Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Der Nebel kennt kein Vaterland

Ein Abend zwischen Rauchschwaden und Poesie: Am Hamburger Thalia-Theater wird Thomas Köcks Drama »Dritte Republik« uraufgeführt

Von Erik Zielke
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Steht in Hamburg je nach Notwendigkeit für Schnee, Sturm oder die Eisenbahn: Nebel

In der kleinen Spielstätte des Thalia-Theaters Hamburg in der Gaußstraße erwartet das Publikum skurriles Bühnenpersonal, vom Krieg auf die eine oder andere Weise gezeichnet: ein Kutscher, eine blinde Fallschirmspringerin, ein Patient, ein Reeder, ein Steward, die Gehilfen und – im Zentrum des Geschehens – eine Landvermesserin. Dass diese Figur von der mittlerweile 75jährigen Barbara Nüsse verkörpert wird, die am vergangenen Premierenwochenende mit dem bedeutenden Theaterpreis »Der Faust« als beste Schauspielerin geehrt wurde, ist ein großer Gewinn für die Inszenierung (Regie: Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach). Nüsse zur Eröffnung des Theaterabends rauchend und fluchend über die Bühne wandern zu sehen ist ein Vergnügen. Den wortgewaltigen Monologen des österreichischen Dramatikers Thomas Köck verhilft sie so eindrucksvoll zur Geltung.

Was sucht die Landvermesserin auf der meist nebelverhangenen Bühne? (Bühnenbild: Stephan Weber) 1918 – der Krieg ist aus – müssen die Grenzen festgestellt werden. Diese Ausgangssituation bietet dem Autor Gelegenheit, in »Dritte Republik«, dem zweiten Teil seiner »Kronlandsaga«, über Nationalstaat und Krieg nachzudenken. Dazu verlässt er immer wieder das eingeführte Szenario und changiert zwischen Grundsätzlichem und Zeitbezogenem aus dem Hier und Jetzt. »Ein krieg / endet nicht der wird immer nur pausiert«, wird einer Figur in den Mund gelegt. Versatzstücke einer Handlung, der Wechsel von dialogischen Szenen und großen Monologen zeichnen das Bild einer von Krieg und Nationalem geprägten Gesellschaft. Köcks Text, nicht gänzlich frei von Kalauern und Überbetonung, ist kraftvoll, poetisch und eindrücklich: »höre es immer noch das wimmern /das nationale in den gräben dort«.

Nicht leicht, diesem großen Thema, dem schweren Text in einer Inszenierung gerecht zu werden. Eine Hauptrolle spielt an diesem Abend der künstlich erzeugte Nebel, der dem Publikum ins Gesicht geblasen wird. Der Rauch kennt keine Grenzen und steht je nach Notwendigkeit für Schnee oder Sturm, Nebel oder die Eisenbahn. Ein wunderbar präziser Chor von jungen Frauen, den Gehilfen des Landvermessers, stellt einen weiteren Höhepunkt der Inszenierung dar. Doch nicht jedes der weiteren Regiemittel trägt über den zweistündigen Abend. Der Übergang ins Musikalisch-Groteske, die Verweise auf Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« überzeugen weniger und nehmen dem Text seine anfängliche Konzentration. Dennoch: »Dritte Republik« ist eine ernstzunehmende, eine überlegte Auseinandersetzung mit, ein düsterer Blick auf die Nation.

Nächste Vorstellungen: 16., 17., 20. und 23. November


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