Ihnen ist es sogar verboten, sich anders zu äußern, als die Bundeswehr es ihnen vorschreibt.

Wie umwerben Soldaten die Kinder bei Schulbesuchen?

Zum einen mit Jugendoffizieren, die eigentlich nicht anwerben, sondern den Unterricht unterstützen sollen – etwa durch ihre »Expertise« zur internationalen Politik. Doch am Ende ist es für die meisten nicht von großer Bedeutung, ob da nun ein Jugendoffizier steht oder ein Karriereberater der Bundeswehr. Letztere kommen zu Ausbildungsmessen, welche entweder in der Schule stattfinden oder Pflichtveranstaltungen sind. Zudem lockt die Armee mit einem breiten Angebot an Veranstaltungen: bezahlte Klassenfahrten zum Point Alpha, Besuche im Bundesverteidigungsministerium, Fahrten nach Brüssel ins NATO-Hauptquartier oder das interaktive Plan- und Simulationsspiel Polis. Auch auf Festen ist die Bundeswehr präsent. So hat sie jährlich den größten Stand auf dem Hessentag. Dort stellt sie Kriegsgerät aus, mit dem technikbegeisterte Kinder gerne spielen.

Welche Folgen hat es, schon in jungen Jahren zur Armee zu gehen?

Laut Studien bei der britischen Armee haben Minderjährige ein höheres Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen, Alkoholismus, Selbstverletzungen und Selbstmord. Im vergangenen Jahr wurden 2.126 Minderjährige bei der Bundeswehr ausgebildet. Im Zuge der gemeinsamen Unterbringung von Erwachsenen und Kindern gab es Fälle von Mobbing und sexueller Belästigung. Auch werden die Arbeitszeiten des Jugendschutzgesetzes nicht immer eingehalten. Zudem ist nach einem Jahr die Verpflichtung nicht mehr zu annullieren. Man kann sich im Alter von sechzehneinhalb Jahren auf lange Zeit zum Kriegsdienst verpflichten, obwohl man laut Staat weder für den Führerschein noch für harten Alkohol mündig genug ist – das ist starker Tobak!

Wie geht die hessische Landesregierung mit der Militärpräsenz an den Schulen um?

Hessen hat wie viele andere Bundesländer auch eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Schulen müssen Offiziere zwar nicht einladen, werden aber verstärkt dazu aufgefordert. Bei Schulleiterdienstversammlungen dürfen Jugendoffiziere ihre Angebote vorstellen. Keiner anderen Lobby wird so ein roter Teppich ausgerollt.

Was können Schüler, Lehrer und Eltern gegen diesen Trend tun?

Auch Friedensbewegte dürfen laut Vereinbarung ihre Inhalte in Schulen darstellen. Allerdings verfügen die Bundeswehr-Offiziere über einen Werbeetat von über hundert Millionen Euro, zudem sind sie hauptberuflich tätig und rhetorisch geschult. Friedensbewegte sind das nicht unbedingt. Oft haben nur Rentner Zeit, die im Vergleich mit schneidige Offizieren im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen. Auch für die anderen Beteiligten ist es schwierig. Unaufgeklärte Schüler können sich kaum wehren, wenn der Politiklehrer sagt: »Morgen kommt der Bundeswehr-Offizier.« Zudem müssen Eltern nicht über solche Besuche benachrichtigt werden. Natürlich können informierte Schüler, Lehrer und Eltern das kontrovers diskutieren und boykottieren. Oder sie entscheiden, dass Offiziere auf einer Podiumsdiskussion dabeisein dürfen, aber nicht im Unterricht. In Hessen können Lehrer dies etwa auf der Gesamtkonferenz ihrer Schule beschließen.

Tony Schwarz ist stell­vertretender Vorsitzender der GEW Hessen

Am 1. und 2. Dezember findet in Kassel der Friedensratschlag statt. Anmeldung und Informationen unter: friedensratschlag.de


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland