Aus: Ausgabe vom 02.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Die Handlungsspielräume der Susi Blau

Rezension: Roman »Die jungen Götter« von Annemarie Weber neu herausgegeben

Von Christiana Puschak
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Buchcover der Neuauflage

Annemarie Webers Roman »Die jungen Götter« ist 1974 erstmals erschienen. Er erzählt von einer selbstbewussten und emanzipierten Frau um die Fünfzig, mit feinem Gespür für die Enttabuisierung sexueller Themen, die damals in der Luft lag.

Der 1918 geborenen Journalistin, früheren Buchhändlerin und Übersetzerin Annemarie Weber, die gerade als Schriftstellerin wiederentdeckt wird, ist es in ihren Romanen gelungen, die Atmosphäre Westberlins zu unterschiedlichen Zeiten einzufangen. So schilderte sie in »Westend« die unmittelbaren Nachkriegsjahre. In »Roter Winter« interpretierte sie die Ideen der 1968er zwischen bürgerlichem Ku’damm und Weddinger Studentenkneipen auf ihre ganz eigenwillige Art.

Der Aviva-Verlag hat anlässlich ihres 100. Geburtstags am 8. Juni in diesem Jahr ihren Roman »Die jungen Götter« neu herausgegeben und mit einem Nachwort ihres Enkels Robert Weber versehen. Der Titel mag erstaunen, denn schon 1974 stießen emanzipierte Frauen die Männerwelt von ihren Sockeln.

Annemarie Weber erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Susi Blau. Ort der Handlung ist wiederum Westberlin Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Die einstige Schauspielerin Susi Blau, die durch ihre extrovertierte Lebensweise auffällt, regelmäßig Sport treibt und ihr Alter – um die fünfzig – keineswegs verschweigt, vergöttert junge Männer. Nachdem sie ihren gewalttätigen Ehemann vor die Tür gesetzt hat, um sich ganz der Arbeit an ihrem Buch zu widmen, kommen ihr diese Männer unter dreißig immer wieder in die Quere. Es sind Männer von fragwürdigem Charakter mit Hang zum Kiffen und zuviel Alkohol, zu Bequemlichkeit und Angeberei. Mit ihnen hat sie Affären, die von der Autorin plastisch und mit ironischen Untertönen geschildert werden. Wer zu ihren Bettgefährten gehört, entscheidet Susi Blau. Sie ist fasziniert von den Körpern der jungen Männer, vom »Knospenmund des Knaben« und vom »hübschen Jünglingsschoß«. Sie genießt Schönheit und Sexualität, ja sie lebt geradezu auf. Wenn sie eine neue Eroberung gemacht hat, geht sie auf den jungen Mann ein, den sie gerade mag, und duldet zähneknirschend seine Steckenpferde. Als »Frau von Welt« kleidet sie ihre Liebhaber im Modesalon ein. Sie nimmt sie als hübsch anzusehende Staffage zu Veranstaltungen des Kunstbetriebs mit. Unwillkürlich denkt man dabei an die Amouresken »Von Paul zu Pedro« der Schriftstellerin Franziska zu Reventlow. Frau Blau will Begegnungen auf Zeit und auf Augenhöhe. Sie findet sich damit ab, dass sie zahlen muss, wenn sie mit dem Liebhaber essen geht, denn »auf dem Liebesmarkt ist der Ältere der Schwächere«. An diesen Stellen spürt man zuweilen Susis Melancholie.

Nicht allein in ihren Liebeleien lebt sie auf, sondern auch, als sie ein kleines Theater in einem Hinterhof, das zum Treffpunkt der Boheme wird, eröffnet. Hier steht sie nach Jahren wieder auf der Bühne und kann, »leicht und gelöst, eine Unglückliche spielen«. Ob in der Liebe oder im Theater, Susi Blau erobert sich ihre Handlungsspielräume. Sie nimmt sich die Freiheit, selbst zu bestimmen, was sie tun will.

Ohne Frage ist die Romanautorin Annemarie Weber auf Susis Seite, diese ist ihr Alter ego. Klar und unmittelbar, witzig und pointiert in den Dialogen, erzählt die Autorin ohne Illusionen in diesem erfrischenden und flüssig zu lesenden Roman, dass es für Frauen jeder Altersstufe Möglichkeiten gibt, sich zu verwirklichen, sofern sie selbstbestimmt agieren und wirtschaftlich unabhängig sind.

Weber, Annemarie: Die jungen Götter, mit einem Nachwort von Robert Weber, Aviva-Verlag, Berlin 2018, 304 Seiten, 19 Euro


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