Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 7 / Ausland

Flucht über den Suchiate

Tausende Menschen aus Zentralamerika wollen sich im Norden in Sicherheit bringen. Eindrücke von einer Karawane aus El Salvador

Von Carmen Navarra, Tecún Umán
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Migranten aus Zentralamerika warten an der Grenze zu Mexiko auf Durchlass

Es erinnerte an eine große Wallfahrt, als sich am Abend des 1. November mehr als 1.500 Menschen aus El Salvador auf dem Zentralplatz in Tecún Umán, einer kleinen Stadt in Guatemala nahe der Grenze zu Mexiko, zusammenfanden. Den weiten und kräftezehrenden Weg hatten sie nicht freiwillig auf sich genommen. Sie hatten ihre Heimat El Salvador, ihre Familien und Freunde verlassen, um in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen. Sie verbindet die Verzweiflung über ihre Lebenssituation, die Gewalt der Pandillas, der kriminellen Banden, die Arbeits- und Perspektivlosigkeit, die Armut. Für die meisten von ihnen ist das Ziel die USA. Dort hoffen sie auf eine Arbeit, die ihnen und ihren Familien Sicherheit, Stabilität und eine bessere Zukunft bringen soll.

Auch Rebecca hat sich der Karawane angeschlossen. Einen Schleuser, der sie auf geheimen Wegen nach Norden bringen würde, konnte sie sich nicht leisten. Die Reise alleine anzutreten hätte die Gefahr bedeutet, ausgeraubt, vergewaltigt oder sogar ermordet zu werden. Die alleinerziehende Mutter besaß zu Hause einen kleinen Verkaufsstand, mit dem sie jedoch kaum Geld verdiente. Die Menschen sind zu arm, um viel Geld auszugeben, und die Banden lassen sich von den Verkäufern Schutzgelder zahlen. Als Rebecca erfuhr, dass in San Salvador mehrere Gruppen von Menschen gemeinsam die Reise in die USA antreten wollten, entschied sie sich kurzerhand, sich der Karawane anzuschließen. Sie brachte ihre vier Kinder zu ihren Eltern und verabschiedete sich auf unbestimmte Zeit von ihnen.

In Tecún Umán wurden die Menschen von kirchlichen Einrichtungen und der Hilfsorganisation Oxfam mit Essen versorgt. Sanitäter des Roten Kreuzes verbanden wundgelaufene Füße und kümmerten sich um an Husten und Bronchitis erkrankte Kinder. Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, war als Ansprechpartner für die Menschen präsent. Auf Jacken oder direkt auf dem kalten Boden, unter dem Licht der Straßenlaternen verbrachten sie dicht an dicht die schwüle Nacht. Die in öffentlichen Bädern gewaschene Wäsche trocknete auf den Sträuchern, die die Plaza Mayor umgeben. 450 Kilometer hatten sie zu diesem Zeitpunkt hinter sich gebracht, 3.000 bis 4.000 weitere lagen noch vor ihnen.

Doch zunächst mussten sie nach Mexiko einreisen. Wie das geschehen sollte, verhandelten Gesandte der Karawane mit der mexikanische Migrationsbehörde. Die Forderung der Geflüchteten war: Einreise der gesamten Gruppe nach Mexiko und Bewegungsfreiheit bis zur US-Grenze. Die Forderung wurde abgelehnt. Mexiko bot die Möglichkeit der legalen Einreise in Kleingruppen an. Diese würden dann in Unterkünfte gebracht. Ein Asylantrag könne gestellt werden, über den innerhalb von maximal 45 Tagen entschieden werde.

Zwar bewilligen die mexikanische Behörden häufig Asyl, doch unter den aus Zentralamerika Geflüchteten ist die Angst vor Abschiebung hoch, denn ihre Verfolgung durch die kriminellen Banden oder andere Asylgründe lassen sich kaum nachweisen. Deshalb begab sich die Karawane im Morgengrauen zum Grenzübergang, einer Brücke über den Fluss Suchiate.

Als bereits mehrere hundert Menschen vor der mexikanischen Grenze standen, kam das Gerücht auf, sie würden in Kleingruppen hinter der Grenze in Busse gesetzt und direkt abgeschoben. So etwas sei bereits vorgekommen. Die Angst machte die Menschen nervös. Um die 1.500 Menschen drängten zurück auf den Platz, auf dem sie campiert hatten. Aufgebracht beschlossen sie nach kurzer Zeit, die Grenze illegal durch den Fluss zu überqueren. So hatte es schon die honduranische Karawane einige Tage vor ihnen gewagt und trotz Einsatzes der mexikanischen Grenzpolizei geschafft. Diese war bereits am anderen Flussufer in Ciudad Hidalgo aufgezogen.

Die Mitglieder der Karawane liefen einige Kilometer flussaufwärts an eine Stelle, an der die Wassertiefe geringer ist. Die Menschen hielten Tüten, Rucksäcke und ihre Kinder über den Kopf, um den Fluss zu passieren. Sie hielten sich gegenseitig an den Händen, um nicht von der Strömung mitgerissen zu werden. Etwa 1.500 Menschen erreichten das andere Ufer. Weder die Marine noch die Polizei schritten ein. So zogen sie weiter. In Richtung Norden. In den Fußstapfen der anderen Karawanen. Mit den gleichen Hoffnungen und Träumen.


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