Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 6 / Ausland

Längst überfälliges Urteil

Die frühere »First Lady« der Philippinen, Imelda Marcos, wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt

Von Rainer Werning
Philippines_Imelda_M_59384606.jpg
Haft für Imelda Marcos gefordert: Demonstration vor dem Antikorruptionsgericht in Manila am 13. November

Der vergangene Freitag war ein denkwürdiger Tag für die Opfer des Regimes von Ferdinand E. Marcos. Am 9. November hat die fünfte Kammer des Antikorruptionsgerichts Sandiganbayan (Anwalt des Volkes) in Manila Marcos Witwe Imelda wegen Geldwäsche und Korruption schuldig gesprochen. Die 89jährige, die gegenwärtig Mitglied des Repräsentantenhauses ist, wurde in sieben Anklagepunkten zu jeweils sechs bis elf Jahren Gefängnis verurteilt. Zugleich ordneten die Richter ihre Verhaftung an; sie war bei dem Prozess nicht anwesend. Nun hat die ehemalige »First Lady« 30 Tage Zeit, um in Berufung zu gehen.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Imelda Marcos zusammen mit ihrem Mann, dem 1989 im Exil auf Hawaii verstorbenen Diktator Ferdinand Marcos, vor Jahrzehnten mindestens 200 Millionen US-Dollar (derzeit umgerechnet 176 Millionen Euro) illegal auf Schweizer Konten deponiert hatte. Das Paar benutzte damals falsche Namen und häufte während der Regentschaft des Marcos-Clans ein Vermögen an, das das Londoner Wirtschaftsmagazin The Economist auf umgerechnet mindestens sechs Milliarden US-Dollar schätzt. Bislang vermochten die philippinischen Behörden lediglich einen Bruchteil sicherzustellen.

27 lange Jahre hat es gedauert, bis sich die philippinische Justiz zu diesem Urteil durchrang. Mit allen Raffinessen und legalen Tricks hatte es eine Anwaltsriege der Marcoses verstanden, die seit 1991 gegen Imelda Marcos anhängigen Verfahren hinauszuzögern. Eine Zeit, die der Clan dazu nutzte, sich wieder politisch zu positionieren und die vergangenen Untaten vergessen zu machen.

Wäre der Patriarch nicht 1986 gestürzt worden, so eines der Hauptargumente der Marcoses, hätte das Land das Potenzial gehabt, zu einem blühenden Wohlfahrtsstaat – vergleichbar mit dem Anrainer Singapur – aufzusteigen. Besonders beliebt war das von der Familie vorgetragene Narrativ, die Jahre des Kriegsrechts (1972–81) seien eine »Blütezeit« gewesen, in der erstmals in der Geschichte des Landes Ordnung, Disziplin und Sicherheit geherrscht hätten.

Die 1929 geborene Imelda Romuáldez-Marcos konnte bereits 1991 aus dem hawaiischen Exil nach Manila zurückkehren. Hier begann sie ihre zweite Karriere in der Politik und im Showbusiness. Im Jahre 1995 wurde sie als Abgeordnete des ersten Distrikts ihrer Heimatprovinz Leyte in den Kongress gewählt und kandidierte erfolglos 1992 und 1998 bei den Präsidentschaftswahlen. Seit Ende Juni 2010 ist Frau Marcos erneut als Kongressabgeordnete bestätigt worden. Im Unterhaus vertritt sie seitdem den zweiten Distrikt in Ilocos Norte, der Heimatprovinz ihres Mannes. Erst vor wenigen Tagen gab Imelda ihre Kandidatur für den Gouverneursposten in Ilocos Norte bei den am 13. Mai 2019 anstehenden Wahlen bekannt. Der Posten ist derzeit noch von ihrer ältesten Tochter Imee besetzt.

Zwei der drei Marcos-Kinder traten in die Fußstapfen ihrer Eltern: Die 1955 geborene älteste Marcos-Tochter Imee, einst Kongressabgeordnete und bis zum 30. Juni 2019 Gouverneurin von Ilocos Norte, hat ebenfalls vor wenigen Tagen ihre Kandidatur für den Senat angekündigt. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder, Ferdinand »Bongbong« Marcos Junior, gehörte diesem bis zum Sommer 2016 an. Im selben Jahr verfehlte er nur knapp den Posten des Vizepräsidenten; er konnte aber beim Obersten Gerichtshof erwirken, dass ein Teil der Stimmen manuell nachgezählt wird.

Unterstützung erhielt der Marcos-Clan auch von Präsident Rodrigo Duterte. Der selbsterklärte Marcos-Fan setzte sich persönlich für ein nachträgliches Staatsbegräbnis für den Exdiktator auf Manilas Heldenfriedhof ein. Dies geschah im November 2016 buchstäblich in einer Nacht- und Nebelaktion.

In den »sozialen Medien« des Landes wird derweil darüber spekuliert, wie auch diesmal ein gegen Imelda erwirktes Urteil letztlich nicht rechtskräftig wird. Präsidiale Amnestie rangiert dabei ganz oben auf der Tipskala.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Ausland