Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 12 / Thema

Unser Himmel ist irdisch

Eine Kunst, die sich nur auf die Kritik des Bestehenden konzentriert, verzichtet auf eine ihrer wesentlichen Qualitäten – Schönheit

Von Stefan Siegert
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»Es wäre derzeit für die Künstler klüger, mehr davon zu reden, zu malen, zu tanzen und zu komponieren, wofür sie sind, als immer nur darüber, wogegen.« – Peter Paul Rubens : Bauerntanz (1636–1640), Öl auf Holz

Wir dokumentieren im folgenden einen Vortrag, den unser Autor Stefan Siegert am 27. Oktober 2018 bei einer Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung in Düsseldorf gehalten hat. (jW)

Wozu Kunst im Klassenkampf? Berufenere als ich haben Antworten darauf gefunden. Namen wie Franz Mehring, Georg Lukács und Bertolt Brecht fallen mir ein, in neuerer Zeit Thomas Metscher. Es sind am Ende wenige, die sich aus marxistischer Sicht mit der künstlerischen Praxis im Klassenkampf theoretisch beschäftigt haben. Kommunistische Führer der Vergangenheit sind, soweit ich sehe, überhaupt nicht darunter. Die Frage drängte sich ihnen offenbar nicht auf. Gemessen an vielen anderen Fragen, die über Krieg oder Frieden entscheiden, über die Macht im Staat oder den Untergang, scheint die Frage nach der Rolle der Kunst im Klassenkampf in der Tat nachrangig. Schon die Klassiker des Marxismus verloren nicht viele Worte darüber.

Theoretische Randerscheinung

So beginnt mein Vortrag mit der mehr oder minder achselzuckend getroffenen Feststellung: Kunst und Kultur spielten im Klassenkampf bisher zwar eine bedeutende Rolle. Allerdings nur praktisch – in den kapitalistischen Ländern im künstlerischen Beitrag zum Kampf für eine Gesellschaft ohne Krieg und Ausbeutung; in den nichtkapitalistischen Ländern beim auch ideologischen, kulturellen Aufbau des Sozialismus. Theoretisch und politisch dagegen war das Thema Kunst gleichwohl immer eher Randerscheinung. Wir Künstler galten unseren führenden Genossen, so mein Eindruck, eher als hilfreiche Kinder, nicht als Klassenkämpfer. Das klingt pessimistisch. Aber es muss ja nicht so bleiben. In Brechts »Lob der Dialektik« heißt es aber: »Wer noch lebt, sage nicht: niemals!«

Und tatsächlich kann man am Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus den Eindruck gewinnen, die Geschichte des realen Sozialismus, in freilich überraschend unerwarteter Gestalt, beginne im Moment eigentlich gerade erst (und ist, wie noch jede gelungene echte Revolution, von Anfang bis heute tödlich bedroht). Über die ästhetischen Theorien im alten China weiß ich bisher nur, dass es sie viel früher gab als in Mitteleuropa. Über den aktuellen Stand der marxistischen Ästhetik in der Volksrepublik werden wir hoffentlich irgendwann Näheres erfahren. Über die Praxis hingegen erfuhr ich von Chen Xiaoyong, einem in Hamburg und Shanghai lehrenden, befreundeten Komponisten. Es gibt im sozialistischen China zur Zeit 30 Millionen Klavierspieler. Zu den ersten kulturellen Großleistungen der chinesischen Kommunisten gehörte es, etwa 800 Millionen Menschen in unfassbar kurzer Zeit vom Analphabetismus zu befreien. Die Volksrepublik reagierte bekanntlich 2008 auf das globale Totalversagen des kapitalistischen Bankensystems als einziges Land der Welt mit einem staatlichen Investitionsprogramm; selbst westliche Fachleute geben zu, es hat die Weltwirtschaft gerettet. Von den etwa 300 Milliarden Dollar, die die Regierung damals in die Wirtschaft pumpte, floss eine dreistellige Millionensumme in die inzwischen zwölf Konservatorien und die ihnen sehr ähnlichen Musikfakultäten mehr als tausend chinesischen Universitäten. Manager eines Hamburger Musikverlags sowie einer in Hamburg produzierenden namhaften Klavierfirma erzählten mir, dass sie seither mit China die erfreulichsten Geschäfte machen. Und der jungen Welt vom 10. September 2018 war zu entnehmen: Die chinesische Initiative der sogenannten Neuen Seidenstraße (»Belt and Roas«) hat mit ihren Partnern neben für alle Beteiligten vorteilhaften Wirtschaftsvereinbarungen bislang auch 35 kulturelle Großprojekte abgeschlossen. In den planwirtschaftlichen Kennziffern der Kommunistischen Partei scheint die Kultur zuverlässig enthalten zu sein. Sie ist Teil eines wenn man so will internationalen Klassenkampfs, den die Volksrepublik allerdings auf offensichtlich ganz andere Weise führt als weiland die KPdSU oder die SED.

