Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 15 / Medien

Keiner hat uns lieb

Das konservative Polen ist beleidigt nach negativem Presseecho auf staatlich unterstützten Marsch zum Unabhängigkeitstag

Von Reinhard Lauterbach
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Wenig weihevoll: Massendemonstration zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Polens am 11.November

Es war unzweifelhaft die größte Demonstration, die Polen seit dem Systemwechsel von 1989 gesehen hat: der »Unabhängigkeitsmarsch« am Sonntag, zu dem sich in Warschau nach offiziellen Zahlen eine Viertelmillion Menschen eingefunden haben soll. Auch wenn es real etwas weniger gewesen sein sollten – dass da Massen marschierten, war nicht zu bestreiten. Ebensowenig freilich, dass diejenigen, die dem Aufruf der Regierung gefolgt waren, sich anschließend unter Faschisten und Nationalisten wiederfanden, die »Tod den Feinden des Vaterlands« skandierten, »Gott, Ehre, Vaterland« und »TVN ficken« riefen. TVN ist der größte oppositionsnahe Fernsehsender in Polen, das Hassobjekt der Konservativen und einzig durch den Umstand, dass er der US-amerikanischen Discovery-Gruppe gehört, bisher vor größeren staatlichen Schikanen oder der »Repolonisierung« geschützt. Die bei TVN tätige Moderatorin Monika Olejnik hatten rechte Fußballfans auch schon einmal als »Schlampe« beschimpft und ihr den Galgen angedroht.

Erleuchtung blieb aus

Das polnische Presseecho auf den Marsch war noch berechenbar: Im Staatsfernsehen TVP überschlug man sich vor Begeisterung über die große Beteiligung und verglich die Demonstration mit den Massenauftritten, wie sie seinerzeit beim polnischen Papst üblich waren. Den Zahlen nach mag das vielleicht stimmen. Allerdings soll hier wohl auch die entsprechend weihevolle Stimmung beschworen werden, die Karol Wojtyla einst auf seinen Freiluftevents zu erzeugen wusste: »Möge Dein Geist herabkommen und das Antlitz der Erde verändern. Dieser Erde«, predigte er 1979 bei seinem ersten Heimatbesuch, und viele Polen betrachten das in der Rückschau als Vorankündigung des ein Jahr darauf folgenden Streiksommers, aus dem die Gewerkschaft »Solidarnosc« hervorging.

Leider hat der Geist, der in der informellen und nur durch ein doppeltes Ordnerspalier getrennten Allianz von Staatsmacht und Faschisten »herabkam«, außerhalb Polens noch nicht recht gezündet. Die Basler Zeitung titelte »200.000 bei rechtem Marsch in Polen«, die BBC schrieb auf ihrer Webseite »Polen gedenkt seiner Unabhängigkeit unter rechten Unruhen«. Und selbst das Trump-nahe US-Portal Fox News berichtete davon, dass die Staatsführung Polens Seite an Seite mit Rassisten und »weißen Suprematisten« marschiert sei. Die Außenministerien der USA und Kanadas hatten ihre Bürger davor gewarnt, in die Nähe des Aufmarsches zu kommen, weil es dort immer wieder Ausschreitungen gegeben habe. Le Monde aus Paris sprach von einer »König-Ubu-Situation« angesichts des faktischen Segens der Staatsmacht für die militanten Rechten und aus Israel kamen boshafte Erinnerungen an den Streit um das polnische Gedenkgesetz vom letzten Sommer, das die Regierung Polen nur um den Preis einer völligen Kehrtwende hatte entschärfen können. Kurz: Was ein »schönes Fest« werden sollte, wurde zu einer schönen Blamage.

Die konservative Zeitung Rzeczpos­polita, deren Stellung in der polnischen Presselandschaft ungefähr mit der der FAZ in der deutschen vergleichbar ist, leistete sich am Dienstag gleich zwei Kommentare. Im einen schrieb der stellvertretende Chefredakteur Michal Szuldrynski, es sei doch alles ganz gut gelaufen: Der polnische Staat habe »auf der Höhe der Aufgaben« gestanden und »die Sicherheit aller Teilnehmer geschützt«. Was für die durch rechte Flaschenwürfe oder unmittelbare Angriffe verletzten Antifaschisten am Rande der Demonstrationsroute kein Trost ist. Szuldrzynski war ehrlich genug zuzugeben, dass das Verbrennen einer EU-Fahne in der staatlich abgesegneten Demonstration die Worte von Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in schlechtem Licht dastehen lasse, Polen plane mitnichten einen Austritt aus der Union. Das sei alles doch nur marginal.

Empörte Reaktion

Im anderen Kommentar beschwerte sich der EU-Korrespondent der Zeitung, Jedrzej Bielecki, dass das Ausland Polen nicht verstehe und nicht verstehen wolle. Wozu habe er die Korrespondentin der Madrider Zeitung El País anderthalb Stunden lang über die polnische Innenpolitik gebrieft, plauderte er aus dem Nähkästchen, wenn sie dann doch nur wieder ein Video ins Netz gestellt habe, auf dem marschierende Nazis zu sehen gewesen seien, und das zu Stichworten wie »Fremdenfeindlichkeit« und »rechtsradikale« polnische Regierung über bedrohlich klingender Musik? Der Korrespondent betrachtete die Tendenz des spanischen Beitrags als geradezu persönliche Beleidigung: Habe er sich nicht beim Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien vor jeder Parteinahme für die Katalanen gehütet, fragte er rhetorisch. Bielecki, ansonsten durchaus kein Dummkopf, war nicht gefeit gegen die liebste Befindlichkeit patriotischer Polen: beleidigte Leberwurst zu spielen, der die Welt permanent Unrecht tue. Als kleine Rache hielt er El País seine geringe Auflage von 70.000 Exemplaren vor, als wäre das in diesem Kontext ein Argument für irgend etwas. Aber es ist wie immer: Keiner habe Polen lieb. Außer natürlich Donald Trump, der einen »außergewöhnlich herzlichen« Tweet zum Jubiläum schickte.


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