Aus: Ausgabe vom 05.11.2018, Seite 4 / Inland

Braune Störversuche

Extrem Rechte planen in mehreren Städten Aufmärsche am 9. November. Gegendemonstrationen von Nazigegnern angekündigt

Von Markus Bernhardt
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Mit Fackeln und Transparenten versammeln sich extrem rechte Demonstranten zum »Lichtmarsch« (Plauen, 29.10.2018)

In diesen Tagen wird nicht nur an die Novemberrevolution vor 100 Jahren erinnert. An diesem Freitag jährt sich die sogenannte Reichspogromnacht zum 80. Mal. Wie in den Jahren zuvor dürfte es auch an diesem 9. November im Rahmen offizieller Gedenkveranstaltungen mancherorts Unstimmigkeiten darüber geben, wie mit Mandatsträgern und Funktionären der AfD umgegangen werden soll, die sich – aus welchen Gründen auch immer – an diesen Veranstaltungen beteiligen wollen. Denn während neofaschistische Splitterparteien wie die NPD, »Die Rechte« und »Der III. Weg« keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus machen, gibt die völkisch-nationalistische AfD ein diffuseres Bild ab.

Um an den damaligen staatlich organisierten Terrorakt zu erinnern, sollen am Freitag im gesamten Bundesgebiet verschiedene Mahnwachen und Kundgebungen durchgeführt werden. In Dortmund, wo Ende September knapp 100 Neofaschisten unter den Augen der Polizei die Parole »Wer Deutschland liebt, ist Antisemit!« herausbrüllen konnten, findet das offizielle Gedenken bereits am Donnerstag ab 14 Uhr im Stadtteil Dorstfeld statt. Dieser gilt als Hochburg der lokalen Neonaziszene. Auch in diesem Jahr ist dort mit Störversuchen zu rechnen.

Im ehemaligen Karl-Marx-Stadt mobilisiert das antifaschistische Bündnis »Chemnitz nazifrei« zu Protesten gegen einen Aufmarsch der extrem rechten Wählervereinigung »Pro Chemnitz«, die auch im Rat der Stadt vertreten ist. In Berlin fordern mittlerweile Dutzende Persönlichkeiten und Initiativen das Verbot eines Aufmarschs des extrem rechten Zusammenschlusses »Wir für Deutschland«, der – wohl kaum grundlos – am 9. November unter dem Motto »Für die Opfer von Politik« durch das Regierungsviertel führen soll. Gegenproteste verschiedener Bündnisse sind bereits angemeldet.

Zur Erinnerung: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 entlud sich der Rassenwahn der Faschisten in einem staatlich organisierten Pogrom bis dahin nicht gekannten Ausmaßes, welches sich gegen Jüdinnen und Juden richtete. Im Rahmen des äußerst brutalen Vorgehens von Mitgliedern der Nazipartei und ihrer SA-Schlägertruppe und unter den Augen eines johlenden und Beifalls bekundenden Mobs wurden Synagogen in Brand gesetzt und mehr als 7.000 Geschäfte und Wohnungen jüdischer Besitzer zerstört und geplündert. Der faschistische Mob hetzte jüdischstämmige Menschen durch die Straßen, prügelte auf sie ein und ermordete – offiziellen Zahlen zufolge – mindestens 91 Menschen. Wie viele Jüdinnen und Juden bei den landesweit stattfindenden Po­gromen insgesamt verletzt wurden, ist nicht bekannt. Jedoch wurden nicht wenige Opfer nach der öffentlichen Menschenjagd von der Polizei festgenommen. Rund 30.000 Menschen wurden im Anschluss an das Pogrom in sogenannte Konzentrationslager verschleppt.

Dass sich Neofaschisten aktuell selbstsicher genug fühlen, um ihre antisemitische Hetze unumwunden öffentlich zu propagieren, dürfte auch mit dem anhaltenden gesellschaftlichen Rechtsruck zu erklären sein, der seit Jahren europaweit stattfindet. Bereits am vergangenen Montag waren etwa rund 200 Anhänger der Partei »Der III. Weg«, ausgestattet mit Fackeln, durch Plauen marschiert und hatten sich damit den 80. Jahrestag der ersten Deportationen von Juden aus der sächsischen Kleinstadt ausgewählt. Rund 500 Menschen protestierten gegen den antisemitischen Spuk. Und im ostsächsischen Os­tritz, wo sich am vergangenen Freitag und Samstag insgesamt 3.000 Bürgerinnen und Bürger aus Protest gegen das dort stattfindende »Schild und Schwert«-Festival von knapp 700 Neonazis an einem Friedensfest beteiligt hatten, kam es zu Straftaten der Rechten. So unterbrach die Polizei in der Nacht zu Sonnabend eines der Konzerte, da eine Band »strafrechtlich Relevantes« gespielt habe, wie die Polizei gegenüber dem MDR bestätigte.


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Nach russischem Vorbild Deutschlands unvollendeter Bruch mit der alten Ordnung

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