Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Negative Freiheit

Kirill Serebrennikow zeigt in »Leto« das Leningrad der 80er als politisch leeren Ort

Von Kai Köhler
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Roma Zwer als Mike (l.) und Teo Yoo als Wiktor: Vereint im Gesang

Er ist der Skandalregisseur, das Putin-Opfer; oder aus der Sicht derjenigen, die Russland unvoreingenommen betrachten, der Mann, der angeblich Fördermittel unterschlagen hat und bis zur juristischen Klärung des Sachverhalts (der Prozess gegen ihn hat genau gestern begonnen) unter Hausarrest steht: Kirill Serebrennikow. Natürlich sind wohlmeinende Kulturschaffende reflexhaft empört und verlangen vom bösen Russen, er möge »Freiheit!« gewähren; natürlich hat, wer vielleicht russische Staatsgelder fragwürdig abrechnet, im Westen um so mehr Kredit und wird bereitwillig umjubelt.

Serebrennikows Film »Leto« (was russisch »Sommer« heißt, aber auch eine Figur aus der griechischen Mythologie ist) über eine sowjetische Rockband der 80er Jahre wurde auf dem Festival von Cannes schon deshalb begrüßt, weil der Regisseur zur Premiere nicht ausreisen durfte. Aber der Stand staatsanwaltlicher Ermittlungen begründet natürlich kein ästhetisches Urteil. Es fragt sich also, ob die Produktion dem Anspruch standhält.

Die Handlung ist die: Der Musiker Wiktor Zoi kommt in der späten Breschnew-Zeit zu dem in der Leningrader Szene erfolgreichen Bandleader Mike, der das Talent des Jüngeren erkennt und fördert. Nebenbei entwickelt sich zwischen Wiktor und Mikes Frau Natascha der Ansatz einer Liebesgeschichte. Mike toleriert deren Gefühle, leidet sehr, fördert Wiktor, leidet sehr und wird mit Familienglück belohnt, während Wiktor zum Musiker der Stunde wird, aber Natascha verliert.

Das ist nicht eben viel, und tatsächlich sind wenige intensive Szenen über das Dreiecksverhältnis durch allzuviel Beiwerk belastet. Russische Kinobesucher passenden Alters mögen anhand der Songs von Wiktor Zois Band »Kino« nostalgisch auf ihre Jugend zurückblicken. Ein deutsches Publikum dürfte den Fortgang der Handlung eher schleppend finden.

Nostalgie ist überhaupt die Grundstimmung des Films, der nicht zufällig fast ausschließlich in Schwarzweiß gehalten ist. Serebrennikow zeigt das Leningrad von 1982/83 nicht als totalitäre Hölle, sondern als politisch leeren Ort. Staat und Partei nerven noch ein wenig mit ihrer Abwehr westlicher Einflüsse, doch niemand kämpft mehr. Weder glaubt man an die alte Linie, noch hat man Kraft für eine Erneuerung. Die Diagnose dürfte zutreffen: Wenige Jahre später begann die Konterrevolution, während einige der Komsomol-Funktionäre die Verbindungen knüpften, durch die sie in der Jelzin-Zeit das Volkseigentum plünderten und zu Oligarchen aufstiegen.

Die Phase des Verfalls hat bei Serebrennikow ihren Reiz. Es sind einerseits gerade noch genug Hindernisse da, damit die Jugend glauben kann, rebellisch zu sein. Andererseits herrscht noch nicht die Diktatur des Markts, und die Musiker haben Zeit zur Suche und fürs Experiment. Die alte Macht besteht nicht mehr, die neue noch nicht: Man kann so etwas mit Freiheit verwechseln. Ob aber hier bedeutende Musik entsteht, überhaupt wichtige Kunst?

Serebrennikow ist nicht dumm und verhandelt sogar diesen Zweifel: Mike kennt alle westlichen Vorbilder und kommt nicht mit seiner Platte zu Rande, weil er ihnen gegenüber nichts Neues schaffen kann. Der Skrupel gilt im Film als Qualität und wird mit der Frau belohnt, aber auch mit der Kleinfamilie Vater-Mutter-Kind, als Ende der Verantwortungslosigkeit. Das reale Vorbild allerdings, Mike Naumenko, brachte viele Platten heraus und soff, bis seine Frau sich von ihm trennte. Er starb 1991, als der erfolgreichere Wiktor Zoi bereits ein Jahr tot war (Autounfall). So mussten beide nicht als alternde Rockstars ihre Karriere organisieren, sondern werden als halbwegs widerständige Jugendidole erinnert – jedenfalls solange diese Generation noch die eigene Vergangenheit verklärt.

Den Film rettet das nicht. Die idealisierte Zwischenzeit, in der niemand ernsthaft etwas erreichen will, kennt Freiheit nur als Freiheit von etwas (nämlich: politischer Zwang, Markt). Es fehlt die Freiheit als sinnvolle Handlung zu etwas. Es fehlt damit ein Konflikt, der über gut zwei Stunden interessieren könnte.

»Leto«, von Kirill Serebrennikow, Russland/Frankreich 2018, 126 Min., Filmstart heute


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