Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Saisonstaat«: Polen in der Zwischenkriegszeit

Von Reinhard Lauterbach
Józef Piłsudski  5. September 1919
Ziel war historisierender Wiederaufbau Polens: Józef Piłsudski am 5. September 1919

Polen kehrte 1918 auf die politische Landkarte Europas zurück, weil am Ende des Ersten Weltkriegs alle drei Staaten, die das Land im späten 18. Jahrhundert unter sich aufgeteilt hatten, selbst am Boden lagen: Russland wegen der Revolutionen des Vorjahres, Deutschland und Österreich wegen ihrer Niederlage im Krieg.

Zwei politische Richtungen in Polen hatten die Unabhängigkeit gedanklich, konzeptionell und organisatorisch vorbereitet. Die eine war die »Nationaldemokratie« unter Roman Dmowski. Sie wollte einen kapitalistischen Nationalstaat nachholend aufbauen und vertrat die Auffassung, dass von den Teilungsmächten Deutschland die gefährlichere, weil effizientere, sei. Dmowski forderte daher ein Bündnis mit Russland gegen eine polnische Autonomie im Rahmen des Zarenreiches.

Sein großer Gegenspieler war Józef Pilsudski. Der als Sozialist gestartete und 1905 auf ein nationalistisches Programm umgestiegene Sohn einer kleinadligen Familie aus dem heutigen Belarus hielt im Unterschied zu Dmowski Russland für den gefährlichsten Gegner Polens. Pilsudski schwebte ein historisierender Wiederaufbau Polens vor: ein Vielvölkerstaat, der territorial an die polnisch-litauische Adelsrepublik der Zeit vor den Teilungen anknüpfte. 1914 gründete er eine polnische Freiwilligenarmee, die an der Seite Österreichs gegen Russland kämpfte. Nach der Revolution in Russland arbeitete er darauf hin, das bisherige Bündnis mit Deutschland und Österreich aufzulösen. Es schien ihm nun überholt, Russland auch so geschwächt. Pilsudski erlebte das Kriegsende interniert in der Festung Magdeburg und traf, von der deutschen Revolution befreit, am 11. November 1918 in Warschau ein, um das Kommando zu übernehmen.

Pilsudski hatte anfangs die faktische Macht in Polen inne und trieb das Land in einen Krieg gegen die Sowjetunion um die Kontrolle über die Ukraine. Er verlief wechselhaft: Erst standen polnische Truppen 1919 in Kiew, dann sowjetische im Sommer 1920 vor Warschau, wo sie Pilsudski mit französischer Hilfe zurückschlug. 1921 wurde der Frieden von Riga unterzeichnet, in dem sich Polen und die UdSSR die Ukraine und Weißrussland teilten. Polen erbte aus diesem Teilsieg erhebliche Minderheitenprobleme, weil es die nichtpolnischen Nationen mit Hilfe einer von Dmowski inspirierten Nationalitätenpolitik unterdrückte. Auch im Westen versuchte Polen in mehreren Aufständen, seine Grenzen zu erweitern. Der Großpolnische Aufstand vom Dezember 1918 verdrängte die deutschen Truppen aus den Provinzen Posen und Westpreußen (Poznan und Bydgoszcz); die Berliner Regierung hatte zu dieser Zeit genug damit zu tun, die Revolution im eigenen Land niederzuschlagen. Eine deutsche Gegenoffensive im Februar 1919 drohte aber die Aufständischen zu besiegen. Erst als Dmowski in Paris Frankreich davon überzeugte, die Abtrennung Posens und Westpreußens in die Friedensbestimmungen aufzunehmen, war die deutsche Seite gezwungen, die Entwicklung hinzunehmen. Im wirtschaftlich wichtigen Oberschlesien erreichten polnische Truppen mit Rückendeckung französischer Militärbeobachter in drei Aufständen eine Korrektur der Grenzen zu ihren Gunsten, obwohl die Bevölkerung anders abgestimmt hatte.

Polen stand vor der enormen Aufgabe, aus drei Teilungsgebieten mit unterschiedlichen Strukturen in Wirtschaft, Verwaltung und Transportwesen ein einheitliches Land zu schaffen. Das gelang im großen und ganzen, aber vor allem im ehemals russischen Teil blieben erhebliche Entwicklungsdefizite erhalten. So waren noch 1931 dort zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen Analphabeten. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb bis 1939 bäuerlich, der Lebensstandard lag erheblich unter dem in Westeuropa.

Der spätere sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow hat das Polen seiner Zeit als »Bastard des Versailler Vertrags« bezeichnet. Das war nicht freundlich, aber auch nicht falsch, wenn man »Bastard« als »Nebenprodukt« interpretiert. Deutschland hoffte die zwanziger Jahre über, Polen werde als »Saisonstaat« seinen Wirtschaftsproblemen erliegen. Doch das erwies sich als trügerisch. 1934 schloss Hitlerdeutschland sogar einen Nichtangriffspakt mit dem östlichen Nachbarland. Doch dem mehrfachen Vorschlag der Nazis zu einem deutsch-polnischen Bündnis gegen die Sowjetunion entzog sich Polen; es wollte nicht von Berlin abhängig werden, sondern sich alle Optionen offenhalten. Der Rest ist Geschichte.


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