Als ich im Sommer 1969 von der Tübinger Universität auf die Hamburger Kunsthochschule wechselte, gab es auf die Frage nach der Rolle der Kunst, nur eine Antwort: Kunst muss provozieren, sie muss sich auflehnen und dem im – zunächst einmal elterlichen – Establishment verkörperten autoritären, faschistoiden und lustfeindlichen Gesellschaftssystem die eigene Melodie vorspielen. Was ich wenig später dann als Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei bekämpfte, war die kapitalistische Gesellschaft, verkörpert durch die Bourgeoisie und ihre damals in Vietnam völkermordende imperialistische Hauptmacht, die USA. Kunst war nun für mich für eine ganze Weile nur noch Waffe.

Aber Kunst hat als Gegenstand der Ästhetik und Teil der Kultur viele historische Gestalten und Funktionen. Als besondere Variante gesellschaftlicher Kommunikation ist sie ein sozialer Faktor. Das Besondere an ihr: Sie geht aus von der sinnlichen Wahrnehmung der Welt, sie erkennt fühlend, das Fühlen wird zu einer Art Produktionsmittel. Indem sie sich nach Schönheit sehnend die Welt mit ihren Mitteln darstellt, nimmt sie Stellung zu ihr, greift ein in den Kampf um die Macht, der, eng verbunden mit dem politisch-militärischen Kampf, nach Antonio Gramsci, in den Köpfen und Herzen ebenso gestaltet werden muss wie im materiellen Bereich der Geschichte.

Historische Herkunft

In den unvorstellbaren Weiten menschlicher Urgeschichte entstanden bis etwa 12.000 v. u. Z. erste Spurenelemente dessen, was wir heute Kunst nennen. Aus den Rhythmen der Körperbewegungen und Werkzeuge, den Signalen akustischer und gestischer Verständigung in den Prozessen der Arbeit bildete und löste sich in den Zeiten der Gentilgesellschaften etwas heraus. Arbeit und Existenz sind identisch, man produziert gerade so viel, wie man zum Überleben braucht. Aber was da in aller Not zaghaft an Tanz, Gesang und Bildnerei entstand, scheint trotzdem Freude zu bereiten. Mit den heute noch zu bewundernden Höhlenmalereien, den Totems und kultischen Tänzen reagierten die Menschen auf die Bedrohungen einer noch undurchschauten Natur. Mit der im Verlauf der neolithischen Revolution gewachsenen Produktivität werden die nomadisierenden Jäger und Sammler sesshaft. Das Privateigentum entsteht. Einige Mitglieder der Gemeinschaft können aufhören zu arbeiten, denn sie leben dank privater Aneignung des Bodens und der Werkzeuge von der Arbeit der anderen und werden zu dem, was künftig Ausbeuterklasse heißt. An ihrer Seite Priester und nur mit spirituellen Gesängen und Tänzen, mit magischer Malerei und Schnitzerei beschäftigte Schamanen. Im Verlauf vieler Jahrtausende werden aus ihnen mit künstlerischen Gegenständen befasste Handwerker und Berufsgaukler. Es verbreiten sich kulturelle Bräuche. Aus der Arbeit entstanden, bleibt all das als Volkskunst eingebettet ins Leben der arbeitenden Menschen. Die kleine sie beherrschende Minorität aristokratischer und klerikaler Müßiggänger nimmt nicht nur den Boden und die Arbeit der Mehrheit in Besitz – auch ihre Kultur und Kunst.

