Aus: Ausgabe vom 29.10.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Aggressive Ausdehnung

NATO-Manöver »Trident Juncture« dient auch der Vorbereitung weiterer Übungen in der Nähe Russlands und Chinas

Von Jörg Kronauer
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Bei Rena in Norwegen, 23. Oktober: Deutsche Soldaten bei einer Flussüberquerung im Rahmen von »Trident Juncture«

Am Donnerstag vergangener Woche früh um 0.01 Uhr hat es offiziell begonnen: das NATO-Manöver »Trident Juncture 2018« (»Dreizackverbindung«), die größte Übung des westlichen Militärpaktes seit dem Ende des Kalten Kriegs. Lange ist das Manöver vorbereitet worden; bereits Ende August wurden die ersten deutschen Soldaten nach Norwegen verlegt – und seit Wochen sind die PR-Stäbe der Bundeswehr bemüht, der Kriegsübung mit rund 50.000 Soldaten eine größere öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Schließlich ist »Trident Juncture 2018« nicht nur eine nötige Trainingsmaßnahme, wie sie jedes Militärbündnis braucht, um optimal operationsfähig zu sein; es ist zugleich, wie ein ARD-Kommentator zum Beginn des Manövers formulierte, »ein Kraftakt, der Eindruck machen soll«. Und zwar Eindruck bei potentiellen Gegnern.

Das Manöverszenario ist denkbar simpel: Zwei Blöcke, die »Südkräfte« und die »Nordkräfte«, stehen sich gegenüber. Die »Nordkräfte«, der Einfachheit halber auch »die Roten« genannt, greifen die »Südkräfte« bzw. »die Blauen« an. Ab dem kommenden Sonntag sollen »die Blauen« dann dem Drehbuch zufolge zum Gegenangriff übergehen, bis die Hauptübung von »Trident Juncture 2018« vier Tage später zu Ende geht. Die NATO legt – wie kann's auch anders sein – größten Wert darauf, dass mit den »Roten« kein bestimmtes Land gemeint ist. Das geht auch in Ordnung; schließlich weiß ohnehin jeder, dass das Bündnis für einen etwaigen Krieg gegen Russland trainiert – gegen wen auch sonst. Und man darf sich nichts vormachen: Die NATO hatte derlei Szenarien eigentlich stets in petto. Als rund 40.000 Soldaten im Februar/März 2002 unter dem Manövernamen »Strong Resolve« in Norwegen sowie in Polen trainierten – es war damals die größte Kriegsübung seit 1990 –, da hielten russische Experten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Es sei doch bemerkenswert, konstatierte der Kommandeur der Baltischen Flotte, Admiral Wladimir Walujew, dass da »Aufgaben von durch und durch offensiver Natur« von der NATO ausgeführt würden – und das nicht allzu weit von der russischen Grenze entfernt.

Dänische Hilfe

Während die NATO-Soldaten in diesen Tagen Kampfhandlungen aller Art üben, ist ein wichtiger Teil von »Trident Juncture 2018« schon vorbei: die Truppenverlegung. Gewaltige Mengen an Material mussten nach Norwegen transportiert werden; laut Angaben der Bundeswehr ging es um Gerät mit einem Gewicht von 68.000 Tonnen und einem Gesamtvolumen von 277.000 Kubikmetern. Für die deutschen Streitkräfte ist das neu. Selbst im Kalten Krieg habe die Bundeswehr etwas Derartiges nicht durchgeführt, bestätigte Brigadegeneral Ullrich Spannuth, Kommandeur der Landbrigade der NATO-»Speerspitze«, in der vergangenen Woche dem Bundeswehr-Experten Thomas Wiegold auf dessen Blog augengeradeaus.net: Damals habe man Truppen und Gerät vor allem innerhalb der Landesgrenzen verlegt. Im neuen Kalten Krieg sind die Bündnisgrenzen allerdings so weit nach Osten verschoben, dass die Bundeswehr nun auch den Transport gewaltiger Mengen an Material über große Strecken proben muss. Eine zentrale Rolle hat diesmal der Emder Hafen gespielt, in dem Schiffe der dänischen Reederei DFDS das deutsche Kriegsgerät aufnahmen und nach Norwegen fuhren. DFDS hat, weil die Bundesrepublik nicht über einen eigenen strategischen Seetransport verfügt, im Jahr 2006 eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr geschlossen, der zufolge die Reederei jederzeit in der Lage sein muss, ein gewisses Maß an Seetransportkapazitäten binnen kürzester Zeit bereitzustellen.

»Trident Juncture 2018« hat eine weitere wichtige Neuerung gebracht: die Teilnahme des US-Flugzeugträgers »Harry S. Truman«, der am 19. Oktober als erster US-Flugzeugträger seit September 1991 in arktische Gewässer einfuhr. Bereits die Präsenz des Schiffs vor Norwegens Küste muss als deutliches Signal speziell auch an Russland gewertet werden. Als noch folgenreicher könnte sich allerdings ein anderer Aspekt erweisen: Die Anfahrt der »Harry S. Truman« erfolgte über die »GIUK-Lücke« (»GIUK Gap«), den Seeweg auf einer gedachten Linie zwischen Grönland (»G«), Island (»I«) und dem Vereinigten Königreich (»UK«). Das ist nicht nur die Route, die ein US-Kriegsschiff zurücklegen muss, will es arktische Gewässer im Norden Europas erreichen; es ist vor allem auch der Seeweg, über den russische U-Boote in den Atlantik gelangen können, um den US-Nachschub nach Europa zu stören – oder eben nicht. Die »Harry S. Truman« habe auf der Anreise zu »Trident Juncture 2018« eine Strecke genutzt, die den US-Marinesoldaten im Kalten Krieg bestens bekannt, seither allerdings fast in Vergessenheit geraten sei, erläuterte Daniel Goure, Vizepräsident des US-Thinktanks »Lexington Institute«, dem Militärblatt Navy Times. Der Flugzeugträger sei nicht nur zur Machtdemonstration entsandt worden; US-Militärstrategen nähmen vielmehr mit der »GIUK-Lücke« ein Seegebiet in den Blick, »in dem wir womöglich kämpfen müssen«, erklärte Goure. Dort werde deshalb künftig auch wieder häufiger militärisch trainiert werden.

China im Blick

Goure hat in der Navy Times zudem auf einen Aspekt hingewiesen, der beim Blick auf »Trident Juncture 2018« gern übersehen wird. Zu den Seegebieten, in denen es künftig wohl mehr Manöver geben werde, weil man in potentiellen Einsatzgebieten üben müsse, gehörten auch das Mittelmeer und der Westpazifik, so der US-Militärexperte. Das Mittelmeer ist mit Blick auf den Nahen und Mittleren Osten, aber auch in bezug auf die russische Mittelmeerflotte von Bedeutung, der Westpazifik mit Blick auf China. Der zweite Kalte Krieg hat bislang vor allem Ost- und Nordeuropa erfasst; das Aggressionspotential des westlichen Bündnisses reicht allerdings weiter – bis in die Asien-Pazifik-Region hinein.


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