Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 7 / Ausland

Wie Kriege gefeiert werden

Frankreich feiert mit internationalem Gipfeltreffen das Ende des Zweiten Weltkriegs. Macron schreibt Geschichte um

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Philippe Pétain wurde im Ersten Weltkrieg und danach als »Held von Verdun« gefeiert

Paris am Vorabend der Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs, in Frankreich »La Grande Guerre« genannt. Am Sonntag erwartet die Metropole an der Seine mehr als 60 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, unter ihnen Wladimir Putin, Donald Trump und Angela Merkel. Vor dem Triumphbogen im Herzen der Stadt soll dann Frieden beschworen werden, von dem die Welt mehr denn je entfernt zu sein scheint. Der gastgebende französische Präsident Emmanuel Macron fordert »eine richtige europäische Armee«, während die USA aus einem der wichtigsten Abkommen zur nuklearen Abrüstung aussteigen wollen.

Die linke Tageszeitung ­L’­Humanité kommentierte deshalb am Freitag, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg bedeuten müsse, »nicht zu vergessen, was Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Heute ist der Kontinent erneut nationalistischen Aufwallungen ausgesetzt. Die Verteidigungsbudgets schießen auf dem ganzen Planeten in die Höhe, und Frankreich trägt dazu bei, indem es die schlimmsten Diktaturen aufrüstet. Zugleich missachtet das Land den Willen einer Mehrheit in den Vereinten Nationen, die sich für eine Denuklearisierung der Waffenarsenale ausgesprochen hat.«

Das Vorspiel zum Gipfeltreffen lieferte in der zu Ende gehenden Woche Macron selbst, als sich der ehemalige Jesuitenschüler und Investmentbanker, begleitet von zwei Dutzend Journalisten, zu den Schauplätzen der schlimmsten Massaker des Ersten Weltkriegs begab (jW berichtete). Für Aufregung sorgte er dabei, als er ganz nebenbei den Marschall und späteren Nazikollaborateur Philippe Pétain zum »großen Soldaten« erklärte.

Allerdings haben in der Vergangenheit alle Präsidenten der Republik, von Charles de Gaulle über Valéry Giscard d’Estaing bis zu François Mitterrand und Jacques Chirac, bei passenden Gelegenheiten dem Mann gehuldigt, der vor dem Gemetzel in Verdun seine Franzosen zu Hochleistungen an der Waffe getrieben hatte. Jedes Jahr ließ der Sozialist Mitterrand einen Kranz auf das Grab des 1951 verstorbenen Pétain legen, der 1945 von der Justiz wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, dann jedoch begnadigt worden war.

Für den Historiker Laurent Joly ist das eine längst nicht mehr vermittelbare Staatsaktion: »Durch sein Handeln zwischen 1940 und 1944, seinen Willen, Frankreich in ein von Hitler beherrschtes, totalitäres Europa einzugliedern, die Auslieferung von 25.000 Juden im Sommer 1942, die er mit seiner Autorität gedeckt und als ›gerecht‹ bezeichnete, hat sich Pétain entehrt«, sagte July am Freitag der Zeitung Le Monde.

Ein weiterer Teil von Pétains Biographie scheint heute vergessen zu sein: seine Rolle im Krieg 1921 bis 1926 in Nordmarokko. Der »Held von Verdun« brachte in dem kolonialen Massaker gegen die von den Rif-Kabylen ausgerufene Rif-Republik die Wende, indem er ein Bündnis mit dem spanischen Diktator Primo de Rivera einging. Gemeinsam zerschlugen sie die Truppen des Emirs Mohammed ibn Abdelkrim Al-Khattabi. Dabei wurde auch aus Deutschland geliefertes Giftgas eingesetzt, das die Deutschen nach den Bestimmungen des Versailler Vetrags offiziell weder herstellen noch besitzen durften.


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