Beim Besuch eines volkseigenen Betriebes der DDR wurde mir mit Blick auf die ausgiebig frühstückenden Kollegen einmal augenzwinkernd erklärt, es sei im Sozialismus nun einmal wie sonst auch in der Geschichte: Die herrschende Klasse arbeite nicht. Das ist, auf den Kopf gestellt, wohl die kürzeste Erklärung dafür, dass die europäische Kunst, mit wenigen Ausnahmen, seit Entstehung der Klassengesellschaft von unten kommt. Denn wie alles, was die Ausbeuterklasse verbraucht, bringt sie auch die Kunst ihrer Epoche nicht selbst hervor. In Ermanglung eines Marktes für Kunstprodukte haben die – soziologisch gesehen – meist kleinbürgerlichen Künstler allerdings für Jahrhunderte keine andere Wahl, als die feudalen Herren und Damen auch kulturell zu bedienen. Sie servieren ihnen Repräsentatives, Heroisches, Pathetisches, Frommes. Seit der Französischen Revolution beginnt neben der Befreiung der Produktion und des Handels aus feudalen Fesseln auch die Befreiung der Kunst. Mit dem modernen Kapitalismus entsteht ein Markt auch für ihre ganz besonderen Waren. Die neue Ökonomie prägt und trägt die nun hervortretende bürgerliche Kunst des 19. Jahrhunderts. Von unten kommen fortan kaum noch künstlerische Produkte. Denn die Ausbeutung im unteren Teil der Gesellschaft wird von oben derart extrem in- und extensiviert, dass weder Bauern noch Arbeiter als Klasse an Kunst auch nur denken können.

Die Dialektik des Marx-Gedankens, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Herrschenden sich in der Klasse der sie satt und reich Machenden zugleich ihren Totengräber heranziehen, lässt sich auf das Verhältnis der Käufer künstlerischer Produkte zu ihren Herstellern anwenden. Denn was zum Gelderwerb im Dienst der Herrschenden dient: Bilder malen oder in Holz schneiden, Kirchen-, Kampf- oder Tanzmusik komponieren, Schauspiele aufführen oder Geschichten, Schnurren und Märchen erzählen – bewährt sich oft auch im Kampf gegen die Herrschenden.

Ästhetische Kategorien

Die phantasmagorischen Dachreiter auf den gotischen Kathedralen des 14. Jahrhunderts und die antipapistischen, mit derben Holzschnitten gewürzten Flugschriften der aufrührerischen Bauern des 16. Jahrhunderts haben mit John Heartfields antifaschistischen Fotomontagen des 20. Jahrhunderts oder Banksys Street-Art des 21. eines gemeinsam: Sie bedienen sich der gleichen ästhetischen Kategorie. Die Kunstformen der herrschenden Klassen waren repräsentativ, prachtvoll und ernst, sie waren staatstragend. In den Tragödien, den Historien- und Heiligenbildern und Messen, in den Oratorien und Seria-Opern der Paläste und Kirchen begegnen wir einschüchterndem Protz und Triumph, sie fordern heraus zu Furcht, Ehrfurcht, Anbetung und Demut. Dagegen wehren sich die Beherrschten in der Commedia dell’arte, der Posse, der Karikatur, der Opera buffa, im Schwank und im Schelmenroman. Ihre Waffe: das Lachen. Das Komische als ästhetische Form der Kritik ist nicht zufällig Untertanensache – das Sein bestimmt offenbar nicht nur das Bewusstsein, es bestimmt auch weitgehend die Form, in der das Bewusstsein sich ausdrückt.

