Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 4 / Inland

Gedenken statt Konsum

Kundgebung vor ehemaliger Gestapo-Zentrale im Hamburger Stadthaus. Überlebende und Aktivisten erinnern an Opfer der Novemberpogrome von 1938

Von Kristian Stemmler
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Historischer Verbindungsgang zu den Verhörräumen der Gestapo (Hamburg, 1.5.2018)

Am Bauzaun im Innenhof steht: »Servieren Sie den Champagner« und »Erst das Plaisir, dann das Vergnügen.« Mit flotten Werbesprüchen wie diesen will die Immobilienfirma Quantum die Kunden auf den Lebensstil einstimmen, der in ihrem fast fertiggestellten Komplex »Stadthöfe« zelebriert wird: purer Luxus. Das Gebeäudeensemble wird auf der dazugehörigen Internetseite als »Nutzungsmix aus Einzelhandel, Hotel, Gastronomie, Wohnen, Büro und Ausstellungsflächen« auf etwa 100.000 Quadratmetern beworben. Kein Wort darüber, was an diesem Ort, im Stadthaus, vor 1945 geschah.

Draußen vor der Tür des Nobelquartiers ging es am Donnerstag abend genau darum. Es war der Vorabend des 80. Jahrestages der Pogromnacht. Dort, wo Geschäftsleute im feinen Zwirn vorbeihasten, wehten die Fahnen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) im Wind. 80 Demonstranten gedachten derjenigen, die im Stadthaus ermordet und gefoltert oder für die Deportation in Konzentrationslager (KZ) bestimmt wurden – in diesem Gebäude war in der Nazizeit die Hamburger Zentrale der Geheimen Staatspolizei (kurz: Gestapo) und weiterer Polizeibehörden. Wie kein anderes steht in Hamburg das Stadthaus für den faschistischen Terror.

»Konsum statt Gedenken? Niemals!« – Unter diesem Motto ist im Januar 2018 die »Initiative Gedenkort Stadthaus«, die die Kundgebung angemeldet hatte, erstmals öffentlich in Erscheinung getreten. Seitdem kämpft sie für ein angemessenes Erinnern. Die Initiative prangert an, dass die brutalen Verhöre in den Folterkellern des Stadthauses und andere dort begangene Untaten im ehemals städtischen Gebäudekomplex nur auf einer Fläche von etwa 50 Quadratmetern in einer Buchhandlung mit Café abgehandelt werden.

Man werde es nicht zulassen, dass die »Erinnerung ausgelöscht« und auf einen »Infopoint« reduziert werde, rief der Pastor im Ruhestand Ulrich Hentschel am Donnerstag vor dem Stadthaus aus. Er moderierte die Demo gemeinsam mit Siri Keil, Autorin und Kulturarbeiterin. So habe etwa in Brasilien mit Jair Bolsonaro ein Faschist die Macht übernommen, und in ganz Europa gewinne die Rechte an Einfluss. Angesichts dessen erklärte Keil, sei es jeden Tag nötiger, sich gegen rechts zu stellen.

Auch der frühere Hamburger Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch, Leiter der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten, übte scharfe Kritik. Das Stadthaus sei der »zentrale Ort der Unterdrückung, von Mord und Folter« im Hamburg der Nazizeit gewesen. Kopitzsch erinnerte daran, dass die Novemberpogrome 1938 (siehe jW vom 9.11.) von langer Hand vorbereitet wurden. Bereits im Sommer seien KZ für die Aufnahme der im November Verhafteten erweitert worden.

Mit besonders warmem Beifall wurde die 89 Jahre alte Marianne Wilke aus dem nahegelegenen Wedel bedacht. Ihre Großeltern wurden von den Nazis ermordet, ihr Vater und sie selbst überlebten die Shoah nur, weil sie in den Wirren des Frühjahrs 1945 der Deportation entgingen. Nach dem Krieg haben sie sich für ein Engagement gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus entschieden. Die großen Demos gegen rechts machten ihr Mut, sagte die Referentin und rief aus: »Wir bleiben dran!«

Ebenfalls viel Zustimmung erntete Aktivist Ibrahim Arslan aus Hamburg. Er überlebte als Junge vor 26 Jahren den Brandanschlag von Neonazis in Mölln, seine Großmutter, Schwester und Cousine starben. Es sei unglaublich, so Arslan, dass man »über 70 Jahre nach der Shoah noch nicht gelernt hat, wie ein würdiges Gedenken aussieht«. Rechte Gewalt gegen Miganten nehme weiter zu, die Dunkelziffer sei hoch. Wie es den Überlebenden von Anschlägen gehe, was die Gewalt für ihr weiteres Leben bedeute, werde oft nicht gefragt. Mehr Engagement gegen rechts forderte auch die 18 Jahre alte Lisa, aktiv in der Altonaer Antifa und im Netzwerk »Jugend gegen rechte Hetze«. Es sei ihre Generation, die »verhindern muss, dass so etwas wieder geschieht«. Der Grund, dass es im Stadthaus keinen angemessenen Gedenkort gebe, sei »reine Profitgier«.


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