Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Voll die Natur

Thomas Klupp bereichert das Genre des soften Arschlochromans um eine bayerisch-kleinstädtische Variante

Von Frank Willmann
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Tennis macht durstig – wo bleibt die Bierbong?

Hand aufs Arschgeweih, wer von uns möchte nicht noch einmal sechzehn sein und den ersten Hauch von Sex und Drogen atmen? Thomas Klupp schickt uns mit Benedict Jäger, von seinen Freunden Dschägga genannt, auf eine kleine Tour durch Weiden, eine fucking Kleinstadt in der Nähe der tschechischen Grenze, wo Crystal Meth günstig wie Leberkäse und voll die Natur ist.

Dschägga, schulisch gesehen ein Vollversager, hat in seinem kurzen Leben als überforderter Gymnasiast schon allerhand Dinge angestellt, die Provinzeltern (Mutti Hausfrau, Vati Chefchirurg) in Sinnkrisen stürzen können. Er fälscht die Unterschrift seiner Eltern, betrügt bei Klausuren und Aufsätzen und setzt seine kreative Ader ein, um mit dem Arsch an die Wand zu kommen.

Lebenssinn findet er beim Tennisspielen. Bei der Aftershow im lokalen Bums für Jugendliche geht es robust zu, immerhin kommt man dort gut an Softdrogen und billigen Alkohol. Seine Nächte sind einsam, ab und an berückt er sich mit der hohlen Hand und träumt vom ersten Mal.

Unerwartet tut sich ein Spalt auf, als eine der Kleinstadtschönheiten Dschägga für einen Job als Scheinexistenz bucht. Als Gegenleistung für öffentlichkeitswirksames Knutschen mit der holden Maid muss er als Zeuge herhalten.

Auch Dschäggas Mutti ist eine Meisterin des Blendens. Um ihren schalen Hausfrauentreffen etwas Glamour überzuhelfen, ruft Dschägga sie während dieser Treffen an und palavert mit ihr über teure Reisen, Opernbesuche und ähnlichen Schnulli, der in diesen Kreisen angesagt ist.

Ach ja, die dummen Streiche der Reichen, man kann gar nicht früh genug damit beginnen. So richtig doll böse und fies sind die Figuren nicht. Richtig Fahrt nimmt die lässige Schnurre auf, als der böse und vom Krebs schon ordentlich zerfressene Lehrer Sargnagel (!) die Gymnasiasten ernsthaft zu knechten beginnt. Ausgerechnet in Mathe und Physik! Den schlimmsten Fächern der Welt! Selbst mir rieselt es, fast 40 Jahre nach meinem Abiturabbruch, noch eisig den Rücken herunter. Der halbtote Greis wird in einer konzertierten Aktion zur Strecke gebracht, als Dschägga und seine bekloppten Tenniskumpels endlich mal was Gutes tun.

Jedenfalls ein pittoreskes Jugendbuch, das in den schönsten Momenten an »Tom Sawyer« gemahnt. Summa summarum ein Buch für die ganze Familie, selbst die lieben Kleinen (FSK 14) kann man damit behelligen, sofern sie wissen, was ein Buch ist.

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat. Berlin-Verlag, Berlin 2018, 256 Seiten, 20 Euro


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