Form, Inhalt, Bewusstsein, Gefühl – vier bedeutende Kategorien des Ästhetischen. Zunächst die Form, von Kant als »Schönheit« mit der Ästhetik identifiziert (auch die Hässlichkeit, das Erhabene und Niedrige, das Raffinierte und Banale ist Form). Zweitens der Inhalt (die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre Interpretation). Drittens das Bewusstsein (der Verstand, die Erkenntnis). Und schließlich das Herz (die Seele, das Gefühl). Form und Inhalt sind Hauptbestandteile des Realismus. Der sogenannte Sozialistische Realismus war in der realsozialistischen Regierungspraxis ein Instrument staatlicher Gängelung der Künstler. Was er positiv beinhalten sollte, haben die kommunistischen Künstler ab 1935 in der Realismusdebatte herauszufinden versucht. Brecht, Bloch, Eisler und andere debattierten in der Moskauer Zeitschrift Das Wort darüber, ob es erlaubt sei, künstlerische Experimente und Neuerungen in die klassenkämpferische Kunst einzubringen und wie weit solch ein revolutionärer Avantgardismus gehen dürfe. Die Diskussion setzte sich nach dem Sieg über den Faschismus in der Zeit des sozialistischen Aufbaus fort. Die Parteiapparate meinten sich dabei von Anfang an regulierend, mit Hilfe des Totschlagarguments »Formalismus« oft auch strangulierend, einschalten zu müssen, mit der Folge einer bis zum Ende des Realsozialismus desaströsen Kunstpolitik.

Die KP Chinas, so mein Eindruck, geht auch auf diesem Gebiet andere Wege. Sie toleriert vieles, was sich im Land an künstlerischen Reaktionen auf die gesellschaftliche und universelle Wirklichkeit entwickelt, ohne sich einzuschalten; aber sie verzichtet dabei nicht auf die notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung der sozialistischen Staatlichkeit und Souveränität Chinas (sie setzt beispielsweise dem Treiben eines von außen künstlich hochgespielten Quacksalbers und Steuerhinterziehers wie Ai Weiwei Grenzen).

Friedrich Engels beschreibt im populärsten seiner Bücher die – von Marx und ihm geleistete – Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Utopie, damit meinte und würdigte Engels die Leistung der utopischen Sozialisten. Ohne ihre Vorarbeit wäre der wissenschaftliche Sozialismus nicht möglich gewesen. Den eindringlichen antikapitalistischen Anklageschriften Fouriers, St. Simons und Owens, meinte Engels, fehlte nur ein historisches Subjekt, das in der Lage gewesen wäre, den Kapitalismus zu beseitigen. Sie griffen notgedrungen zu mythischen, religiös anmutenden Visionen. Wo der Verstand nicht weiter kommt, muss das Gefühl aushelfen.

Verstand und Gefühl, Wissenschaft und Utopie – bis zu Marx und Engels waren das Dichotomien, hierarchisch abgestuft, das eine bestenfalls Vorbereiter des anderen. Es schadet aber nicht, sich die Sphäre, von der wir hier heute reden, als eine vorzustellen, in der alle Parameter deutlich verschieden sind von den in Wissenschaft und Politik geltenden. So ist die Kunst bewusst subjektiv. Sie geht nicht von der Erkenntnis aus, sie ist nicht rational, sondern emotional und denkt und redet in Bildern. Kunst beschreibt die Wirklichkeit nicht, um sie distanziert zu erfassen. Ihr geht es ihrem Wesen nach also weder um Planung oder Verwertung, auch nicht um Kampf. Ihr geht es wesentlich um all die schönen Dinge, die möglich werden, wenn der Kampf endlich global gewonnen ist.

