Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 15 / Medien

Filmemacher vor Gericht

Falangisten verklagen zwei spanischen Regisseure. Ihr Vergehen: Sie entlarvten heute noch praktizierte Verherrlichung der Franco-Diktatur

Von Carmela Negrete
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Weihestätte für Putschisten: »Denkmal für die Gefallenen« im spanischen Pamplona

Jahrelang nannte man es das »Denkmal für die Gefallenen«. Im spanischen Pamplona, Hauptstadt der Provinz Navarra, steht das zweitgrößte Monument, gewidmet der Falange, einer spanischen Variante des Faschismus. Wie auch im Fall des berüchtigten »Tals der Gefallenen« bei Madrid, handelt es sich um einen Bau zu Ehren des Putschisten und Diktators Francisco Franco und seiner Gefolgsleute. Sie hatten das Land in den Bürgerkrieg und später in die Diktatur geführt. Geschichte, die bis heute nicht aufgearbeitet wurde. Statt dessen finden dort jeden Monat Gottesdienste im Auftrag der franquistischen Vereinigung »Hermandad de Caballeros Voluntarios de la Cruz« (Bruderschaft der freiwilligen Ritter des Kreuzes) statt. Und das, obwohl das Gebäude der Kommune gehört und nicht mehr wie ursprünglich der katholischen Kirche. Diese Zustände wollen die Regisseure Clemente Bernad und Carolina Martínez in ihrer neuen Dokumentation »A sus muertos« (Für unsere Toten) anprangern.

Der Name geht auf die offizielle Bezeichnung dieses Ortes zurück: »Navarra a sus muertos en la Cruzada« (Navarra für seine Toten im Kreuzzug). Das Gebäude erinnert an eine Kathedrale, und in seinem Innern sind seit 1942 die Namen von 4.500 Franco-Getreuen verewigt, denen es gewidmet ist. Bis November 2016 lagen dort auch noch die sterblichen Überreste der Putschistengenerale Emilio Mola und José Sanjurjo. Diese wurden nach langen Kämpfen der Opfer der Regimes exhumiert und verlegt. Einige faschistische Symbole wurden abgedeckt, aber nicht entfernt.

Das Ganze blieb dennoch ohne jeglichen Hinweis auf Bürgerkrieg und Diktatur, auf den Putsch, den Franco und Kumpane 1936 anzettelten. In der Kuppel sind heroische Gemälde zu sehen, eine Mischung aus religiösem Wahn und falangistischer Geschichtsverklärung. Bernad und Martínez wollen darauf aufmerksam machen, dass sich an diesem Ort immer noch jeden Monat die oben erwähnte Kreuzritter-Bruderschaft trifft. Diese wurde 1939 von »Requetés« (Rekrut), einer paramilitärischen falangistischen Gruppe, gegründet und existiert bis heute. Mit denselben Statuten. Die katholische Kirche bietet den Ewiggestrigen dort Gottesdienste an, und sie haben eine Nutzungsgenehmigung der Stadtverwaltung für die Krypta.

Die Filmemacher wollten dort drehen, sind allerdings daran gehindert worden, obwohl sie dafür ebenfalls eine behördliche Genehmigung haben. Der Vorwurf: Sie sollen »Geheimnisse enthüllt« haben. Die Kreuzrittervereinigung verklagte sie und forderte zwei Jahre Haft sowie jeweils 12.000 Euro Geldstrafe von beiden.

Bernad sagt, man habe »den Gottesdienst nicht gefilmt. Sie haben uns daran gehindert.« Zugleich wies er darauf hin, dass schon 2012 andere Journalisten an einer solchen Zeremonie teilnehmen durften. Im Juni wurde den Filmemachern per Post die Anzeige zugestellt.

Bernad arbeitet seit zwei Jahrzehnten im Dokumentarfilmgeschäft als Fotograf und Regisseur. Er begleitete jahrelang die Öffnung von Massengräbern aus der Zeit des Bürgerkrieges und veröffentlichte ein Fotoalbum mit den Titel »Desvelados« (Enthüllt). Auf jW-Anfrage berichtete er, dass es ihm und Carolina Martínez »sehr schlecht geht«. Sie wollten »eine Debatte über dieses Gebäude und seine Nutzung eröffnen«, würden zur Zeit aber kriminalisiert.

Für den 14. und den 15. November sind Prozesstermine angesetzt. Optimistisch sind die Medienschaffenden nicht, obwohl sie Unterstützung gefunden haben. 1.700 Menschen haben ein Manifest unterzeichnet, darunter Prominente aus dem Kulturbereich. »In Spanien ist es nicht einfach, einen Prozess zu gewinnen. Wir sehen, wie die Meinungsfreiheit in Spanien immer wieder angegriffen wird«, so Bernad weiter. Er verweist auf die jüngsten Prozesse gegen Musiker oder zahlreiche andere Personen, die wegen Äußerungen bei Facebook oder Twitter immer wieder vor Gericht landen.

»Beruflich wäre (eine Verurteilung) eine Katastrophe für uns, aber noch mehr für die Gesellschaft«, versichert der Regisseur. Dabei werde immer öffentlich behauptet, dass man in Spanien die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung verteidige. Das sei nicht der Fall.

Interessant ist auch, dass diese Anschuldigungen ausgerechnet in einer Zeit erhoben werden, da die Zentralregierung in Madrid sich sichtlich bemüht zeigt, die franquistische Geschichte aufzuarbeiten und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Es gelte, die verbliebenen Massengräber zu öffnen, Franco aus seinem Mausoleum zu holen sowie der Auffoerderung einer Richterin aus Argentinien nachzugehen, die Verbrechen des Krieges sowie der Diktatur zu untersuchen. Das überrascht Bernad nicht. Es zeige vielmehr, wie die Falangisten legale Tricks benutzen, um ihre Interessen auch heute noch durchzusetzen.


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