Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Welt vor der Entscheidung

Was wäre, wenn? Der Sozialdemokrat Walter Müller schilderte 1930, was eine erfolgreiche Novemberrevolution hätte bewirken können

Von Walter Müller
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Bewaffnete Arbeiter und Soldaten besetzen am 5. Januar 1919 Verlags­gebäude im Zeitungsviertel von Berlin

Walter Müller, ein sozialdemokratischer Gewerkschaftsfunktionär aus Breslau, veröffentlichte 1930 im Berliner Malik-Verlag das Buch »Wenn wir 1918 … Eine realpolitische Utopie«. Die erste Auflage betrug 12.000 Exemplare. Müller schildert in dem Band eine Parallelweltgeschichte, in der die Novemberrevolution von 1918 bis zum vollständigen Sieg der Sozialisten erfolgreich war. Beginnend mit echten und mit fiktiven Meldungen zur Novemberrevolution im sozialdemokratischen Vorwärts (»Noske in Kiel von roten Matrosen festgenommen! Ebert im Flugzeug nach Holland entflohen! Nieder mit den Reformisten! Hoch die soziale Revolution!«) entwickelt er in einer Folge von angeblichen Leitartikeln zwischen 1918 und 1929 das Bild einer weltweit siegreichen sozialistischen Bewegung.

Müller wurde 1933 von den Nazis ermordet, sein Buch nach 1945 zunächst nicht wieder veröffentlicht. Erst 2003 erschien ein Nachdruck im BS-Verlag Rostock mit einem Nachwort der Historikerin Doris Kachulle. Sie hatte in jW vom 11. Januar 2003 über Walter Müllers Buch berichtet. 2005 verstarb sie.

Wir dokumentieren den Schlussabschnitt des Bandes, der unter der Überschrift »Es ist anders gekommen!« steht:

Der größte Teil der organisierten Arbeiterschaft folgte 1918 der reformistischen Einheitsparole. Wir begnügten uns leider damit, unseren Unwillen über die Politik der Ebert und Scheidemann, der Wels und Wissell (führende SPD-Politiker 1918, jW) in Protestresolutionen kundzutun – die natürlich in den Papierkorb wanderten. Die Führer fragten nicht nach unserem Willen. Sie missbrauchten die Macht, die wir ihnen vertrauensvoll übereignet hatten. Auf ihren Plakaten sagten sie: Die Sozialisierung marschiert! In Wirklichkeit aber ließen sie die weißen Garden der Bourgeoisie marschieren …

Seitdem sind zwölf Jahre vergangenen, in denen Reformisten und Kapitalisten Gelegenheit hatten, die Richtigkeit ihrer Theorien unter Beweis zu stellen. Das katastrophale Resultat ist bekannt.

Die demokratischen Illusionen sind verflogen.

Die Welt steht vor der Entscheidung: Weltrevolution oder Weltreaktion. Sturmzeichen künden bereits die kommenden Kämpfe.

Die Herrschaft der bedrohten Bourgeoisie wird immer mehr zur offenen Diktatur, denn die Unhaltbarkeit des kapitalistischen Systems wird immer sichtbarer.

Der Sozialismus aber ist keine bloße Vision mehr. Auf allerungünstigstem Boden, auf den Trümmern des alten Zarenreiches, beginnt er, Wirklichkeit zu werden. Auch für die übrige Welt ist er kein vages Zukunftsbild mehr.

Selbst bei seinen Feinden beginnt die Erkenntnis, die sie so lange nicht wahrhaben wollten, sich Bahn zu brechen: Es gibt nur eine Dauerlösung der Weltwirtschaftskrise – die Weltplanwirtschaft. Aber nur die sozialistische Revolution kann die Weltplanwirtschaft verwirklichen.

Die Industrialisierung der Welt hat gewaltige Fortschritte gemacht. Die von Marx prophezeite Wirkung blieb nicht aus. Immer schwerere Krisen erschüttern die kapitalistische Welt. Auch Amerika, das noch vor wenigen Jahren von ewiger »Prosperity« träumte, ist in den Strudel der kapitalistischen Niedergangsepoche gezogen worden.

Die Weltrevolution ist tatsächlich im Gange. In allen Kolonien und halbkolonialen Ländern lodern die Flammen des Aufruhrs. Der Sieg der proletarischen Revolution in einem der hochindustrialisierten Länder genügt, um den entscheidenden Umschwung herbeizuführen.

Dieser Umschwung wäre längst eingetreten, wenn sich der Sowjetunion ein hochindustrialisiertes Land angeschlossen hätte, wenn der gewaltige Aufbau, der sich dort vollzieht, von einer höheren industriellen Basis aus in Angriff genommen worden wäre. Die Entscheidung wäre längst gefallen, wenn der sozialistische Gedanke nicht diskreditiert worden wäre durch die Führer, die sich zu Unrecht noch immer Sozialisten nennen, wenn die Sozialdemokraten sich nicht auf die andere Seite der Barrikade gestellt hätten.

Vielleicht hätte die Revolution zunächst nur auf Deutschland, Italien und auf die Rand-, Donau- und Balkanstaaten übergegriffen, während Westeuropa und Teile Afrikas und Asiens noch etwas länger unter der internationalen Kapitalherrschaft verblieben wären.

Über solche Fragen zu streiten, hieße indessen, den Sinn des Buches verkennen. Es kam mir darauf an, durch Darstellung der Möglichkeiten, die damals bestanden, die Fehler zu zeigen, die gemacht wurden, und zugleich Interesse und Verständnis für die Probleme des revolutionären Endkampfes zu wecken.

Der Einblick in die versäumten Möglichkeiten des Jahres 1918 wird die Erkenntnis der heute bestehenden revolutionären Möglichkeiten erleichtern.

Einsicht in begangene Fehler ist die Voraussetzung für ihre Wiedergutmachung.

Walter Müller: Wenn wir 1918 ... Eine realpolitische Utopie. Malik-­Verlag, Berlin 1930, Seiten 455/456


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