»Interesseloses Wohlgefallen«

Seit Hegel, Marx und Engels steht all das nicht mehr unverbunden nebeneinander. Schon in meiner Formulierung vom »verstehenden Herzen« wird deutlich: Der ästhetische Bereich funktioniert so dialektisch wie alles Materialistische. Schon Kant, noch undialektisch, untersucht in der »Kritik der reinen Vernunft« den Anteil der Sinnlichkeit an der Erkenntnis. Zwischen objektiv nachweisbarer Materie und subjektiv erlebtem Geist und Gefühl können überraschende Verbindungen entstehen. Dafür liefern die Künste Beispiele.

Im Unterschied zu allen anderen Lebensbereichen sind die Gegenstände der Ästhetik vom Wesen her nicht utilitaristisch, sie haben weder Zweck noch Nutzen, sie sind keine Ware. Dagegen spricht nicht, dass der Kapitalismus, seit es ihn gibt, erfolgreich bestrebt ist, Kunstwerke wie alles andere auch, in Waren zu verwandeln. Kant, am gloriosen Anfang der Geistesgeschichte des Bürgertums stehend, erscheint in der »Kritik der Urteilskraft« die Ästhetik als »interesseloses Wohlgefallen«. Ein wunderbarer Gedanke, wenn man ihn nicht im Sinne einer L’art pour l’art missbraucht. Er meint: Schön ist, was durch sich selbst gefällt und damit allein der Lebensfreude dient. Wie die Zärtlichkeit, die Güte und das menschlichste aller Gefühle, die Liebe, kann man es in keinem pädagogischen Institut der Welt lernen und nirgendwo kaufen. Es ist Teil des Reichs der Freiheit. Kleist nennt den Zustand im Marionettentheater »Grazie«, Freiheit und Grazie beginnen jenseits dessen, was Engels die Notwendigkeit nennt. Da wären wir wieder bei der Utopie.

Es ist also nicht die Wirklichkeit, die uns in Kunstwerken begegnet (es sei denn, wir akzeptieren die Kunstwerke selbst als Wirklichkeit). Aus den Worten, Bildern, den Geschichten, Farben, Tönen und Träumen der Kunst entsteht eine Vorstellung der Wirklichkeit. Ihre Besonderheit: Der sinnlich und subjektiv wahrnehmende und empfindende Mensch erlebt sich beim Wahrnehmen der Welt mehr oder minder bewusst als Teil des Wahrgenommenen. Der Dramatiker Peter Hacks drückt es so aus: »Gegenstand der Kunst ist die Wirklichkeit, erfahren durch eine Haltung.«

Es dreht sich bei allem, von dem ich hier rede, in erster Linie um den ideologischen Klassenkampf, eine der Vorstufen des von der herrschenden Klasse als Ultima Ratio angezettelten Kriegs als Weltalltag. In diesem immer schneller und brutaler vordringenden ideologischen Krieg hat die menschliche Psyche in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Das verdeutlichen ex negativo Phänomene wie etwa das durch analoge und digitale Medien weltweit wirkende Empörungsmanagement. Speziell damit beschäftigte Agenturen verschlingen Milliarden. Goebbels hätte vor Neid gezittert, hätte er, der Erfinder der modernen Propaganda, die Ausmaße, das Raffinement und die Zielgenauigkeit erleben können, mit denen heute Hass, Verwirrung und Niedertracht verbreitet werden.

Aber lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen. Was uns da entgegenwalzt und schwer zu schaffen macht, pfeift aus dem letzten Loch. Man kann nun leider – das wissen besonders die älteren Marxisten – gefühlte Ewigkeiten auf dem letzten Loch pfeifen, wenn man die Macht und Legionen von teuren Spezialisten hat, die einem die Noten für das schreiben, was gepfiffen werden soll. Was da heute aber auf die Notenpulte der Auf-dem-letzten-Loch-Pfeifer zu liegen kommt, ist in immer steigendem Umfang so billig, so hohl und schäbig – und damit auch so durchschaubar – wie nie zuvor. Kein Indiz für Stärke, mehr für Schwäche. Was wir in der Ästhetik »Schönheit« nennen, gibt es im imperialistischen Massenangebot natürlich auch. Was da aber zum Kauf ausliegt in den Bordellschaufenstern der zum Markt gewordenen Westwelt will im Unterschied zur Schönheit, die wir meinen, nicht mehr geliebt, es kann nur noch gekauft werden. Es ist längst, mit Marx zu reden, ein Fetisch.

