Aus: Ausgabe vom 26.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Trickle-up im Libanon

»Der Affront« von Ziad Doueiri erzählt bei aller politischen Brisanz vom menschlichen, allzumenschlichen Wunsch nach Würde

Von Felix Bartels
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Adel Karam hört eine Stecknadel fallen. Man beachte die Bauarbeiter im Hintergrund

Der undichte Abfluss eines Balkons bringt zwei Männer in der Sommerhitze Beiruts gegeneinander auf. Yasser, Palästinenser und Vorarbeiter einer Baustelle, repariert eigenmächtig Tonis Abflussrohr. Toni, christlicher Libanese und Anhänger der rechtskonservativen Forces Libanaises, zerstört die Installation. Die Lage eskaliert – bis hin zur Körperverletzung, und selbst im Gerichtssaal geraten die beiden noch einmal aneinander.

»Womit«, fragt Yassers Frau Manal mit Recht, »hat es denn begonnen: mit einer Beleidigung oder einem Abflussrohr?« Der Wert dieser Geschichte um einen sich bald zur nationalen Angelegenheit auswachsenden Streit liegt gerade darin, dass der Anlass so läppisch ist. Denn es geht um einen Streit, bei dem eigentlich etwas ganz anderes verhandelt wird. Und der nur weitergeht, weil ein Interesse, ihn beizulegen, gar nicht besteht. Friedrich Dürrenmatt, der Spezialist für persönliche Motive, die den Figuren metaphysisch über die Köpfe wachsen (die Rache, die Wette, das Versprechen usw.), hätte bestimmt einen Weg gefunden, aus diesem Stoff eine Komödie zu machen. Ziad Doueiri ist weniger daran gelegen, die Subjekte aus der Verantwortung zu nehmen. Er erzählt die Geschichte als Charakterdrama, wodurch sie schon sehr an Kleists »Michael Kohlhaas« erinnert, mit dem Unterschied, dass Doueiri an die Überwindbarkeit blinden Verhaltens glaubt.

Die Fabel verlangt eine logisch und psychologisch präzise Abfolge von Aktion und Reaktion. Man kann das Drehbuch hierfür kaum genug loben, so feingliedrig und geradezu klinisch wird die Anatomie des Streits erzählt, so gut gesetzt sind die wichtigen Twists (einmal die Rechtsvertreter der beiden, zum anderen Tonis Vorgeschichte betreffend). Dieser Erzählweise ordnen sich die harten Schnitte unter, die vor allem am Anfang des Films dem Geschehen keine Pause gönnen. Es geht Zug auf Zug, Affront auf Affront, ohne dramaturgische Übergänge oder Phasen der Reflexion. Der Zuschauer kommt damit nicht zur Ruhe, ein Einblick ins Innere der Figuren bleibt ihm verwehrt. Er wird überrannt von der Eskalation eines Konfliktes, der ihm nur umso absurder erscheint.

Es ist schwer zu sagen, ob »Der Affront« sich mehr als psychoanalytischer oder politischer Beitrag zur Geschichte des Libanon versteht. Der Film bedient beide Richtungen: Wir sehen den »Wunsch nach Würde«, wie Doueiri selbst sagt, aber in der Verpackung dezidiert maskuliner Kränkung. Folglich sind die Frauenfiguren – namentlich die beiden Ehefrauen Manal und Shirine sowie die Anwältin Nadine – klüger, sensibler und menschlicher als die Männer. Sie verkörpern die Hoffnung. Auf der anderen Seite haben wir die konkrete Geschichte des Libanon, die tiefer geht als bloß bis zu den beliebten Mustern des israelisch-arabischen sowie des sunnitisch-schiitischen Konfliktes. Die Vergangenheit der christlichen Bevölkerungsmehrheit und die Gegenwart der aus Jordanien vertriebenen Palästinenser greifen schwer entwirrbar ineinander. Es geht um die Kritik am kollektiven Vergessen der eigenen Gewaltgeschichte, von dem zum anderen klar ist, dass nur so wenigstens ein Ansatz nationalstaatlicher Einheit aufrechtzuhalten ist. Hierin wurzelt der Starrsinn Tonis, als Ausdruck seiner paradoxen Haltung, nicht über sein Leid sprechen zu können und gleichzeitig an der Sprachlosigkeit zu leiden.

Das Leid der anderen anzuerkennen, sie wenigstens im Leid als Gleiche zu sehen: Auf diese Moral läuft die Erzählung hinaus. Eine Botschaft mit Gewicht, denn eigenartigerweise führt das gemeinsame Leid verschiedener Bevölkerungsgruppen oft zum Gegenteil. Dieser starke Gedanke offenbart allerdings die große Schwäche des Films: Religiös fundierte und wirtschaftlich forcierte Konflikte sind hier von der politischen Ebene auf die persönliche gebracht, wo sie sich – natürlich – leichter lösen lassen, indem bloß zwei Feinde endlich ein Einsehen haben müssen. Das ist nicht nur eine Simplifizierung, es ist die Privatisierung des Politischen. Schuld wird dem Subjekt zugeschoben, anstatt dessen Machtlosigkeit im Gesamtprozess aufzuzeigen, gegenüber Interessen und Mechanismen nämlich, die sich dem Zugriff der einzelnen Menschen entziehen. »Der Affront« erzählt damit den Mythos des »Trickle-up« fort, demnach politische Veränderung nicht im Großen, sondern im Kleinen beginnt und recht eigentlicher politischer Form nicht bedarf.

»Der Affront«, Regie: Ziad Doueiri. Libanon, Belgien, Frankreich, Zypern, USA 2017, 113 Minuten, Filmstart: ­heute


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