Aus: Ausgabe vom 29.10.2018, Seite 4 / Inland

Ziviler Ungehorsam en masse

Gleise der Hambachbahn besetzt: Tausende setzen sich teils mit Blockaden für sofortigen Ausstieg aus Kohleförderung ein

Von Manuela Bechert
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Aktivistenabwehr in der Nähe der Hambachbahn: Wasserwerfereinsatz am Samstag auf der Autobahn A4

Nach Angaben des Aktionsbündnisses »Ende Gelände« sind am vergangenen Wochenende 6.500 Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa ins rheinische Braunkohlerevier gekommen, um sich für den sofortigen Ausstieg aus der Kohleförderung einzusetzen. 2.000 von ihnen hielten demnach in der Nacht zum Sonntag die Gleise der Hambachbahn besetzt, die den Tagebau des RWE-Konzerns an die Nord-Süd-Bahn anbindet. »Angesichts der Dringlichkeit des Klimaproblems halten wir es für notwendig und angemessen, einen Schritt weiter zu gehen: vom öffentlichen Protest zum zivilen Ungehorsam«. Denn die Regierenden setzten weiter auf die Nutzung klimaschädlicher fossiler Energieträger. Der Hambacher Forst werde jetzt für immer mehr Menschen zum Symbol des Widerstands dagegen, hieß es im »Aktionskonsens«, den das Bündnis im Internet veröffentlicht hatte.

Am nächstgelegenen Bahnhof Düren wurden die Aktivisten direkt bei der Ankunft von der Polizei festgehalten, mussten Personalien an- und zum Teil Fingerabdrücke abgeben. Die Aktivisten teilten sich in Gruppen auf und bildeten farbige »Finger«, die an verschiedenen Stellen Blockaden durchführen sollten. Es war Konsens in allen Gruppen, sich ruhig und besonnen zu verhalten. Von Ihnen sollte keine Eskalation ausgehen; Menschen sollten nicht gefährdet werden. »Wir werden mit unseren Körpern blockieren und besetzen. Wir werden dabei keine Infrastruktur zerstören oder beschädigen«, hieß es.

Die langfristigste und größte Blockade wurde auf dem Gleisbett der Hambachbahn geschaffen. Wie Ameisen strömten die in weiße Overalls gekleideten Aktivisten am Samstag mittag auf die Gleise und legten die Bahn dadurch still. Die Bahn, von RWE als »Schlagader des Reviers« bezeichnet, bringt die Braunkohle aus dem Tagebau Hambach zu den umliegenden Kraftwerken. Normalerweise fahren auf dieser Strecke mehrmals pro Stunde voll beladene Kohlezüge und transportieren rund 9.000 Tonnen pro Stunde. Ein Großteil der Aktivisten blieb trotz klirrender Kälte auch über Nacht auf den Gleisen. Die Polizei verhinderte deren Versorgung mit Wasser und Essen.

Bereits in den Morgenstunden war es dem »autonomen Finger« gelungen, in den Tagebau Hambach einzudringen und einen der Kohlebagger zu besetzen. Eine Aktivistin befand sich in großer Höhe auf einer Kabeltrommel auf der Plattform des Baggers.

Der orangefarbene Finger machte sich auf, um in den Tagebau Inden zu gelangen. Die Polizei konnte dies mit brachialen Mitteln verhindern. Die Menschen wurden eingekesselt, mit Pfefferspray attackiert, getreten und mit Gummiknüppeln attackiert, bevor sie festgenommen wurden. Da die eigentliche Gefangenensammelstelle bereits überfüllt war, hielt man einen Teil von ihnen mehr als zehn Stunden lang in einem Gefangenenbus fest. Den »roten Finger« nahmen die Beamten mit Wasserwerfern in Empfang, dazu hatten sie den Bereich des Autobahnkreuzes Kerpen vorübergehend für den Verkehr gesperrt. Trotz des harten Vorgehens der Polizei, die ihre Wasserwerfer direkt gegen Personen anwendete, die ihr über eine recht steile Böschung entgegen kamen, gelang es einem Großteil der Gruppe, die Gleise der Hambachbahn zu erreichen.

Nicht nur die Staatsmacht ging mit Wasserwerfern gegen Aktivisten vor. Im Tagebau Hambach, in den nach der Baggerbesetzung am Morgen noch weitere Personen eingedrungen waren, griffen Security-Mitarbeiter von RWE zu Feuerwehrschläuchen, um die Aktivisten fernzuhalten. Zudem ließ RWE unmittelbar neben ihnen einen Graben ausheben, um sie von den Kohlebaggern zu trennen. Die Gleise räumte die Polizei mit Hilfe der Firmenzüge.


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