Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Macht, Krieg, Liebe

Zwei aktuelle Inszenierungen zeigen, warum uns antike Stoffe auch heute noch etwas zu sagen haben

Von Sabine Fuchs
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Das nennt man wohl »jemanden am ausgestreckten Arm verhungern lassen«: Sandra Hüller und Jens Harzer

Ulrich Rasche ist neben Milo Rau und Volker Lösch der profilierteste Vertreter eines Theaters der politischen Ernsthaftigkeit. Affirmative Ironie lehnt er ab, das Prekäre der menschlichen Existenz steht bei ihm im Mittelpunkt. Das zeigt auch seine aktuelle Inszenierung, Aischylos’ »Perser«, die im Sommer bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte und nun am Schauspiel Frankfurt zu sehen ist.

»Die Perser« ist das älteste erhaltene Stück der Theatergeschichte. Vor 2.490 Jahren, nur acht Jahre nach der im Zentrum der Handlung stehenden Schlacht von Salamis uraufgeführt, schildert Aischylos nicht die Heldentaten der eigenen, siegreichen Seite, sondern Schrecken und Entsetzen der unterlegenen Perser und das Elend des Kriegs selbst. Allein darin liegt schon eine zeitlose Relevanz.

Rasches Inszenierung präzisiert das noch – durch Einsatz seiner bevorzugten theatralischen Mittel: eine gigantische Bühnenmaschine, die die Figuren erbarmungslos einspannt und die Vorstellung von so etwas wie Freiheit absurd erscheinen lässt. Hier besteht sie aus zwei gigantischen, sich drehenden, kipp­baren Plattformen. Auf der hinteren ist der rein männliche Chor zu sehen. Perfekt choreografiert und inszeniert, stellt er sowohl das im fernen Griechenland dem Untergang preisgegebene Heer als auch das trauernde und Aufklärung fordernde Volk der Perser dar.

Die vordere Plattform, und das ist neu bei Rasche, ist drei sehr individuell akzentuierenden Darstellerinnen vorbehalten. Die großartige Patrycia Ziolkowska ist die Königsmutter Atossa, deren aristokratische Arroganz (»Wo um Himmels Willen liegt eigentlich dieses Athen??«) die Fallhöhe der Niederlage um so deutlicher macht. Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa als Chor des Ältestenrats sind Stichwortgeberinnen und vermittelnde Instanz zwischen Volk und Herrscherin. Nach der Pause gibt Tsche­planowa zudem den Geist des Dareios, der beklagt, aber nichts dagegen tun kann, dass sein erbärmlicher Sohn Tausende Landsleute in den Tod geschickt hat.

Rasches Überwältigungsästhetik mag manchen zu wuchtig daherkommen – die sprachlich präzise und durch den Einsatz von Musik höchst artifizielle Auflösung verleiht der Inszenierung den Charakter eines modernen Gesamtkunstwerks. Auch wenn seine Sicht auf politische Abläufe nach eigener Aussage eine fatalistische ist und er nicht an der Veränderbarkeit der Zustände zum Besseren glaubt, ist er immer auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten, Geschlagenen. Das macht seine Arbeit zu einem großen Wurf.

Ortswechsel. In Bochum kommt Anfang November Johan Simons Inszenierung von Kleists »Penthesilea« auf die Bühne; auch sie wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Stilistisch ist Simons so weit von Rasche entfernt, wie man sich nur denken kann. Bühnenbild? Praktisch nicht vorhanden, nur ein in den Boden eingelassener Lichtstreifen akzentuiert die Räumlichkeit der düsteren Szenerie. Kostüme? Schlichte, anthrazitgraue Unisex-Teile. Die Versuchsanordnung? Heruntergebrochen auf Achill und Penthesilea – die grandiose Sandra Hüller und der kongeniale Jens Harzer müssen die Textneufassung von Vasco Boenisch allein stemmen. Trotz oder gerade wegen der konsequenten Schlichtheit ist Simons »Penthesilea« zeitgemäß und entwickelt ebenso große Sogkraft wie Rasches »Perser«.

Das liegt auch an der Textfassung von Vasco Boenisch, der dem Geist von Kleists Original treu bleibt, die Akzente aber gerade so weit verschiebt, dass wir in dem während der napoleonischen Kriege entstandenen, eine antike Liebestragödie verhandelnden Drama Zeitgenössisches erkennen. Erfreulicherweise verzichtet er dabei auf billige Effekte à la »reich mir mal das Handy rüber«, die aktualisierte Fassungen oft so unerträglich machen, entschlackt Kleists Blankverse sehr behutsam und nähert sich dem Stoff psychologisch. Sind Achill und Penthesilea schon bei Kleist parallele, sich ähnelnde Figuren, die im jeweils anderen vor allem sich selbst erkennen, so treibt Boenisch dies noch weiter voran.

Sandra Hüller, die über die Statur einer 400-Meter-Läuferin verfügt, verkörpert die Kriegerin Penthesilea auf vortreffliche Weise, zeigt aber auch die unbefangene Sinnlichkeit der begehrenden, verliebten Frau. Harzer ist ein feingliedriger, anmutiger Achill, dem jede heldentümelnde Machohaftigkeit fehlt. Doch in einer Welt, die die Geschlechter als gegensätzliche Pole denkt, sind Krieger und Kriegerin ein unmögliches Paar und müssen sich verfehlen. Als Penthesilea zu erkennen glaubt, dass Achill ihre Unterwerfung ihrem Begehren vorzieht, schlägt sie mit tödlicher Konsequenz um sich; als sie erkennt, dass sie sich geirrt hat, ist es zu spät.

Doch Boenischs Text erlaubt sich einen Lichtblick. »Verzeihst du mir?« fragt Penthesilea, und Achill antwortet: »Von ganzem Herzen.« »Verzeihst du mir?« fragt Achill, Penthesilea erwidert: »Von ganzem Herzen.« Der Schluss nimmt den Anfang des Stücks als Utopie wieder auf: »Wer bist du, wunderbares Weib?« – »Du wirst es schon erfahren!«

Die Perser. Schauspiel Frankfurt, nächste Termine: 19., 22., 23., 28., 29. November, 3., 16., 17., 19., 20. Dezember

Penthesilea. Schauspielhaus Bochum, deutsche Premiere 10. November, weitere Termine: 11., 18. November, 15. Dezember


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