Aus: Ausgabe vom 05.11.2018, Seite 5 / Inland

Branche ohne Regeln

Gewerkschaft NGG: Hotel- und Gaststättengewerbe im Osten weitgehend ohne Tarifbindung

Hotels_in_Sachsen_An_39681307.jpg
Hinweisschild auf einem Hotel in Köthen (Sachsen-Anhalt) - Foto von 2014

Die Gewerkschaft NGG hat die Tarifflucht in der ostdeutschen Hotel- und Gaststättenbranche kritisiert. »Die Situation im ostdeutschen Gastgewerbe muss man bei der Tarifbindung dramatisch nennen«, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, Guido Zeitler, vor dem Beginn des NGG-Gewerkschaftstages (5. bis 9. November) in Leipzig: »Wir haben gerade einmal zehn Prozent der Betriebe, die an die geltenden Tarifverträge gebunden sind.« In Westdeutschland seien es immerhin 27 Prozent.

Die Tarifflucht führe zu Niedriglöhnen. Zwar könne es im Einzelfall sein, dass ein Betrieb freiwillig mehr zahle als den Tariflohn. »Aber alle Statistiken zeigen, dass Tarifverträge deutlich bessere Entlohnung und weitere Sonderleistungen wie Weihnachtsgeld, Urlaubszeit und günstiger geregelte Arbeitszeiten bieten«, sagte Zeitler. Ein Geschäftsmodell, das auf schlechter Bezahlung der Mitarbeiter basiere, sei schlicht ein »falsches Geschäftsmodell«.

Der NGG-Vize kritisierte zudem den Unternehmerverband Dehoga, der in allen ostdeutschen Landesverbänden sogenannte OT-Mitgliedschaften – ohne Tarifbindung – anbiete. Wer eine solche abschließe, nehme die Angebote des Wirtschaftsverbandes gerne wahr: »Die sozialpolitische Verantwortung wollen diese Arbeitgeber aber nicht mehr wahrnehmen.«

Der Dehoga-Bundesverband hielt nur schwach dagegen. Die Mehrzahl der Beschäftigten arbeite in Betrieben, die unmittelbar an Tarifverträge gebunden seien oder sich daran orientierten. »Wenn ein Arbeitgeber nicht tarifgebunden ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er seine Mitarbeiter schlechter bezahlt«, erklärte der Verband. OT-Mitgliedschaften gebe es zudem auch in Bayern, Hamburg und Hessen. Sie seien nicht spezifisch für das Gastgewerbe, sondern es gebe sie in Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie oder im Handel.

Für die NGG sei das Gastgewerbe auch über den Osten hinaus ein schwieriges Feld, sagte Zeitler. Von den bundesweit zwei Millionen Beschäftigten seien eine Million »Minijobber«. Da werde viel getrickst und schwarz entlohnt. »In dieser Branche will man sich nicht gerne an Regeln halten«, sagte Zeitler. Die Kritik der Unternehmer, das Arbeitszeitgesetz sei zu unflexibel, wies der Gewerkschafter als unberechtigt zurück. Vielerorts sei schlechte Planung des Personaleinsatzes das Problem.

Die NGG hat bundesweit 200.000 Mitglieder. Sie betreut die Ernährungsindustrie mit rund 700.000 Beschäftigten, das Gastgewerbe mit gut zwei Millionen Mitarbeitern, das Bäckerei- und Fleischereihandwerk sowie die Brauindustrie. (dpa/jW)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

Ähnliche:

Mehr aus: Inland