Aus: Ausgabe vom 03.11.2018, Seite 2 / Kapital & Arbeit

»Schon jetzt wird auf Teufel komm raus abgeholzt«

Regenwald und indigene Bevölkerung Brasiliens durch Kahlschlagpolitik von Präsident Bolsonaro in großer Gefahr. Ein Gespräch mit Werner Würtele

Interview: Marc Bebenroth
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Bislang strafbarer Raubbau in Brasilien kann schnell legalisiert werden (Itaituba, 7.8.2017)

Am Donnerstag hatte das Lateinamerika-Forum Berlin in die Bundeshauptstadt geladen. Wer fand sich dort zusammen, und welchen Schwerpunkt hatte die Veranstaltung?

Gemeinsam mit Misereor, dem Klimabündnis europäischer Städte, dem Forschungs- und Dokumentationsforum Chile-Lateinamerika und anderen haben wir über die Zerstörung Amazoniens, den verschärften Klimawandel und die Rolle der Kommunen hierzulande diskutiert. Bereits in den 1990er Jahren wurde schließlich erkannt, dass auch europäische Städte etwas tun müssen zur Unterstützung der Völker in den Regenwäldern. So ist die Reduzierung von CO2-Emissionen seit längerer Zeit ein wichtiger Punkt. Mittlerweile sind 1.700 europäische Gemeinden und Regionen im weltweit größten Klimabündnis dieser Art organisiert. Hierzulande hat beispielsweise die Stadt Köln eine Klimapartnerschaft mit indigenen Völkern in Peru begonnen. Berlin dagegen ist sehr inaktiv.

Welche Relevanz hat die Situation in Amazonien für die Menschen hier?

Man sagt, dass 20 Prozent der Erderwärmung mit der Entwaldung zu tun hätten. Das Jahr 2017 war das mit der zweithöchsten Entwaldungsrate weltweit. Der Kampf gegen den Klimawandel hängt somit sehr stark mit der Bewahrung der Wälder in Amazonien zusammen.

Dort sind nach wie vor die indigenen Völker die besten Schützer des Regenwaldes. Auf Satellitenaufnahmen sieht man, dass die für Indigene demarkierten Gebiete grün sind. Alles drum herum ist Soja und Weidewirtschaft. Und diese Sojabohnen landen bei uns im Futtertrog der Schweine.

Wie schätzen Sie den neuen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, ein?

Der Bolsonaro ist ein widersprüchlicher Typ: Er redet faschistisch, und möglicherweise ist er es auch. Aber er wird womöglich auch schnell wieder zurückgepfiffen. So hat er angekündigt, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Kurz darauf hat er – von welcher Seite auch immer – Druck bekommen und ist damit vorsichtiger geworden. Nächstes Jahr soll in Brasilien die große Klimakonferenz stattfinden.

Aber die Agroindustrie spielt eine große Rolle bei der Unterstützung Bolsonaros, eine äußerst unangenehme Kooperation. So einmalig er in der Weltgeschichte ist, so gefährlich ist er auch. Dass so jemand einen solch großen Zulauf erhalten konnte, da blutet einem das Herz.

Wie reagiert die indigene Bevölkerung auf Brasiliens neuen Präsidenten?

Die Indigenen sind hochgradig verängstigt. Die Entwaldungsrate hat in den letzten Monaten unglaublich zugenommen – und zwar mit Blick auf die Aussage Bolsonaros, er würde Strafen abmildern und Umweltgesetze verwässern, wenn nicht sogar ganz aufheben. In Erwartung dessen wird schon jetzt auf Teufel komm raus abgeholzt. Das ist die ganz große Gefahr, die jetzt bei den Indigenen gesehen wird. Aber auch die Kautschukzapfer, die Anrainer der Flüsse in der Region und andere: Sie alle sehen sich hochgradig bedroht.

Welche Rolle spielt die Bundesrepublik?

Mit Brasilien besteht eine strategische Partnerschaft. Man muss also sehen, wie sich das künftig weiterentwickelt. Jedenfalls sehe ich das, was in den letzten Jahren durch deutsche Entwicklungszusammenarbeit in Brasilien geleistet wurde, in Gefahr. So hatte Bolsonaro angedroht, alle Nichtregierungsorganisationen rauszuwerfen, Tausende Aktivisten einzusperren oder auszuweisen.

Welche konkreten Leistungen fallen Ihnen ein?

Eine der positiven Seiten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit war die Demarkierung sehr vieler Gebiete in Brasilien für die indigene Bevölkerung durch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Das war noch in der Zeit des linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Durch diese Arbeit haben Indigene ihren Rechtsanspruch auf eigenes Land verwirklichen können.

Was steht für Sie als nächstes an?

Für Berlin ist es mein Ziel, dass wir hier eine kommunale Partnerschaft mit Gruppen in Lateinamerika begründen. Das kann auch von einzelnen Bezirken aus organisiert werden. Aber ich denke auch an die vielen Nichtregierungsorganisationen wie die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt und andere, die Partner in Brasilien und anderswo haben. Die sind ganz wichtig, die muss man stärken. Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen in Brasilien nicht allein lassen, sondern wir brauchen so etwas wie eine neue Solidaritätsbewegung.

Werner Würtele ist ­Präsident des Latein­amerika-Forums Berlin (www.lateinamerikaforum-berlin.de)


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