Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 8 / Inland

»Es handelt sich um einen skandalösen Akt der Zensur«

Hamburger Unileitung verbietet Plakat, auf dem kritische Veranstaltung beworben wird. Ein Gespräch mit Richard Sorg

Interview: Martin Dolzer
Technische Universität Hamburg-Harburg
Technische Universität Hamburg-Harburg

Die Technische Universität (TU) Hamburg-Harburg hat das Aufhängen eines Plakats des Gesprächskreises »Dialektik und Materialismus« verboten. Darauf war eine Veranstaltung an diesem Freitag und Samstag mit Christian Jooß angekündigt worden, Thema: »Selbstorganisation der Materie. Zur Rolle der dialektischen materialistischen Methode und Weltanschauung in der Herausbildung einer Entwicklungstheorie der Materie«. Worum geht es in der Veranstaltung?

Der Göttinger Physiker Christian Jooß vertritt in seinem 2017 publizierten Buch »Selbstorganisation der Materie« die These, dass sich die Physik derzeit in einer Krise befindet. Das macht er an Diskussionen über die »Urknalltheorie« oder an der Suche nach einer »Weltformel« fest. Die Ursachen hierfür sieht er unter anderem im Fehlen eines materialistisch-dialektischen Denkens.

Wie erklären Sie sich das Verbot des Plakats?

Die Begründung erfolgte zunächst mündlich. Unter Verweis auf den Anschlag vom 11. September wurde die allgemeine Gefahr des Terrorismus beschworen, die man abwehren müsse – eine absurde Begründung. Es folgte eine schriftliche Erklärung, in der mit der »politischen Neutralität« der Hochschule argumentiert wurde. Was damit gemeint ist, kann man übrigens den diversen Aushängen von Industrieverbänden oder Konzernen in der TU entnehmen.

Die Auffassung, dass Wissenschaft und Politik sich sauber trennen ließen, verkennt die Tatsache, dass bereits in die Finanzierung und Schwerpunktsetzung von Forschung bestimmte Interessen eingehen. Gerade angesichts der bestehenden politisch-gesellschaftlichen Interessengegensätze muss Wissenschaft die nötigen Freiräume haben und verteidigen – um sich auch mit solchen Fragen befassen zu können, die vom aktuellen Mainstream abweichen. Jedenfalls gilt das in einer sich demokratisch verstehenden Gesellschaft. Bei dem Verbot durch die TU-Leitung handelt es sich um einen skandalösen Akt der Zensur und um eine Einschränkung der vom Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit.

Wie ordnen Sie die Entscheidung der Universität ein?

Die gegenwärtige Situation ist durch starke Widersprüche gekennzeichnet: Auf der einen Seite erleben wir Anpassungstendenzen an eine politische Rechtsentwicklung, eine Verengung dessen, was als Mainstream akzeptiert wird, ein Zurückdrängen von Positionen, die 1968 an Hochschulen gelangt waren, wie marxistische Inhalte in der Forschung und Lehre. Auf der anderen Seite gibt es aber wachsende, progressive Gegenbewegungen gegen Rechtsentwicklung und neoliberale Politik.

Wie gehen Sie mit der Repression seitens der Unileitung um?

Wir haben eine ganze Reihe Solidaritätsschreiben von unterschiedlichsten Organisationen und Personen erhalten, etwa von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft oder dem BdWi, dem Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie haben begriffen, dass man solche Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit nicht hinnehmen darf. Neben der politischen Ebene versuchen wir auch, juristisch gegen das Verbot vorzugehen. Diese Auseinandersetzung dauert noch an.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem Gesprächskreis?

Wir haben den Gesprächskreis »Dialektik und Materialismus« im vergangenen Jahr mit Blick auf die skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen gegründet. Wir verstehen uns als eine »Graswurzelinitiative«. Ziel ist es, sich mit theoretischen wie praktischen Fragen zu befassen, insbesondere mit Ansätzen, die sich auf Dialektik und materialistische Vorgehensweisen beziehen. Der Kreis versteht sich insofern als »links«, als wir der Meinung sind, dass die gegenwärtige kapitalistisch organisierte, durch eine sich verstärkende soziale Spaltung weltweit bestimmte Gesellschaft und Ökonomie die großen Menschheitsprobleme der Zukunft nicht wird lösen können. Dass wir keine Denkverbote akzeptieren, mag manchen – wie etwa dem Präsidenten der TU – als politisch »verdächtig« erscheinen.

Richard Sorg ist Soziologe und Mitglied im Hamburger Gesprächskreis »Dialektik und Materialismus«


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