Aus: Ausgabe vom 07.11.2018, Seite 8 / Ausland

»Wir erleben eine neue Form der Vertreibung«

Die Mapuche in Argentinien und Chile wehren sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Gespräch mit Adrián Moyano

Interview: André Scheer
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Ölförderung in Patagonien: Die industrielle Entwicklung durch Großkonzerne geht zu Lasten der Urbevölkerung

Am 25. November jährt sich die Tötung eines jungen Mapuche in Bariloche im Südwesten Argentiniens durch die Polizei. Was passierte damals?

Im vergangenen Jahr hat eine Gruppe von Mapuche aus Bariloche und anderen Regionen damit begonnen, traditionell von den Indigenen besiedelte Ländereien zu besetzen. Daraufhin wurde aus Buenos Aires eine Sondereinheit in Marsch gesetzt, die mit Gewalt, aber erfolglos versuchte, die Menschen aus diesem Gebiet zu vertreiben. Die Aktion kostete einen 22jährigen Mapuche, Rafael Nahuel, das Leben. Das war der vorläufige Höhepunkt einer Repressionswelle, die im Januar zuvor mit der versuchten Räumung eines anderen Grundstücks weiter im Süden begonnen hatte. Im August kam es dann zum »Verschwinden« und zur Ermordung von Santiago Maldonado. All diese Episoden belegen die verschärfte Repression durch den argentinischen Staat unter Präsident Mauricio Macri. Historisch ist das Gebiet, das wir heute La Pampa und Patagonien nennen, das Territorium der Mapuche, das von Argentinien Ende des 19. Jahrhunderts mit Waffengewalt und durch einen Völkermord erobert wurde.

Welche Folgen hatte der Tod Rafael Nahuels? Mussten sich die beteiligten Polizisten vor Gericht verantworten?

Der Mord an Rafael wird in Bariloche von einem örtlichen Gericht untersucht. Obwohl bekannt ist, aus welcher Waffe die Kugeln kamen, die ihn töteten, und welcher Beamter geschossen hat, haben die Richter noch keine einzige Maßnahme gegen die Täter oder die politisch Verantwortlichen verhängt. Ihnen wurde noch nicht einmal das Verlassen des Landes untersagt. Der Richter folgt der Darstellung des Sicherheitsministeriums, dass es sich um eine von beiden Seiten geführte Auseinandersetzung gehandelt habe. Ermittler, die wenige Tage nach den Ereignissen das Gelände untersuchten, konnten jedoch feststellen, dass alle Schüsse von den Polizisten abgegeben wurden.

Die Mapuche leben in zwei Staaten, in Argentinien und Chile. Wie ist ihre Lage generell?

In beiden Staaten erleben wir, dass Unternehmen immer weiter auf die von den Mapuche besiedelten Gebiete vordringen. In Chile verfolgt die Regierung einen Plan, der die Territorien der Mapuche aufteilen und es den Bewohnern erlauben soll, ihre Grundstücke auf dem Immobilienmarkt zu verkaufen. Dagegen gibt es große Demonstrationen und starken Widerstand, denn die Aufteilung der Gebiete wäre das Todesurteil für die Gemeinden. Die Beziehung zwischen dem Volk der Mapuche und ihrem Territorium ist sehr eng.

Auf der argentinischen Seite hat die starke Repression mit den Plänen von Unternehmen zum Abbau von Bodenschätzen zu tun. Und es sollen Wasserkraftwerke an Flüssen gebaut werden, die Territorien der Mapuche durchfließen. Hinzu kommen touristische Projekte. Wir erleben eine neue Form der Vertreibung durch die Privatisierung der Gewässer und der Ausbeutung des Bodens.

Was fordert das Volk der Mapuche mittel- und langfristig?

Langfristig verlangen wir ein Ende der kolonialen Unterdrückung und den Respekt des argentinischen und chilenischen Staates für unser Volk. Die Mapuche haben seit dem 19. Jahrhundert nicht nur ein Großteil ihres Territoriums verloren, sondern auch die Möglichkeit, selbständig über ihr Schicksal zu bestimmen. Wir fordern die Anerkennung der in Chile und Argentinien gesetzlich festgelegten Autonomie der indigenen Völker. Dabei geht es nicht um die Gründung eines eigenen Staates. Das Volk der Mapuche soll aber selbst darüber bestimmen können, wie es seine Kinder erziehen will und in welcher Sprache es spricht. Und es will nein zu großen Bergbau- oder Erdölkonzernen sagen können und selbst entscheiden, wie es sich ökonomisch entwickeln will. Kurzfristig fordern wir ganz einfach, dass sie aufhören, Mapuche umzubringen und einzusperren. Beide Staaten müssen verstehen, dass sie diese Fragen nicht durch Kriminalisierung lösen können, sondern dass politische Antworten nötig sind.

Adrián Moyano arbeitet als Historiker, Journalist und Politologe im argentinischen Bariloche

Veranstaltungshinweis: »Der Widerstand der Mapuche in Argentinien und Chile«. Podiumsgespräch mit Adrián Moyano. Musik: Anahí Mariluan. Dienstag, 13. November, 19.00 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin. Eintritt 6,00 Euro/ermäßigt 4,00 Euro. Anmeldung unter mm@jungewelt.de oder 0 30/53 63 55 56


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