Kein Schlagwerkzeug

So hat der Imperialismus eigentlich nur noch Dystopien auf Lager. Irak, Libyen, Syrien, die Tragödie auf dem Mittelmeer – fast täglich sorgt das Imperium auf Netflix und in den Nachrichten für neue Dystopien. Kritik, Entlarvung, Aufklärung tun not. Ob es aber die Künste sein sollten, die sich in vorderster Front am aktuellen Kampf gegen den informationellen und realen Neokolonialismus beteiligen, bezweifle ich. Aber ihre Wirkungsweise taugt für diese Art täglichen Nahkampf nicht, sie ist auf längere Fristen angelegt. Peter Hacks formuliert es witzig: »Eingestandener Maßen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenermaßen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein müsse. Es folgt eher, dass die Kunst eine um so bessere Waffe sei, je besser sie ist.« Anders gesagt: Kunst ist nie Propaganda. Und Propaganda ist nur in Ausnahmefällen Kunst.

Mein Vorschlag: Es wäre derzeit für die Künste klüger, mehr davon zu reden, zu malen, zu tanzen und zu komponieren, wofür sie sind, als immer nur darüber, wogegen. Kann man den Imperialismus schärfer kritisieren, als wenn man zeigt, wie wunderbar es auf der Welt zuginge, wenn er nicht mehr existent wäre? Statt wie früher immer neu den Teufel an die Wand zu malen, könnte die Kunst sich mehr um die Engel und den Himmel kümmern, die wir auf Erden hätten, wäre die Welt menschengerecht eingerichtet. Unser Himmel ist irdisch.

Wie unzureichend die, nennen wir sie einmal summarisch, nichtkünstlerischen, die politischen, wissenschaftlichen Mittel sein können, mit denen wir den ideologischen Klassenkampf führen, wird angesichts des Todes deutlich. Wir können die Endlichkeit des Todes mit Hilfe des Verstandes so wenig erfassen wie etwa die Unendlichkeit des Alls. Beides so mit unserer Zeitlichkeit in Einklang zu bringen, dass es die Menschen tröstet und einverstanden sein lässt mit dem irdischen Weltbild und Weltgang, wäre, denke ich, eine im Klassenkampf aktuell lohnende Aufgabe der Kunst. Einverstanden nicht mit den jeweiligen, geschichtlich-konkreten Zuständen der Welt. Aber einverstanden und im Einklang mit dem, was im Menschen Natur ist und nicht Industrie. In einem besseren, einem guten Leben verliert auch der Tod seinen Schrecken; und indem die Kunst uns das glitzernd Raum- und Zeitlose des Alls vor die Augen der Seele bringt, können wir sogar lernen, mit der Unfassbarkeit als Teil des von uns zu gestaltenden Daseins zu leben.

