Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 8 / Ausland

»Ankara verletzt internationales Recht«

Seit Ende Oktober beschießt die Türkei Gebiete im kurdischen Norden Syriens. Ein Gespräch mit Ibrahim Murad

Interview: Gitta Düperthal
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Andauernde Bedrohung: Ankara bombardiert erneut grenznahe Städte auf syrisch-kurdischem Territorium (Blick aus dem nordsyrischen Kobani auf türkische Fahne am Grenzübergang, 11.10.2017)

Soldaten der Türkei greifen erneut den Norden Syriens an – ausgerechnet Kobani, arabisch Ain Al-Arab. Das ist jener Kanton im kurdischen Autonomiegebiet, den die Volksverteidigungseinheiten YPG Ende Januar 2015 von der Belagerung des »Islamischen Staates« befreit hatten. Wie ist die Lage aktuell?

Seit dem 28. Oktober bombardiert die türkische Armee diese Region in Nordsyrien, die unter kurdischer Selbstverwaltung steht. Die Soldaten der Türkei hatten die Grenze teilweise überschritten. Bei den bisherigen Angriffen auf die Stadt Kobani und die nahe gelegene Kleinstadt Gire Sipi (arabisch Tel Abjad, jW) gab es mehrere Verletzte und Tote. Nach meiner Kenntnis wurden am Montag ein Kind und ein Kämpfer der YPG getötet; zwei Journalisten der in Rojava ansässigen Nachrichtenagentur Anha wurden in den vergangenen Tagen verletzt.

Die Bevölkerung zieht sich zunächst aus der Grenzregion zurück, Selbstverteidigungseinheiten haben dort Stellung bezogen. Bürgerinnen und Bürger aller drei Kantone Rojavas wissen schon lange um die Gefahr eines türkischen Angriffs. Sie sind zum Widerstand bereit.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angedroht, eine neue Militärintervention im Nachbarland vorzubereiten. Welche Strategie verfolgt er?

Die Türkei versucht, aktiv in den Bürgerkrieg in Syrien einzugreifen und nach der Anfang des Jahres begonnenen Besatzung des Kantons Afrin weitere Gebiete zu erobern. Ziel der Angriffe ist auch, von Idlib abzulenken: Dort beabsichtigt die Türkei, ein Rückzugsgebiet zu schaffen, wo sich die Terrormiliz IS und andere islamistische Milizen frei bewegen können.

Es geht ihr darum, diese Kräfte dort zu organisieren, um mit ihrer Hilfe weitere Gebiete in Syrien einzunehmen. Die Türkei bekämpft die kurdischen Volksverteidigungseinheiten, um das demokratische Zusammenleben in Nordsyrien zu zerstören. Dieses fortschrittliche System, das auch auf Frauenbefreiung abzielt, stört sie. Es ist das Gegenteil dessen, was Erdogan in der Türkei umsetzt. Gegen das Projekt Rojava, das Frieden anstrebt, will er sein eigenes mit islamistischem Terror setzen. So will das türkische Regime seinen Einfluss in Syrien sichern, um dort wirtschaftliche Interessen wahrzunehmen.

Welche Rolle spielte Erdogans Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatschef Emmanuel Macron Ende Oktober in Istanbul?

Wir kennen den Inhalt dieser Gespräche im einzelnen nicht. Wir hoffen, dass nicht über die Köpfe der Bevölkerung in Nordsyrien hinweg über deren Schicksal verhandelt wurde. Es darf nicht sein, dass Kräfte, die der Anti-IS-Koalition angehören, Erdogan dabei unterstützen, den Daesch (arabische spöttische Abkürzung für »Islamischen Staat im Irak und ­Syrien«, jW) in Syrien wieder stark zu machen.

Was bedeutet dies für die Menschen, die in Kobani eine demokratische Selbstverwaltung aufbauen?

Sie werden weiter Widerstand leisten, wenn sie angegriffen werden, obgleich sie gegen den Krieg sind. Bis 2015 haben die Menschen sich dort erfolgreich gegen den Daesch gestellt. Letzterer war nicht nur eine Gefahr für die Menschen in Syrien, sondern für die ganze Welt. Der IS wurde in Kobani besiegt, die Freiheit wurde verteidigt.

Wer kann Erdogan stoppen?

Die USA und Frankreich haben bekundet, gegen diese Angriffe zu sein – und dass diese einzustellen sind. Sie haben dies aber in ihrem Verhalten gegenüber der türkischen AKP-Regierung nicht bekräftigt. Deutschland hat sich bisher gar nicht geäußert. Erdogan pflegt einen respektlosen Umgang mit anderen Ländern. Ankara verstößt gegen Völkerrecht, verletzt internationales Recht. Niemand positioniert sich konsequent dagegen. Es gilt, mit allen politischen Mitteln zu versuchen, Erdogan dazu zu bewegen, von seinen schmutzigen Vorhaben abzulassen.

Ibrahim Murad ist Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung von Rojava-Nordsyrien in Deutschland


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