Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 16 / Sport

Ein ganz anderer Spielertyp

Kreativität gegen Wissenschaft: Ausblick auf die »Ca-Ca«-Duelle um die Schachweltmeisterschaft

Von Jens Walter
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Mehr und weniger intuitiv: Fabiano Caruana und Magnus Carlsen Ende 2015

Titelverteidiger Magnus Carlsen spielte Fußballgolf, mampfte Pizza vor dem Fernseher und begab sich – er ist nun mal Norweger – in die Langlaufloipe. In der wie gewohnt monatelangen Vorbereitung auf seinen nächsten Herausforderer setzte der amtierende Schachweltmeister also vor allem auf naheliegende Möglichkeiten der Zerstreuung. Ab Freitag muss Carlsen in London zum dritten Mal seinen Titel verteidigen. Sein Gegner: Fabiano Caruana, der als erster US-Amerikaner seit dem legendären Bobby Fischer 1972 nach der Krone greift.

Manchen gilt das Duell als Carlsens bislang schwierigste Aufgabe, seit er sich 2013 mit 22 Jahren zum zweitjüngsten Weltmeister der Geschichte gekürt hatte. Der in Miami geborene 26jährige Herausforderer mit italienischen Wurzeln liegt in der Weltrangliste auf Rang zwei. Seine Bilanz gegen den großen Dominator der vergangenen Jahre ist beinahe ausgeglichen. Zuletzt trotzte er Carlsen beim prestigeträchtigen Sinquefield Cup in aussichtsloser Situation immerhin noch ein Remis ab. Das Recht zum Kampf um die Krone sicherte sich Caruana beim Kandidatenturnier im März in Berlin gegen sieben Kontrahenten letztlich sehr souverän.

Gerade weil eine Wachablösung in den kommenden »Ca-Ca«-Duellen denkbar erscheint, gibt sich der 27jährige Carlsen betont locker. In einem Videoclip, den er über die sozialen Netzwerke verbreitete, schwärmte er scherzhaft von einer neuentdeckten 3P-Formel zur Vorbereitung: Pizza, Poker und Premier-League-Partien. Die Botschaft an seinen ein Jahr jüngeren Kontrahenten ist eindeutig: Er sieht dem dritten Angriff auf den Thron, den er 2014 und 2016 verteidigte, mit großer Gelassenheit entgegen.

Aus dem einstigen Wunderkind Carlsen ist längst ein etablierter Promi geworden – mit unliebsamen Begleiterscheinungen. Den »Mozart des Schach«, der sich etwa über seine eigene Schach-App »Play Magnus« höchst erfolgreich vermarktet und in seiner Heimat wie ein Popstar verehrt wird, umgibt mittlerweile eine Aura der Überheblichkeit. »Die meisten Topspieler sind sehr selbstbewusst, manche sogar arrogant«, stichelte Caruana zuletzt: »Für Magnus ist es eine besondere Herausforderung, dass ihm sein unglaublicher Erfolg nicht zu Kopf steigt.«

Carlsen ist eben längst auch einer der besten Schachspieler der Geschichte. Seit Juli 2011 führt er die Weltrangliste ohne Unterbrechung an, wies dabei einst mit einer Elo-Zahl von 2.882 den bislang höchsten Spielstärkewert auf und holte neben seinen drei WM-Triumphen in der traditionellen Variante auch insgesamt fünf Titel im Schnell- und im Blitzschach. Carlsens Fähigkeiten im Mittel- und Endspiel, wo Kreativität statt wie bei der Eröffnung eine gute Vorbereitung gefragt ist, gelten noch immer als unerreicht.

Caruana geht die Dinge vergleichsweise schüchtern und nüchtern an. »Ich spiele weniger intuitiv als andere Topspieler«, sagte er kürzlich: »Den besten Zug finde ich nicht mit Hilfe meines Gefühls. Ich gehe ein Spiel eher vom wissenschaftlichen Standpunkt her an.« Auch wegen dieses Unterschieds werden die WM-Duelle mit Spannung erwartet.

Maximal zwölf reguläre Partien werden im altehrwürdigen »The College«-Gebäude im Norden Londons ab morgen gespielt, alle zwei Tage wird pausiert. Erreicht ein Spieler 6,5 Zähler, ist das Duell beendet. Sollte es nach der zwölften Partie 6:6 stehen, wird wie bei der WM 2016 zwischen Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin ein Tiebreak mit verkürzter Spielzeit die Entscheidung bringen.

Verfolgt werden können die Partien über unzählige Liveticker im Internet. Es gibt dort auch beliebte Angebote, sie nachzuspielen. Livebilder von den Spielern gibt es allerdings nur über den kostenpflichtigen Stream auf der offiziellen Homepage des Veranstalters.


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