Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Begriffe wie Fertigprodukte

Twitter als Vereinfachungsmaschine, bei der es nicht um Argumente, sondern um Resonanz geht

Von Thomas Wagner
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Analoges Twitter: Vogelhäuschen in Sofanähe

Ist Twitter ein Gewinn für die demokratische Auseinandersetzung? Begründete Zweifel daran hat Christian Geyer in der FAZ (16.7.2018) geäußert. »Das Prinzip von Folgen und Gefolgtwerden«, so der Journalist, sei eines der Nestwärme, nicht das eines rational geführten Streits. Tatsächlich ist es ein ernstzunehmendes Problem, wenn zunehmend mehr Leute dem Horizont eines Gemeinschaftsdenkens verhaftet bleiben, dem objektive gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte äußerlich bleiben. Wozu noch argumentieren, wenn die, auf die es einem ankommt, sich eh einig sind oder es zumindest sein wollen? Geyer beruft sich auf das Buch »Die soziale Logik des Likes« des Medienwissenschaftlers Johannes Paßmann, den er mit dem Satz zitiert: »Es gibt durch das Twittern den rauschhaften Zuwachs an wahrgenommener Anerkennung, und das Gift dieser Gabe versetzt einen ständig in Sorge, sie wieder verlieren zu können.«

Der Journalist schreibt diesem »sozialen Netzwerk« eine digitale Hermetik zu, wo Follower mit unerklärten Signalworten angefüttert werden, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Offenbar geht es darum, die Follower zu manipulieren, statt mit Argumenten zu überzeugen. Die Welt wird so vereinfacht, dass sie mit den Begrenzungen des Kurznachrichtendienstes kompatibel erscheint. Anstelle einer differenzierten Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema tritt der binäre Code von Pro und Contra. »Begriffe wie Menschenwürde oder Staatsversagen, aber auch Moral, Humanität oder Weltoffenheit (...) gewinnen in digitaler Dynamik eine unbedingte Eindeutigkeit«, so der Autor. Das Ergebnis glaubt er in infantilen Debatten zu erkennen, in denen man sich Begriffe wie Fertigprodukte um die Ohren haue.

Einem häufig gewählten Trick in dieser Form des Schlagabtauschs widmet Geyer besonderes Augenmerk. Es handelt sich um den leicht zu erhebenden Vorwurf, jemand betätige sich mit einer bestimmten Äußerung als »Türöffner« für eine unerwünschte oder moralisch verwerfliche Meinung. »Schwerlich lässt sich etwas denken«, so der Journalist, »von dem aus sich nicht die Türe zu etwas anderem aufstoßen ließe, wenigstens einen Spalt breit. Entscheidend bleibt ja, ob man durchgeht durch die Türe oder nicht.«

Wer eine Äußerung aus dem Kontext reißt, sie dann in einen anderen schmeißt, um den Kontrahenten in die gewünschte Ecke zu drängen, kurbelt den immer hysterischer werdenden politischen Diskurs zwischen und innerhalb der politischen Lager noch mehr an. Die Kommunikation via Tweets verzichtet auf »die strengen diskursiven Anforderungen, denen der Aufweis kausaler Herleitungen zu genügen hätte.«

Geyer beobachtet, dass es nicht mehr darum geht, einen Sachverhalt zu prüfen, sondern nur noch darum, Gesinnungen an den Pranger zu stellen. Wer andere vor ein virtuelles Tribunal stelle, könne sich dadurch gegenüber seinen Followern selbst ins gewünschte Licht setzen. Zu befürchten ist, dass dabei die Kultur des politischen Streits unter die Räder kommt. Der sollte zwar heftig und kontrovers geführt werden, kommt ohne die Einhaltung von Regeln und die Selbstverpflichtung der Beteiligten auf das Prinzip der Rationalität jedoch nicht aus.


Debatte

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  • Beitrag von sch b. aus h. (16. November 2018 um 18:55 Uhr)

    Könnte es sich nicht um die reine Verlegung von bekannten Argumentationskulturen an Stammtischen und Plattparolen ins digitale Medium handeln und insofern Altes in neuer Form darstellen?

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