Aus: Ausgabe vom 05.11.2018, Seite 7 / Ausland

Saudis verstärken Jemen-Krieg

Koalition arabischer Ölmonarchien will vor möglichen Friedensverhandlungen ihre Position verbessern

Von Knut Mellenthin
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Angriff auf Zivilisten: Durch einen saudischen Angriff zerstörter Bus nahe der jemenitischen Stadt Saada (4.9.2018)

Die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten angeführte Kriegskoalition bereitet eine neue Offensive gegen Hodeida vor, die »in den nächsten Tagen« beginnen soll. Über die am Roten Meer gelegene jemenitische Hafenstadt kommt der größte Teil der internationalen Hilfslieferungen in das Land. Aufgrund des Krieges leiden im Jemen nach Schätzungen der UNO zwischen acht und zehn Millionen Menschen unter schwerem Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten. Noch größer ist die Zahl derjenigen, die auf Hilfslieferungen angewiesen sind.

Die Saudis und ihre Partner führen seit März 2015 einen Interventionskrieg im Jemen. Hodeida befindet sich, ebenso wie die Hauptstadt Sanaa und der gesamte Nordwesten des Landes, im Machtbereich eines Bündnisses, dessen stärkste Kraft die schiitische Organisation Ansarollah ist. In den Medien wird sie meist mit dem abwertend gemeinten Namen »Huthis« bezeichnet. Im Juni begann die Kriegskoalition, nachdem sie die Verbindungswege zur Hafenstadt weitgehend unterbrochen hatte, ihre erste Bodenoffensive gegen Hodeida.

Trotz starker Unterstützung aus der Luft kamen die Angreifer aber nicht sehr weit. Die Stadt mit vermutlich immer noch 400.000 Bewohnern ist leichter zu verteidigen als einzunehmen. Die Hoffnungen der Saudis und der Emirate richteten sich deshalb darauf, Ansarollah mit Hilfe der UNO zum »freiwilligen« Verlassen Hodeidas drängen zu können. Das misslang jedoch bisher.

Für die jetzt geplante neue Offensive wurden in den vergangenen Tagen zusätzliche Truppen mit mehr als 10.000 Mann in die Außenbezirke der Stadt verlegt. Es handelt sich um eine bunte Mischung aus südjemenitischen Separatisten, die von den Emiraten gefördert werden, Anhängern des zwar »international anerkannten«, aber durch nichts legitimierten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, und ausländischen Söldnern, darunter viele Sudanesen. Gleichzeitig mit der Vorbereitung der neuen Bodenoffensive verstärkten die Saudis ihre Luftangriffe auf Sanaa.

Mit der Intensivierung ihrer militärischen Aktivitäten reagiert die Kriegskoalition auf das jüngste diplomatische Manöver der US-Regierung. Außenminister Michael Pompeo und Verteidigungsminister James Mattis hatten am Dienstag zu einem Waffenstillstand und zur Wiederaufnahme der seit zwei Jahren unterbrochenen Verhandlungen zwischen Hadi und seinen Gegnern aufgerufen. Diese sollen unter Vermittlung des UN-Sonderbeauftragten Martin Griffith außerhalb Jemens stattfinden und noch im November beginnen.

Als erste Ziele nannte Pompeo in einer sehr kurzen und allgemein gehaltenen Presseerklärung »die Umsetzung vertrauensbildender Maßnahmen«, »die Entmilitarisierung der Grenzen« – gemeint ist damit der Rückzug Ansarollahs von der saudischen Grenze – und »die Konzentration aller schweren Waffen unter internationaler Beobachtung«. Auf Ersuchen der UNO hat sich Schweden als Gastland für eine solche Konferenz angeboten.

Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, dass es überhaupt zu Verhandlungen kommt, wollen die Saudis und ihre Partner offenbar die Zeit bis Ende November nutzen, um ihre Ausgangsposition durch Bodengewinne, hauptsächlich durch die Einnahme Hodeidas, zu verbessern. Ansarollah-Vertreter haben den Vorstoß der US-Regierung in ersten Stellungnahmen als »totale Farce« bezeichnet. Anfang September war Griffith mit seinem Versuch gescheitert, Gespräche in Genf zwischen Hadi und seinen Gegnern zustande zu bringen. Die Delegation von Ansarollah erschien nicht, da die Saudis ihr noch nicht einmal die sichere Rückkehr nach Sanaa garantieren wollten.

In der Vergangenheit blieben alle Verhandlungsansätze erfolglos, weil der UN-Sicherheitsrat sich hinter die unrealistischen Maximalforderungen Hadis und seiner ausländischen Unterstützer gestellt hat. Zu diesen gehört der Abzug der »Huthis« aus allen von ihnen kon­trollierten Städten und die Ablieferung ihrer schweren Waffen – ohne garantierte Gegenleistungen.


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