Aus: Ausgabe vom 01.11.2018, Seite 5 / Inland

»Skandal ersten Ranges«

Ausbildung: Zahl der jungen Menschen ohne formale Qualifikation steigt

Von Ralf Wurzbacher
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Ausbeutung oder Ausbildung? Messestand des deutschen Fleischerverbandes auf der Internationalen Handwerksmesse in München (24.2.2016)

Vorgestern gab es »Historisches« im Doppelpack. Erstmals seit dem Anschluss der DDR an die BRD ist die Arbeitslosigkeit auf eine Quote von unter fünf Prozent gesunken. »Auf diese Zahlen kann Deutschland stolz sein«, frohlockte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in einem Pressestatement, und bestimmt haben sich Millionen »Erwerbstätige« in Billig-, Mini-, befristeten, Werkvertrags- und Leiharbeitsjobs mit ihm gefreut. Von ähnlicher Güte ist der neueste, ebenfalls am Dienstag verkündete »Rekord« auf dem Ausbildungsmarkt: Im Berufsberatungsjahr 2017/18 zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr gemeldete Lehrstellen als Bewerber. Zuletzt war dies 1994 der Fall.

565.300 Stellen hat die BA zwischen Oktober 2017 bis September 2018 registriert, rund 20.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Demgegenüber nahmen 535.600 Ausbildungssuchende die Vermittlungsangebote der Agenturen und der Jobcenter in Anspruch. Bis Ende September kamen 489.000 Ausbildungsverträge zustande, 8.500 mehr als ein Jahr davor. Trotz des vermeintlichen Überangebots waren zuletzt noch 24.500 der Suchenden unversorgt. Damit gingen fünf Prozent der Bewerber leer aus, während zugleich 57.700 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden konnten (plus 8.700).

BA-Vorstandschef Detlef Scheele zeigte sich dennoch guter Dinge: »Wenn Bewerber auch Alternativen jenseits ihres Traumberufes in Erwägung ziehen und Betriebe sich hinsichtlich nicht ganz so guter Kandidaten offen zeigen, bin ich optimistisch, dass in der Nachvermittlungszeit noch Ausbildungsverhältnisse zustande kommen.« Nicht unter »Traumberuf« laufen augenscheinlich das Fleischer- und Bäckerhandwerk sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Auf 100 Stellen bewarben sich hier lediglich 28 bzw. 50 Jugendliche. Nicht ohne Grund stehen die fraglichen Branchen im Ruf, vielfach Arbeitszeitrichtlinien zu missachten und Lehrlinge als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen. Laut »Ausbildungsreport 2018« des DGB leisten jeweils über 50 Prozent der befragten Hotelfachleute und Köche regelmäßig Überstunden. Aber auch in anderen Wirtschaftszeigen klagten immer mehr Azubis über Flexibilisierungsdruck, unbezahlte Mehrarbeit, ständige Erreichbarkeit und regelmäßige Schichtarbeit, heißt es in der Studie.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack erinnerte am Dienstag in einer Medienmitteilung an 290.000 Jugendliche, die in den »zahllosen Ersatzmaßnahmen im Übergang von der Schule in den Beruf« feststeckten. Fast 1,5 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren hätten keine abgeschlossene Ausbildung und befänden sich auch nicht in einem Studium oder einem Freiwilligendienst.

Am gleichen Tag rechnete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor, dass unter den 20- bis 34jährigen die Zahl der sogenannten nicht formal Qualifizierten um 180.000 Menschen gestiegen sei, »und dies bei permanenten Klagen der Unternehmen über einen Fachkräftemangel«. Das sei »ein gesellschaftspolitischer Skandal ersten Ranges«, erklärte Vorstandsmitglied Ansgar Klinger. Angesichts von nur noch einem Fünftel ausbildender Betriebe forderte der Gewerkschafter neben einer Ausbildungsplatzumlage eine »Ausbildungsgarantie für alle jungen Menschen«. Dass dies »ohne revolutionäre Veränderungen« möglich sei, beweise Österreich.

In der Alpenrepublik wurde vor knapp zwei Jahren das Programm »Ausbildungsgarantie bis 25« aufgelegt, das mit einem Mix unterschiedlicher Qualifizierungsmaßnahmen das Ziel verfolgt, jedem jungen Erwachsenen zu einem Berufsabschluss zu verhelfen. Allerdings sieht es aktuell danach aus, als wollte die ÖVP-FPÖ-Regierung die Förderung zum Jahresende auslaufen lassen.


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