Die Utopie im Blick

Wenn ich richtig erinnere, waren es vor einigen Jahren die Indigenen Südamerikas, die in einer programmatischen Erklärung ihr politisches Ziel unter dem Signum des guten Lebens zusammenfassten. Der Begriff klingt banal. Aber jede und jeder kann sich unter dem »guten Leben« spontan mehr und angenehm Konkreteres vorstellen als unter Begriffen wie Sozialismus, Planwirtschaft oder Volksherrschaft, die ich damit keineswegs suspendieren möchte. Sie werden wichtiger, je mehr Menschen erkennen, dass das gute Leben das eigentliche Ziel unseres Daseins ist. Das neugierig machende Bewusstsein dafür gilt es zunächst zu schaffen. Ein gutes Leben wäre nicht nur – mittels Kunst – plausibel und schmackhaft zu machen. Die Kunst ginge – ein Gedanke Brechts – in Form der Lebenskunst im guten Leben auf: Lebenskunst als die endgültige und wirkliche Demokratie. Die würde sich erstrecken von einer guten Portion planwirtschaftlich eingehegter Genusssucht bei der Organisation gesellschaftlichen Lebens bis zur menschengerechten Ausgestaltung der Wohnungen, Städte und Landschaften; von der ausnahmslos allen zugänglichen frischen Luft, der Stille der Abende mit ihrem kondensstreifenfreien Firmament bis zur Reinheit des Weins, den wir uns einschenken. Den Krieg hätten wir mangels Ursache im guten Leben ohnehin längst vergessen. Wozu also Kunst im Klassenkampf? Warum nicht zur Darstellung des Besseren, des zu Erreichenden, der Utopie? So weit weg muss sie nicht sein, wie viele denken. Viele materielle Voraussetzungen – etwa die modernen, weltverträglichen Verkehrsmittel und -systeme – sind längst vorhanden. Was der konkreten Utopie einstweilen an Schlechtem und Realem vorausgeht, bleibt damit nicht ausgeblendet. Auch die Künstler müssen sich an jedem neuen Tag darauf einstellen, den es uns beschäftigt, bedrängt und betrübt. Auch die Künstler materialisieren ihren Zorn zur rechten Zeit, wenn es sein muss. Es ist allerdings viel leichter, für etwas zu kämpfen, das erfahrungsgemäß am besten von der Kunst konkret, lebendig, farbig, attraktiv vorweg genommen werden kann, als gegen etwas. So weit mein Vorschlag für heute.

Stefan Siegert schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. August 2018 über Heinrich Gerlachs Roman »Durchbruch bei Stalingrad«.


Debatte

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  • Beitrag von josef w. aus delbrueck ( 8. November 2018 um 01:49 Uhr)

    Heinrich Heine – Deutschland ein Wintermärchen, Caput I, fällt mir da ein:

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,

    O Freunde, will ich euch dichten!

    Wir wollen hier auf Erden schon

    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glücklich sein,

    Und wollen nicht mehr darben;

    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

    Was fleißige Hände erwarben.

    Es wächst hienieden Brot genug

    Für alle Menschenkinder,

    Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen für jedermann,

    Sobald die Schoten platzen!

    Den Himmel überlassen wir

    Den Engeln und den Spatzen.

    • Beitrag von Peter S. aus Berlin ( 9. November 2018 um 09:58 Uhr)

      Die Erinnerung an gerade diese Verse gerade an einem Tag wie heute tut sooo gut – vielen Dank dafür! Die junge Welt sollte oder könnte sie durchaus einmal auf ihre Titelseite stellen, und wenn es »nur« die Wochenendbeilage wäre. Als absolutes Alleinstellungsmerkmal zwischen allen Medien, wo die Quote mit Skandalen, Verbrechen, Tratsch und »nackten Tatsachen« geholt werden soll!

      Nachtrag: Es wäre natürlich wichtig zu wissen, wie viele Menschen überhaupt noch für diese Art von Gedanken und Versen empfindlich sind. Vielleicht kamen sie bei mir nur jetzt gerade so gut an, weil ich gerade eine Tasse mit gutem kubanischen Kaffee vor mir habe? Hm ... Leserumfrage, liebe Redaktion?

  • Beitrag von Simon B. aus Berlin ( 8. November 2018 um 15:08 Uhr)

    ... uns fällt, mit Blick auf Text und Gegenstand, neuerlich Brecht ein:

    »Der größte Teil der kulturellen Produktion der letzten Jahrzehnte wäre durch einfaches Turnen und zweckmäßige Bewegung im Freien mit großer Leichtigkeit zu verhindern gewesen.«

    Gibt es kein Lektorat der Themen-Seiten?

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